Stühle von Bär + Knell
Stühle von Bär + Knell
Foto: Baer & Knell

Design aus recyceltem Kunststoff Aus der Tonne in den Laden

Beim Upcycling von Plastik wurde das Ausgangsmaterial lange Zeit eher weggestaltet. Aber es geht auch schöner und bunter – wie ein deutsches Künstlertrio und ein niederländisches Unternehmen vormachen.
Von Katharina Cichosch

In den Neunzigerjahren, als Recycling-Messen noch »Entsorga« hießen, feierte ein Designer-Trio aus Bad Wimpfen in Baden-Württemberg fröhlich-anarchische Resteverwertung: Bär + Knell – bestehend aus Beata Bär, Gerhard Bär und Hartmut Knell – fertigten aus Plastikmüll bunt zusammengeschmolzene Leuchten und Stühle, von deren Sitzflächen Pommes-Verpackungen, Plastiktüten und Werbebanderolen herunterflossen wie knallige Lava.

»Für uns sind die einzelnen Kunststoffe wie für den Maler die Farben«, erklärt Gerhard Bär am Telefon. Die Stuhlobjekte fertigt das Kollektiv bis heute immer als Einzelstück im Sinne eines seriellen Unikats. »Wir fügen keine Bindemittel oder Farben zu. Der gesamte Stuhl besteht aus verwertetem Kunststoff. Es sind original die Materialien, die man sieht – wir bereiten auf, reinigen, sortieren, und dann schmelzen wir das Ganze.«

Eigentlich, meint Bär, müsse man ihre Methode korrekt als Downcycling beschreiben. Chemisch betrachtet verringere die Wiederverwertung das Material nämlich. Trotzdem nennt auch das Designerkollektiv die eigene Praxis Upcycling, Aufwertung. In einem ideellen Sinne stimmt das auch: »Wir nehmen Abfall und transformieren ihn in etwas Neues.« Ein Objekt von eigener Ästhetik, das nicht unmittelbar auf Gegenliebe stieß in der deutschen Designlandschaft, wovon auch ein KULTUR SPIEGEL-Artikel aus jener Zeit erzählt.

Arbeitsflächen, Sitzblöcke und Regale aus gehäckseltem Plastik

Inzwischen haben es Stücke von Bär + Knell längst in Ausstellungen und Sammlungen geschafft, auch der damalige Vitra-Museumsdirektor Alexander von Vegesack kaufte zwei Exemplare an. Nicht zuletzt sind die Möbel des Künstler-Designer-Trios ein Stück Zeitgeschichte: bewusst grobes Design, das Herstellungsprozess, Ausgangsmaterial und die damit verbundenen Problemstellungen nach außen kehrt.

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Synthetik-Ästhetik

Foto: Baer & Knell

Up- oder Recycling von Plastik ist keine neue Erfindung. Das Ausgangsmaterial wurde lange Zeit eher weggestaltet. Man erfährt im besten Falle den Anteil an wiederverwertetem Plastik im Produkt, sichtbar ist es nicht. Das war vor Bär + Knell so, und das ist auch heute oftmals so. Gerhard Bär weiß genau, wie Kunststoffe aussehen, die unsortiert eingeschmolzen werden: »grau oder kackbraun«.

Die aktuellen Diskussionen sind dem Designer zu einseitig. Plastik ist nicht gleich Plastik. Die bis in die Neunzigerjahre auch in Deutschland verwendeten Schlauchbeutel für Milch beispielsweise, aus sehr dünn zusammenfaltbarem Polyethylen, hält er noch immer für eine sinnhafte Erfindung. Oft würden gerade unter dem Vorzeichen vermeintlicher Nachhaltigkeit die größten Umweltsünden begangen. Etwa Verbundmaterialien, die nur unter hohem Energieaufwand getrennt werden könnten. Oder Jute: Wenn von heute auf morgen ausschließlich auf das Naturmaterial umgestellt würde, wäre das fatal ob der verbrauchten Pestizide und Anbauflächen.

Für Bär gibt es nur einen Ausweg aus dem aktuellen Dilemma: Es müsse allgemein weniger Abfall produziert werden – vor allem von uns, den Konsumenten. Als Ausgangsmaterial für die eigenen Arbeiten weiß er Kunststoffe noch immer zu schätzen. 2002 sortierte das Trio bundesdeutschen Haushaltsmüll nach Farben, bereitete ihn auf und schmolz daraus Leuchtpaneelen für eine Installation im U-Bahnhof Potsdamer Platz in Berlin. Sichtbarmachung war von Anfang an Programm.

Vielleicht ist es kein Wunder, dass ausgerechnet jetzt, wo Artikel wie die Plastiktüte aus unserem Alltag verschwinden, eine neue Firma Erfolge feiert: Plasticiet. Das niederländische Unternehmen häckselt Plastikabfälle zu kunterbuntem Konfetti und gießt daraus Platten, die sich als Ausgangsmaterial für verschiedene Einsätze eignen. Auf ihrer Website präsentiert Plasticiet gescheckte Arbeitsflächen, Sitzblöcke, Regale und Raumtrenner.

Jede Kollektion trägt einen klangvollen Namen: Die eisblauen, mintgrünen und pinkfarbenen Tupfer in »Chocolate Factory« waren einmal Gießformen einer Schokoladenfabrik, das schwarz-weiße Terrazzo von »Blizzard« verdankt seinen Look unter anderem weißen Plastikeimern, die einst in Großküchen verwendet wurden. »Jeder Typus hat seine ganz eigene Rezeptur«, erklärt Joost Dingemans, Mitbegründer und Geschäftsführer von Plasticiet. Manche Resultate bleiben weicher, andere erinnern in Härte und Aussehen an Granit.

Die meisten Kunden kaufen für Ladeneinrichtungen ein – »leider eine Branche, in der vieles schnell wieder weggeschmissen wird«, wie Dingemans anmerkt. Außer zu Interieur zum Beispiel für den Brillenhersteller »Ace & Tate« sind Plasticiet-Platten auch schon zu Podesten, Schreibtischen, Einbauregalen, zu Stiften und Schmuck verarbeitet worden. Grundsätzlich gibt das Unternehmen seine Produkte auch in kleiner Menge für den Privatgebrauch heraus.

Überflüssige Rohstoffe

Beide Designer sind sich der Widersprüche bewusst, mit denen sie täglich zu tun haben: Ihre Produkte und Objekte basieren auf Material, dessen übermäßigen Gebrauch sie gleichzeitig anprangern und zur Schau stellen. Was, wenn ihnen irgendwann der Grundstoff für ihre Arbeit ausgehen würde?

»Schön wär’s«, sagt Bär. Den weltweiten Trend sieht er jedoch eher in die Gegenrichtung laufen. Aber sollte es tatsächlich einmal knapp werden, müsste man einfach nur die Müllhalden der Siebziger- und Achtzigerjahre wieder ausgraben. »Da befinden sich ganze Archive an leider viel zu gut erhaltenem Abfall.«

Auch Joost Dingemans, der in der Aufbereitung erst seine Liebe zum Kunststoff entdeckt hat, würde ihm letztlich nicht hinterhertrauern: »Wenn uns jemals das Material ausgehen sollte, dann würde ich der Welt nur eines sagen: Chapeau!«

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