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Vom Staubfänger zum hippen Wohnaccessoire Schön auf dem Teppich bleiben

In deutschen Wohnungen machen sich wieder Teppiche breit. Gefragt sind vor allem geknüpfte Stoffkunstwerke aus natürlichen Materialien. Manche Exemplare kosten mehrere Zehntausend Euro – pro Quadratmeter.
Von Isabel Barragán

Noch in den Neunzigerjahren lag in vielen deutschen Schlafzimmern ein Teppichboden. Dann zogen Laminat- und Parkettböden ein, und der Teppichboden musste raus. Heute klebt er oft nur noch als Schalldämpfer in Hotels und Büroräumen. Dafür taucht der Teppich nun in anderer Form wieder auf: Geknüpfte Teppiche sind in Deutschland im Kommen – und das nicht mehr nur als alternativer Bodenbelag. Teppiche sind wieder ein eigenständiges Designelement. Sie gliedern Räume, setzen Farbakzente, teilweise schmücken sie sogar Wände.

»Viele Leute haben Teppiche als Möglichkeit wiederentdeckt, im Raum Atmosphären zu erzeugen«, sagt Jan Kath, der aus einer Bochumer Teppichhändlerfamilie stammt. 1999, für seine erste Kollektion, bestellte er ein Fotoshooting in der Zeche Zollverein, damals noch eine Industrieruine. »Fast wie in einem ›Matrix‹-Film«, erinnert er sich. Seine Teppiche sind handgeknüpft aus tibetanischer Wolle. Die Preise beginnen bei 800 Euro pro Quadratmeter, nach oben gibt es kaum Grenzen. Teure Stücke kosten auch mal 40.000 Euro.

Kath designt Teppiche mit italienischen Mustern, in die sich blaue Farbe wie Säure frisst. Andere Stücke bearbeitet er so mit Hitze, dass sich der Flor wie auf jahrhundertealten Orientteppichen abschält. Er verwendet Blumenmuster alter russischer Schals und Kopftücher oder bildet auf seinen Teppichen das Weltall und die Mondoberfläche ab. Andere Designs entstehen, indem Kugeln Tintenbahnen auf Papier bringen, die später in den Stoff geknüpft werden.

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Teppiche für Rocker und Könige

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Jan Kath

Außerdem wirbt er heute mit Nachhaltigkeit. »Unsere Kunden interessieren sich dafür, woher ein Stück kommt«, sagt Kath. Und: »Die Leute schätzen Handarbeit.« Mit seiner Firma will er die Teppichkunst als altes Handwerk fit fürs 21. Jahrhundert machen. Seine Arbeiten liegen in Palästen arabischer Königsfamilien, auf Luxusjachten und in Showrooms Pariser Modelabels. Der Red-Hot-Chili-Peppers-Frontmann Anthony Kiedis gehört genauso zu seinen Kunden wie das Hotel Four Seasons in Kairo.

Zu Kaths Anfängen gab es kaum deutsche Wettbewerber am Luxus-Teppichmarkt. Zuletzt sei aber nicht nur die Nachfrage gewachsen, auch die Konkurrenz habe zugenommen – und damit die Zahl der Nachahmer: »Im Teppichdesign wurde schon immer kopiert, in den vergangenen zehn Jahren ist das aber massiv geworden«, so Kath. Fransen oder traditionelle Muster mit hohem Flor tauchten nun immer wieder auf in Kollektionen. Oft sind sie im Shabby-Chick-Look gestaltet: Die Oberfläche wird so mit Hitze und Chemikalien behandelt, dass der Teppich abgenutzt und wie ausgetreten wirkt. Auf einer der wichtigsten Messen für Heimtextilien, der Domotex in Hannover, stellt Kath seine Kollektionen deshalb nicht mehr aus.

Handgefertigt aus Wolle, Ziegenhaar und Seide

Die zunehmende Konkurrenz spürt auch Lila Valadan. Die gebürtige Iranerin handelt seit mehr als 25 Jahren mit Teppichen, seit 2015 auch mit ihrer eigenen Kollektion. Mehrmals im Jahr pendelt sie von ihrem Firmensitz in Hamburg in ihre alte Heimat, wo sie fertigen lässt. Sie setzt auf klassische persische Knüpftechniken und einfache Muster alter Nomadenkulturen: Quadrate, symmetrische Linien. 2020 wurde sie auf der Domotex-Messe mehrfach mit dem Carpet Design Award ausgezeichnet. Unter anderem für »Shahnameh«, handgefertigt aus Wolle, Ziegenhaar und Seide im Stil eines klassischen Tabrizteppichs – benannt nach jener Stadt im Nordwesten Irans, die berühmt ist für ihren Basar und die Qualität ihrer Teppiche.

Momentan läuft das Geschäft: Valadans Showroom zieht demnächst um ins Hamburger »Quartier Satin«, zwischen Edelboutiquen und Jugendstilfassaden. Doch der Markt wird schwieriger. Viele Designer verzichten inzwischen auf Lagerkollektionen und produzieren nur noch auf Bestellung. Den Wettkampf für manche Labels erschwert das. Valadan fürchtet, dass handgeknüpfte Teppiche so noch mehr zum Nischenobjekt werden. »Entweder Massenware oder Luxus, die Mitte verschwindet.«

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Klassische Knüpftechniken und Muster alter Nomadenkulturen

Foto: Simone Haug

Genau dort, in der Mitte, hat sich German Rugs aus Ammerbuch bei Tübingen angesiedelt. Die Firmengründer Cordula Jahn und Danijel Baric werben mit Dutzenden Kombinationsmöglichkeiten aus Mustern, Materialien und Farben. Wer mag, kann sich bei ihnen seinen individuellen Teppich zusammenstellen.

Jahn ist seit etwa drei Jahren im Geschäft und kommt eigentlich aus dem Marketing. »Damals sah ich in Büros oft nur kratzigen Bodenbelag, dabei gibt es viel feinere Materialien«, sagt sie. Die meisten ihrer Teppiche arbeiten mit Polyamiden, sind also mit Kunststoffen hergestellt; die Muster werden einfach draufgedruckt. »Klar, Polyamid ist erdölbasiert«, sagt Jahn. »Aber so ziemlich jede Feinstrumpfhose ist das letztendlich auch.« Sie argumentiert mit Langlebigkeit. Kunden von German Rugs bestellen Teppiche oft für Büros.

In deutschen Wohnungen geht es aber eher um natürliche Materialien wie Filz, Öko-Schafwolle oder Seide, meistens geknüpft. Neben Spanien ist die Bundesrepublik aktuell einer der Wachstumstreiber auf dem europäischen Teppichmarkt. Das Marktforschungsinstitut Grand View Research prognostiziert, dass der Absatz von rund 700 Millionen Quadratmetern verkaufter Teppiche im Jahr 2018 im Schnitt um drei Prozent pro Jahr ansteigt auf fast 900 Millionen Quadratmeter  bis 2025. Vor allem bei geknüpften Teppichen rechnen die Analysten mit einer steigenden Nachfrage, besonders aus Deutschland.

»Bei schallharten und nicht fußwarmen Böden wie Laminat und Keramik wünschen sich viele Menschen mehr Behaglichkeit«, sagt Martin Auerbach, Geschäftsführer vom Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie. »Für manche ist der Teppich aber auch ein Eyecatcher oder sogar ein Kunstwerk.« Teppichhändlerin Valadan sieht es ähnlich: »Nomadische Muster sind wie geknüpfter Paul Klee «, sagt sie. Einige ihrer Kunden würden den Teppich für ihre neue Wohnung noch vor den Möbeln wählen.

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