Modeskandale Empört euch!

Bikini, Minirock und John Galliano: Arte widmet den Skandalen auf dem Catwalk eine Doku. Blöd nur, dass der Film wie ein Billigteil von Primark wirkt. Die Bilder sind trotzdem sehenswert.

AFP

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"Ich habe den Intoleranz-Bekämpfungs-Club, kurz Intobe-Club, gegründet", sagt die junge Blondine in die Kamera. "Wir kämpfen für den Minirock und möchten, dass er weiterlebt. Notfalls gehen wir dafür auf die Barrikaden."

Dass Frauen einfach anziehen, worauf sie gerade Bock haben, und, ja mei, dann mehr Haut zeigen, ist eben ein Affront. Egal ob in jenem Nachrichtenbeitrag von 1970 - genauso als der Franzose Louis Réard 1946 den Bikini erfand - oder neulich, als eine süddeutsche Schule ernsthaft ein Hotpants-Verbot erließ.

Und weil wir uns ja alle irgendwie bekleiden müssen, taugt die Modebranche hervorragend als Gradmesser für die aktuelle moralische Verfasstheit unserer Gesellschaft. Bikini, Mini und Co. tauchen auch in der einstündigen Arte-Doku "Catwalk-Scandals" auf (am 23.7. um 23.05 Uhr), die beim Kultursender im Rahmen seines "Summer of Scandals"-Ferienprogramms läuft.

Doch das ist der Haken: Was zum Teufel-trägt-Prada ist ein Skandal? Der Film huscht von einem TV-Interview, in dem Coco Chanel 1968 über Modekollegen, Mannequins und Frauen im Allgemeinen ("Es gibt viel weniger Vergewaltigungen, als man denkt!") lästerte, über den Mord am italienischen Designer Maurizio Gucci zu Rick Owens' Herbst-/Winterkollektion 2015, wo ausnahmsweise mal männliche Körperteile entblößt waren - dank großer Stofflöcher in Penishöhe. Boulevardtratsch, freizügige Klamotten und Diven wie John "Ich verehre Hitler" Galliano: Das sind eher zu "Skandalen" hochgejazzte Schluckaufmomente.

Die parfümierten Mods mit ihren Seidentüchern und die motorgeölten Rocker prügelten sich in Brighton? Gähn. Marc Jacobs lässt die Gäste seiner Schau, inklusive seine Erzfeindin, die Journalistin Suzy Menkes, zwei Stunden am Laufsteg warten? Schnarch. Naomi Campbell muss Sozialstunden in einer Autowerkstatt leisten, weil sie jemandem ein Handy an den Kopf geworfen hat - und taucht am letzten Arbeitstag im Abendkleid auf? Ach, ach, ach.

Die eigentlichen Skandale fehlen

Gut, ein kurzer Abriss zum Thema Pelz und Peta, eine kleine Szene zum Blackfacing in der Mode, ein paar Benetton-Plakate. Aber nichts zum Magerkörperkult, nichts über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen der Lohnsklaven in Bangladesh und anderswo.

Alles in allem wirkt "Catwalk-Scandals" wie eine Tüte vollgestopft mit Billigteilen von H&M: Taugt für zwischendurch mal wie Fast Food, klar. Aber nichts von Dauer. Das ist deswegen so verblüffend, da Loïc Prigent, Regisseur und Autor der Doku, einer der bekanntesten Modejournalisten Frankreichs ist, der Métier und Protagonisten bestens kennt. Er drehte für Arte etwa den fantastischen Chanel-Mehrteiler, den keiner vergisst, der ihn je gesehen hat, und die dichte Serie "The Day Before", die Designer wie Donatella Versace, Alexander Wang oder Isabel Marant in den Stunden vor den Modeschauen so nah zeigte, dass ihre kleinteilige Kreativität aufs Beste sichtbar wurde.

Als ob Prigent zu viel Material hatte - und man schnippschnapp kürzen musste. Manchem Thema (Firmenverwicklungen einzelner Marken; eine Personalpolitik, die ans Jobkarussell von Fußballtrainern erinnert) hätte mehr Stoff gut getan. Dass der Film so rasant getextet ist, dass er nach dem Bämbäm von Boulevardschlagzeilen ist, passt wohl, hilft da aber nicht.

"Die Mode hat vor nichts Angst und schämt sich für nichts - die Mode ist ein einziger Skandal", erklärt der Erzähler am Schluss. Mode taugt also wie jede andere Kunstform als Kommentar auf den Status quo, klar. Doch der Widerspruch zu einer Branche, die selbst so unfair tickt, wird nicht thematisiert, ebensowenig wie sich das Skandalisierungspotenzial historisch verändert hat. Selbst dass diese Pseudoaufreger in erster Linie auch eine Währung sind im Aufmerksamkeitsmarkt, wird nicht mal angerissen.

Allerdings: Wenn Mode ein solcher Affront sein kann, dass Frauen sich in einem Akt der Selbstbestimmung auf die Barrikaden stürzen, hofft man doch auf weitere Bekleidungsskandale. Mehr "Intoleranz-Bekämpfungs-Clubs" bitte!

Info"Catwalk-Scandals": Arte

23.7. um 23.05 Uhr (52 min.)

Aufgeteilt in Zehn-Minuten-Clips:

24.7., 22.48 Uhr ("Geld")
31.7., 0.42 Uhr ("Divas")
7.8., 0.03 Uhr ("Mode")
14.8., 0.55 Uhr ("Jugend")
21.8., 0.42 Uhr ("Ethik")

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
hornisse.04 23.07.2016
1. Zum letzten Bild...
Ich war der Meinung, das Model hieße ImaN. Ist Imam nicht ein bißchen was anderes?
fuzzi-42 23.07.2016
2. Der....
....zweiteilige Badeanzug - heute pauschal "Bikini" genannt - ist mitnichten eine "Erfindung" des o.g. Franzosen. Schon in den 30er Jahren waren solche Zweiteiler auch in Deutschland üblich - übrigens knapper geschnitten als der "erste" Bikini. Meine Mutter (von zwei wohlgeratenen Kindern) trug auch schon etwa 1950 einen "Bikini", ohne ein "sexy girl" gewesen zu sein. Manche Latrinenparolen halten sich tatsächlich über Jahrzehnte - auch ohne ein Fünkchen Wahrheitsgehalt!
SichtausChina 24.07.2016
3. dass sich Frauen ausziehen und das als 'frei' bezeichnen...
... das hat stets nur die eine Haelfte der Maenner geaergert: die Ehemaenner und Vaeter. Die Freier und Spanner haben das zweifelsfrei nie kritisiert. Ob sich Frauen damit allerdings einen grossen Dienst taten, sei mal dahingestellt. Im Bikini ist das Verhaeltnis von Brust zu Bauch nun mal viel essenzieller als im gut Geschnittenen Ballkleid - oder im Holzfaellerhemd zu Jeans.
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