Vorn noch Transparenz, hinten mit Plastikflechtwerk: trendiger Doppelstabmattenzaun
Vorn noch Transparenz, hinten mit Plastikflechtwerk: trendiger Doppelstabmattenzaun
Foto: U. J. Alexander / imago images

Abgrenzung Die sprießende Liebe der Gärtner zum Sichtschutzzaun

Maschendrahtzaun? Jägerzaun? Thujahecken? Alles von gestern. In deutschen Vorgärten gibt es nur einen Trend: Metallzäune mit Plastiksichtschutzstreifen. Aber warum bloß?
Von Maren Keller

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Natürlich, wenn man in Weihnachtsbäumen nur Pflanzen sieht, im Tesla nur irgendein Kraftfahrzeug und in Yeezy-Schuhen nur einen Schutz vor spitzen Steinen, dann, ja dann ist der Sichtschutzzaun auch nur irgendein Zaun, der eben einfach nur die Grenze zwischen dem eigenen Grundstück und der Straße markiert.

Und diese Aufgabe erfüllt er nicht nur mit optischem Nachdruck, sondern auch mit immer weiter steigender Taktung. Wer momentan durch Vorstädte spaziert, wird bemerken, dass in den Gärten nichts so schnell sprießt wie die Liebe der Gartenbesitzerinnen und Gartenbesitzer zum Sichtschutzzaun. Überall stehen sie inzwischen, in Dunkelgrau oder Waldgrün: Metallzäune mit eingewebten Plastikbahnen.

Oder, wie es im Fachvokabular heißt: Doppelstabmattenzäune mit Sichtschutzmatten. In den vergangenen Jahren haben sie die Thujahecke abgelöst und den Jägerzaun sowieso.

Und wenn sich demnächst wieder irgendwer irgendwo dazu entschließt, einen Zaunbauer damit zu beauftragen, solch einen Stabmattenzaun um sein Grundstück zu errichten, dann ist es möglich, dass Markus Vogt mit der Sache zu tun bekommt.

Vogt ist Geschäftsführer der »Stäblein Zaun- und Toranlagen GmbH« und erster Vorsitzender des »Fachverband Drahtzaun e.V.«. In seiner Jugend fand er keinen Ausbildungsplatz als Elektriker und landete stattdessen beim Zaunbau. Seitdem ist seine Lebensgeschichte eng mit der Geschichte des Gartenzauns verwoben.

Inzwischen arbeitet auch sein Sohn in seiner Firma. Und Vogt hofft ein bisschen darauf, das dieser womöglich eines Tages die »Stäblein Zaun- und Toranlagen GmbH« in siebter Generation weiterführen werde.

Vogt, inzwischen 52 Jahre alt, hat miterlebt, wie sich der Gartenzaun gewandelt hat. Früher, sagt er, waren die Gartenzäune entweder aus Maschendraht oder Holz. Inzwischen ist beides selten geworden.

Wenn der Gartenzaun zur Kulturgeschichte Deutschlands gehört, dann ist Vogts Auftragsbuch so etwas wie eine Chronik davon. Maschendraht machen sie bei Zaunbau Stäblein so gut wie gar nicht mehr. Für einen Jägerzaun hatten sie genau einen Auftrag in diesem Jahr. Etwa 15 bis 20 Prozent der Aufträge erhalten sie für Zierzäune.

Aber bestimmt die Hälfte der Aufträge, sagt Vogt, sind Doppelstabmattenzäune.

Doppelstabmattenzäune wurden erfunden, um Bergleute im Schacht vor herabfallendem Geröll zu schützen.

Vogt hat in seinen Berufsjahren miterlebt, wie der Ausbildungsberuf des Drahtwarenmachers abgeschafft wurde und dagegen erfolglos protestiert. Seitdem sind alle Zaunbauer zwangsläufig Quereinsteiger, die erst im Betrieb lernen, worauf es bei Zäunen genau ankommt, oder sich gleich selbstständig machen.

Und einerseits ist es ja so: Zäune aufstellen ist nicht die komplizierteste Tätigkeit der Welt, das sieht selbst Vogt so, der sagt: Man buddelt Löcher, setzt die Pfosten, montiert den Zaun.

Aber andererseits braucht man eben doch enorm viel Erfahrung und Wissen über die Materialien, sagt Vogt, wenn man die Zaunanlagen selber herstellen will. Und die Leute, sagt Vogt, wollen heute Zäune mit elektrischen Toren und Alarmanlagen und Beleuchtung. Und selbst wenn sie all das nicht wollen, sondern nur einen ganz normalen Doppelstabmattenzaun, womöglich mit Sichtschutzstreifen, dann gibt es dennoch etliche Produkte auf dem Markt. Und welcher Kunde weiß schon ohne Beratung, dass es diese Sichtschutzstreifen aus Polypropylen gibt und auch aus Polyvinylchlorid. Dass sich bei Polypropylen bald der Weichmacher auflösen wird und die Farbe schwindet. Dass es bei Streifen aus Hartplastik das Problem der Befestigung gibt, weshalb Vogt draußen im Leben zu seinem Missfallen immer mal wieder Gartenzäune begegnen, bei denen diese Streifen mit Kabelbindern befestigt sind. Welcher Kunde weiß schon, dass sich diese Streifen, wenn sie stattdessen aus weichem Kunststoff sind, bei Sonne sofort verziehen. Weshalb Vogt am häufigsten Sichtschutzstreifen aus PVC-Folie oder Vlies verbaut, die haben immerhin eine geschätzte Lebensdauer von zehn bis 25 Jahren. Welche Kundin weiß schon, dass es einen Unterschied macht, nach welchem Verfahren ein Zaun verzinkt worden ist.

Die meisten Kunden wissen das nicht. Und Vogt erklärt es ihnen dann.

Er kann ihnen, falls sie das interessiert, sogar erklären, woher der Doppelstabmattenzaun eigentlich kommt: aus dem Bergbau nämlich. Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat die Firma Legi ihn erfunden, um die Bergleute im Schacht vor herabfallendem Geröll zu schützen.

Vogt hat miterlebt, wie diese Doppelstabmattenzäune immer beliebter wurden, sodass immer mehr Hersteller Zäune dieser Art auf den Markt brachten und versuchten, sich im Preis zu unterbieten. Es gibt nun Mattenzäune aus weniger Stäben und solche mit dünneren Stäben. Und solche mit Pfostenkappen aus günstigem Plastik.

Dem Doppelstabmattenzaun ist es da nicht anders ergangen als jedem anderen Produkt, das zum Trend geworden ist. Und wenn Vogts Auftragsbuch nicht nur Aussagekraft über die Geschichte des Zaunbaus hat, sondern auch über die Zukunft, dann ist das Geschäftsfeld Doppelstabmattenzaun ein wachsendes.

»Das wird immer, immer mehr«, sagt Vogt.

»Es ist der letzte Schrei«, sagt Ulf Soltau.

Soltau ist wie Vogt 52 Jahre alt, und wie Vogt ist auch Soltau Experte für Gartenkultur, wenn auch ein Experte ganz anderer Art. Soltau ist Autor zweier Bildbände über »Gärten des Grauens«. Und er betreibt die gleichnamigen Social-Media-Seiten, auf denen er Fotos von gärtnerischen Entgleisungen mit Textkunstwerken voll feiner Ironie unterlegt.

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Soltau sagt, alles habe damit angefangen, dass er selbst Mitglied in Gartenforen und Gartengruppen im Internet gewesen sei und bei manchen Einträgen über »vermaledeite Schottergärten « nicht anders konnte, als sarkastische Kommentare zu ihnen zu schreiben. Nachdem er deswegen aus mehreren dieser Gruppen geflogen war, eröffnete er seine eigene Seite.

Wenn es ein neues Produkt im Bereich der Gartengestaltung gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Soltau es früher oder später auf einem der Fotos zu sehen bekommt, die ihm die Follower seiner Seite zusenden. Etwa 20 bis 50 Fotos sind es am Tag.

»Ein schnell installierter Sichtschutz ist Ausdruck eines Neobiedermeiers zur kompletten Isolierung von der Außenwelt.«

Biologe Ulf Soltau

Und so hat Soltau natürlich längst nicht nur den normalen Doppelstabmattenzaun mit Sichtschutzstreifen gesehen, sondern auch bedruckte Sichtschutzstreifen in Gabionenoptik. »Das Nonplusultra«, wie er sagt.

Für Soltau steht es außer Frage, dass die Hecke dem Sichtschutzzaun aus ökologischer und kultureller Sicht überlegen sei. Die Hecke, sagt er, sei ja immerhin auch die Urform der Umfriedung. Und dann sei es ja so, dass auch das Wort »Hexe« vom Wort »Hecke« abstamme, weil die Menschen einmal glaubten, dass kräuterkundige Frauen hier Pflanzen sammelten und Zwiegespräch mit den Geistern des Waldes hielten.

Seit es die Plastik-Matten-Sichtschutzzäune gibt, vermisst Soltau auf gewisse Weise sogar den Jägerzaun. Denn Soltau findet, dass ein Holzzaun mit jedem Jahr schöner wird. Während Plastik einfach nur verrottet.

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Soltau sieht sich allerdings nicht als Geschmackspolizei. Es geht ihm nicht darum, dass es in Deutschland nur noch Staketenzäune aus Edelkastanie zu geben habe. Oder Zierzäune vom Kunsthandwerkmarkt. Soltau selbst hat einen Kleingarten in Berlin, der ganz unprätentiös von Maschendrahtzaun umgrenzt wird. Daran wächst alles hoch, was halt so hochkommt, wie Soltau sagt. Heckenkirschen, wilde Rosen, wilder Wein.

Eigentlich ist Soltau Biologe. Nach seiner Diplomarbeit forschte er in Ecuador, im Bergregenwald. Ihn treiben das Artensterben um und der Klimawandel. In einem der vielen Interviews, die Soltau inzwischen gegeben hat, hat er einmal gesagt, der Regenwald beginne im Vorgarten. Was er damit meint, ist, dass unser Verhältnis zur Natur im Ganzen sich auch darin ausdrückt, wie wir mit dem kleinen bisschen Natur rund um unsere Häuser umgehen.

Soltau geht es um einen Verlust, der auch im Inneren des Menschen stattfindet, wenn der Mensch verlernt, Vielfalt und Leben als schön zu erachten. Es gäbe viel mehr Dinge, die Lebewesen verbinden, als solche, die sie voneinander trennen, sagt Soltau. Diese Verbundenheit müssten wir offenkundig neu erlernen und auch die Wildheit, die Unkalkulierbarkeit und den Eigenwille der Natur um uns herum und in uns selbst wieder zulassen können.

Der Sichtschutzzaun ist für ihn auch ein Symbol dieser Haltung.

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Er versteht, was die Menschen in der Mehrheit dazu treibt, sich einen Sichtschutzstreifen-Zaun bauen zu lassen. Es ist die gleiche Sehnsucht, die Steingärten populär gemacht hat: der Wunsch nach einem pflegeleichten Garten.

Er weiß aber auch, dass ein Garten immer mehr Arbeit macht, je mehr er gegen das Wesen der Natur gestaltet ist. Dass der vermeintlich pflegeleichte Schottergarten jedes Jahr gegen die Natur verteidigt und von keimenden Pflänzchen befreit werden muss, die als Flugsaat den Zaun überwunden haben.

»Die Natur ist der größte Feind des deutschen Gärtners«, sagt Soltau. Und es überrascht ihn deshalb auch nicht, dass es immer neue Erfindungen gibt, um diesen Feind in Schach zu halten. Seit Neuestem zum Beispiel Streifen aus Kunststoffrasen, die anstelle von echtem Gras unter dem Sichtschutzzaun verlegt werden. Weil man so dicht am Zaun so schlecht mähen kann.

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Im Fall der Sichtschutzzäune, vermutet Soltau, kommt noch eine zweite Sehnsucht dazu, die in den vergangenen Jahren stark gewachsen sei. Immer wieder ist jetzt vom neuen Biedermeier die Rede, der durch Corona verstärkt worden ist. Vom Rückzug ins Private. »Ein schnell installierter Sichtschutz ist da Ausdruck eines Neobiedermeiers zur kompletten Isolierung von der Außenwelt.«

Wie lange die Zäune noch stehen werden? »Stäblein Zaun- und Toranlagen GmbH«, die Firma, deren Geschäftsführer Markus Vogt inzwischen ist, hat auch den Ballfangzaun am Stadion von Arminia Hannover gebaut. Er steht dort inzwischen seit mehr als 45 Jahren.

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