Alternativer Weinkauf Überraschend gute Tropfen

In den Laden gehen und eine Flasche Wein kaufen kann jeder. Doch es gibt spannende Alternativen: Auktionen, Tauschbörsen, Überraschungspakete. Probieren Sie es aus!

Qual der Wahl: Weinregal in einem Supermarkt
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Qual der Wahl: Weinregal in einem Supermarkt

Von Gerald Franz


Im Fachgeschäft Weinstraße in Köln kassieren sie seit einiger Zeit Eintritt. Zumindest wenn Weine versteigert werden. Für fünf Euro ist der Weg frei zum Mitbieten. Unter den Hammer kommen keine gesuchten Raritäten, wie sie bei großen Auktionen zu großen Preisen den Besitzer wechseln, sondern normale Weine für die Couch.

Ein paar Dutzend Kartons zu jeweils sechs Flaschen haben Geschäftsführer Andreas Dünschede und sein Team gepackt. "Für einen Euro", eröffnet er bei jedem Sechserpack die Auktion. Gesteigert wird per Handzeichen und in Ein-Euro-Schritten. Das letzte Gebot liegt mal bei 30 Euro, mal bei 50, selten geht es hoch bis 70, 80 Euro.

Doch warum sollte man an einer Auktion teilnehmen, bei der eine Gran Reserva schon ein Highlight darstellt? Bei der man in den meisten Paketen sechs total unterschiedliche Weine bekommt? Andersrum gefragt: Warum sollte man nicht? Ein unterhaltsamer Abend ist durch die Spannung des "3-2-1-Meins" auf jeden Fall garantiert.

Überraschende Weine

Der Überraschungsfaktor, der bei der Auktion eine Rolle spielt, lässt sich mit einem Wein-Abo noch steigern. Hier wird vorher nur der Preisrahmen festgelegt, aber nicht, welche Weine nach Hause geliefert werden. Beim Weinhaus Hülsmann etwa muss man je nach Kategorie 25 bis 35 oder 36 bis 50 Euro für drei bis vier Flaschen zahlen - monatlich.

Beim Internethändler Wein am Limit steht der Preis mit 69 Euro pro Monat fest, dafür schwankt die Flaschenzahl stärker: von eins bis drei. Wobei allerdings auch die Flaschengrößen variieren.

Der Onlinehändler Delinat vertreibt nur Bio-Weine. Dort kann man sich ein bis vier Mal im Jahr beliefern lassen, entweder mit drei oder mit sechs Flaschen. Alle drei Anbieter verschicken versandkostenfrei und stellen Informationen zu den Weinen zur Verfügung.

Anonyme Winzer

Die Flasche sehen und trotzdem nicht wissen, was drin ist? Möglich macht das der auf spanische Weine spezialisierte Händler Vinos. Seine Mesa genannten Eigeneditionen etikettiert er einfach nur als "spanischen Wein" - die unterste weinrechtliche Kategorie. Früher hieß diese "Vino de Mesa", Tafelwein. Eigentlich hätte der Inhalt aber eine höhere Klassifizierung verdient, so Vinos. Also zum Beispiel eine geschützte Ursprungsbezeichnung wie Rioja. In der Wirtschaftskrise hätten sie so ihren spanischen Lieferanten eine Möglichkeit bieten wollen, ihren Wein zu verscherbeln, ohne dabei ihren Ruf zu gefährden.

Die Krise ist allerdings inzwischen vorbei. Fragt sich also, warum die Mesa-Weine weiter aufgelegt werden und bei aller Geheimniskrämerei Geo-Koordinaten auf dem Etikett prangen? Aber wie auch immer: Wer sich überraschen lassen möchte, findet so einen spanischen Wein, der auf dem Etikett wenig von sich verrät. Vielleicht greift ein Tempranillo-Routinier dann doch einmal unwissentlich zu einem Mencía.

Fremde Keller

Wer gerne mal aus fremden Kellern naschen möchte, kann sich bei den Facebook-Gruppen "Weintauschbörse" oder "Weinkellerauflösung" auf die Suche machen. Der Reiz: "Man bekommt Sachen, die es auf dem regulären Markt nicht mehr gibt, auch immer wieder seltene Weine." Das sagt zumindest der Gründer der Gruppen, André Wittich-Wondraczek.

Auf den Plattformen bieten Privatpersonen ihre Schätze an, oft weil sich ihr Geschmack über die Jahre verändert hat. Entweder es wird gegen einen gleichwertigen Wein getauscht oder gegen Geld. Das Bieten und Verhandeln läuft über die Kommentarfunktion oder Privatnachrichten der Social-Media-Plattform.

Versicherungen oder Garantien für einen reibungslosen Ablauf gibt es zwar nicht. Aber die Facebook-Weinszene sei klein, so Wittich-Wondraczek. Im Zweifelsfall erkundige man sich bei anderen, ob der Anbieter immer zuverlässig war. "Das ist wie ein interner Score", sagt Wondraczek.

Ob nun per Auktion, Abonnement, Überraschungspaket oder Tauschgeschäft, so verläuft der Weineinkauf nicht nur spannender als im Laden. Sie bekommen mit Sicherheit auch Flaschen, die nicht jeder hat!


Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 03.11.2019
1. Bohei
Die Standards für Exzellenz in den Kellern sind keine Geheimwissesnschaft mehr. Die verantwortlichen Leute sind fast nur noch Studierte, die alle das gleiche Wissen haben. Lage + Wetter = Jahrgang. Bei uns in Baden ist (wieder) in jeder 2018er Flasche Spätburgunder Spätlese, mindestens, egal was draufsteht. Klimawandel. Namen sind vor dem Hintergrund Schall und Rauch!
Mertrager 03.11.2019
2. Komisch
Habe das Gefühl, dasz der klassische Weinkauf im Handel oder beim Winzer nur was für undigitalisierte Anfänger ist.- Oder sind Jene bekloppt, die sich Pakete mit unbekanntem Inhalt aufschwätzen lassen ? Guter Wein hat seinen Preis. Und wer mit solchen Inszenierungen vom Inhalt ablenkt, ist mit verdächtig, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen.
caver 04.11.2019
3. Weine vom Ramscher
Bei mir im kleinen Ort gibt es einen "Ramscher" der seine Waren aus Haushaltsauflösungen bezieht. Die Flasche kostet 2€ und ist wie ein Lotterielos . Viele Nieten , aber auch Hauptgewinne . Steinberg , Baiken, Tesch Spaetlese, von Winningen Auslese alle > 20a alt , und alles Hauptgewinne . Es ist eine neues Projekt im Aufbau : hiddenwinetreasures. Könnte eine neue Quelle für gute Weine werden
intercooler61 04.11.2019
4. Was dagegen spricht
Bevor ich einen größeren Betrag (entweder für die Qualität oder für mehrere Flaschen) hinlege, möchte ich mir einigermaßen sicher sein, dass es _mir_ mundet. Dafür sehe ich drei Möglichkeiten: 1. Verkostung 2. Herkunft von oder Empfehlungen von einer Stelle, mit der ich gute Erfahrungen gesammelt habe; zu letzteren zählen durchaus auch Banalitäten wie (für _meinen_ Geschmack) Parker-Punkte. 3. Kauf einer einzelnen Flasche _meiner_ Wahl, _ohne_ Bundling mit anderen, die mich eigentlich gar nicht interessieren. Wer mehr Spannung sucht, findet sie an der Rennbahn. Bundles, und erst recht Abos wären mir ein viel zu großer moral hazard für die Anbieter, "Unfälle" und Ladenhüter zu entsorgen. Für eine Versteigerung Eintritt zahlen? - Nur, wenn Verkostung und evtl. Imbiss selbigen rechtfertigen (dann gern auch mehr als 5 Euro). Supermarkt ist natürlich nicht die Alternative - das ähnelt doch zu sehr dem Smartphone-Kauf in einschlägigen "Fach"märkten: Es wird en masse angeboten, was dem Namen nach gut klingt, wenig kostet und viel nachgefragt wird - von Kunden, die weder Vorkenntnisse noch besonderes Interesse mitbringen. Selten mal ein lohnenswerter Tropfen dabei. Ausnahmen gibt es, wo der Einkäufer ein Faible für das Thema hat und die lokale Kundschaft mitspielt. Bessere Erfahrungen habe ich mit spezialisierten Importeuren gemacht, auch mit solchen für Lebensmittel schlechthin: Bei mir um die Ecke gibt's je einen spanischen und einen italienischen Supermarkt, die auch Gastro und kleinere Läden beliefern. Bei beiden komme ich auf eine zufriedenstellende Trefferquote zu halbwegs reellen Preisen. Oder halt direkt bei einem Winzer, dessen Kostproben mich überzeugt haben.
Papazaca 05.11.2019
5. Interessante Ideen. Gute Weine zu probieren ist besser
Gute Ideen. Könnte man mal ausprobieren. Gut, einige Angebote (Weine ohne Angaben) erscheinen mir unseriös. Das für mich Beste ist nach wie vor: Sich aus einem guten Weinführer sehr gute Winzer raussuchen, irgendwann mal hinfahren, probieren und kaufen. Kein Angebot kann das Probieren ersetzen.
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