Peter Lindberghs letzter Bildband Sehen Sie selbst

Es ist Peter Lindberghs letzte große Bilderserie: In Manhattan inszenierte der im September verstorbene Fotograf Haute Couture aus 70 Jahren Dior.

Peter Lindbergh/ TASCHEN

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Peter Lindbergh und Christian Dior haben sich nie getroffen. Als der Pariser Couturier 1957 starb, war Lindbergh zwölf Jahre alt und noch viele mehr davon entfernt, einmal einer der Großen der Modefotografie zu sein. Und doch verbindet den im September verstorbenen Fotografen und den Modemacher mehr als der Tod und ihr Talent. Sie hatten ein untrügliches Gespür für Schönheit und eine ähnliche Haltung gegenüber Frauen, denen beide viel verdankten.

Lindbergh wie Dior ging es darum, weibliche Eleganz zu zeigen, so natürlich wie möglich. Übertriebene Make-ups und Stylings waren ihnen ein Graus. "Stil beruht auf Schlichtheit, gutem Geschmack und Pflege, und all das kostet kein Geld", lautete eine von Diors Grundregeln, der anders als Lindbergh auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurde als Sohn eines Großindustriellen.

Lindbergh kannte die Industrie nur aus dem Fenster seines Kinderzimmers in Duisburg. Er wuchs auf in Sichtweite der Hochöfen von Krupp. Diese verrußte Optik prägte - neben Werken des deutschen expressionistischen Kinos der Zwanzigerjahre - seine Bildsprache. Viele Aufnahmen entstanden vor Fabrikkulisse, die Motive getaucht ins Halbdunkel.

Diors stilistischer Dreiklang - Schlichtheit, Geschmack, Pflege - galt in gewisser Weise aber auch für Lindberghs Arbeit: Weiße Hemden, wenig Make-up und das Vertrauensverhältnis über viele Jahre gewachsener freundschaftlicher Arbeitsbeziehungen, mehr brauchte er nicht für eines seiner bekanntesten Fotos: "White Shirts", sechs Models, tobend am Strand in Malibu.

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Dior von Peter Lindbergh: "Nur für wahrhaft elegante Frauen arbeiten"

Lindberghs Idee einer Dokumentation der Geschichte des Modehauses Dior - eine seiner letzten Fotoserien vor seinem Tod, aufgenommen 2018 in New York und nun als Bildband erschienen - hat also mehr als nur kommerziellen Charme. Sie kann gesehen werden vor dem Hintergrund diverser Parallelen in der Arbeit dieser zwei Frauenversteher.

Da ist zuerst die Kleidung. Bei Lindbergh geriet sie oft zum Nebendarsteller. Das war neu. Mit diesem Ansatz verpasste er der Modefotografie eine neue Facette. Bei Dior hatte das Textile zwar im Mittelpunkt gestanden, seinerzeit war das aber gleichfalls revolutionär. Der Zweite Weltkrieg hallte noch nach, als er schon wieder zu träumen wagte von Stoff in Hülle und Fülle: Der gefeierte "New Look" von 1947. Aus historischer Sicht "die Wiedergeburt der Haute Couture", wie der Kunst- und Fotografieexperte Martin Harrison in seinem Vorwort richtig schreibt.

Kostüme im Sicherheitstransport

Lindbergh und Dior haben ihr Fach nicht erfunden, aber weiterentwickelt und geprägt, weil sie den Mut hatten, neue Wege zu gehen. Es gehört vielleicht nicht unbedingt Mut dazu, als Peter Lindbergh im Hause Dior anzufragen, ob denn nicht, so Harrison, "mehr als hundert Kostüme von unschätzbarem Wert aus dem Dior-Museum per Sicherheitstransport nach Manhattan geschafft werden" könnten. Vielen anderen wäre diese Extravaganz aber sicher nicht gestattet worden.

"Meine Intention bestand darin, die Entwürfe aus 70 Jahren Dior an einem unerwarteten Ort zu präsentieren. Die Straßen New Yorks boten den perfekten Hintergrund und zugleich den denkbar größten Kontrast, um mit unerwarteten Emotionen zu spielen", schrieb Lindbergh an den Anfang seines Buchs.

Neben den Originalen von Christian Dior wurden auch die Entwürfe sämtlicher seiner Nachfolger über den Atlantik verfrachtet: Avantgardistisches von Yves Saint Laurent, Marc Bohans Klassiker, architektonische Kleider von Gianfranco Ferré, Verspieltes von John Galliano, Traditionelles von Raf Simons und die Tüllträume Maria Grazia Chiuris, der ersten Frau an der Spitze des Modehauses.

Preisabfragezeitpunkt:
05.12.2019, 20:14 Uhr
Ohne Gewähr

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Harrison, Martin
Peter Lindbergh. Dior

Verlag:
TASCHEN
Seiten:
520
Preis:
150,00 €

So aufwendig die Vorbereitungen für das letzte große Lindbergh-Projekt waren, so unaufgeregt erfolgte die Umsetzung. Lindbergh fotografierte die Teile fast schon Reportage-artig, meist im für ihn typischen Schwarz-Weiß, hauptsächlich Straßenszenen, teilweise mit Bewegungsunschärfe. Ergänzt wird die Serie durch Archivmaterial aus Auftragsarbeiten für Dior aus den Jahren 1988 bis 2016.

Die Wunschvorstellung seines Arbeitsplatzes beschrieb Dior in seiner Autobiografie von 1956 so: "…...nach den Regeln der großen Tradition der Couture nur für einen Kreis wahrhaft eleganter Frauen arbeiten, und ich würde auf den ersten Blick zwar einfache, in der Ausführung jedoch sehr raffinierte Modelle machen." Auch das verbindet ihn und seinen Dokumentar, denn so ähnlich hätte man Peter Lindberghs Job auch umschreiben können.

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insgesamt 4 Beiträge
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ulalena 14.11.2019
1. An der Realität vorbei!
Offensichtlich gehörte Peter Lindbergh zu den Machern in der Modebranche, die zum Skelett abgemagerte Frauen und Make-up das Frauen als ungesund und leidend wirken lassen, als das ideale Frauenbild werden ließen. Wahre Eleganz wäre, wenn realistische Frauen elegant aussehen.
rompipalle 14.11.2019
2. Ulalala.....
Mal wieder auf den Punkt gebracht.. Was Lindberg über seine Vorstellungen von Schöheit meinte, ist mit ihrer Kritik mit nichten erreicht worden. Da sind Welten von unerreichbarem Ausmaß dazwischen. Was kennt man nicht schon Alles, von dieser Neid-Kritik..... Es perlt an der Schöheit seiner Arbeit in höchtser Form ab. :-))).
cosmos 14.11.2019
3. Überbewertung
Solche Fotos bekommen Hundert andere Fotografen genauso gut hin. Es haben nur Wenige die Chance, solche Models und solche Mode zur Verfügung gestellt zu bekommen. Die Bilder sind sicher schön und ich möchte das Können von Lindbergh nicht schmälern; nur meinen, dass es total überbewertet ist.
rompipalle 14.11.2019
4. Cosmos....
sicher haben sie irgendwie recht. Dennoch, als Lindberg anfing in NY zu arbeiten da waren andere Stile gefragt und er hat sich mit seinem Stil durchgesetzt..... auch kommerziell. Und das ist doch das Ausschlaggebende, besonderst in der Photography. Oder? Wenn Jemand dort groß wird, dann wird seine Arbeit halt Mainstream und andere können es nachmachen. machen wir uns nichts vor, er war halt in seiner Bildsprache im richtigem Moment am richtigen Ort für seine Kunden. Und das darf man niemandem verübeln. P.S. Ich liebe die Photography für das was ein jeder überzeugend machen kann..... ausser das Abwerten der Anderen aus Unzulänglichkeiten....
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