Architekturmuseum zeigt Zukunft der Städte Natur am Bau

Pflanzen können das Klima in den Städten verbessern, Feinstaub reduzieren und unser Wohlbefinden steigern: Eine neue Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum zeigt die Großstadt als Dschungel.
Von Ulrike Knöfel

Die Zukunft des Wohnens ist städtisch, wahrscheinlich sogar megacity-städtisch. Das sei, so sagen einige Urbanisten, auch besser für die Umwelt. Lieber viele Menschen auf einem Fleck und dort auf möglichst wenig Raum, als noch mehr Landschaften zu zersiedeln und damit zu zerstören. Doch selbst in den Metropolen führt ein Weg zurück zur Natur – auf Balkonen, Dächern, in Hinterhöfen und an Hauswänden.

Immer mal wieder wurde infrage gestellt, ob die urbane Begrünung aus ökologischer Sicht tatsächlich etwas bringt, ob sie nicht nur bloße Deko sei, ohne echten Nutzen, ein wenig Petersilie auf dem Stadtsalat. Die neue Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main aber wirbt geradezu für mehr Grün auch als Mittel, um das innerstädtische Klima zu entlasten.

Begrünung kann außerdem ein echtes architektonisches Stilmittel sein. Einige bekannte Architekten setzen es ein und haben eben nicht die Sorge, davon werde ihre eigene, typische Architektursprache begraben. Hochhäuser mit überwucherten Fassaden wirken auch gar nicht so vorzeitlich, sondern erstaunlich zeitgemäß, fast utopisch. Schon rein aus ästhetischer Sicht überzeugt also die Farbe Grün.

Die grüne Lunge vergrößern

Natürlich sind in den größeren Städten vor allem Parks wichtige Orte zum Durchatmen. Aber von solchen »bodengebundenen Grünflächen« gibt es in der Regel zu wenige. Deshalb ist jeder zusätzliche Quadratmeter wertvoll, für die Luft und ebenso fürs Auge. Fehlt die Natur, wirken gerade hoch verdichtete Viertel oft unerbittlich, im Sommer wie im Winter. Dachflächen etwa werden von Stadtbegrünern gar als tote Flächen gesehen, solange da kein Gras wächst.

Der Katalog, den das Museum zur Ausstellung herausgibt, ist auch ein Handbuch, das jenen Nachhilfe bietet, die mehr als nur Balkonpflanzen im Sinn haben. Warum keine lebenden Wände oder Dächer? Auch der Architekt und Autor Friedrich von Borries sagte vor Kurzem im SPIEGEL, dass gerade die zunehmende Verdichtung neue Grundrisse und mehr Grünflächen erforderlich mache, er schlug unter anderem gemeinschaftlich genutzte Terrassen vor. Auch die lassen sich bepflanzen.

In Shanghai baute ein britisches Architekturbüro statt eines handelsüblichen Hochhauses eine Art steinernen Berg zum Wohnen und Arbeiten, aus riesigen Betontrögen wachsen darauf Bäume. Was in Deutschland (trotz Vorbildern wie Goethe mit seinem Gartenhaus) noch vielen als neohippiemäßiger Spleen erscheint, wird in Singapur längst streng geregelt: Es wird ein Rückgewinn der bebauten Fläche gefordert.

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Urbane Pflanzenwelten

Als Vater der modernen, üppigen, geradezu künstlerischen Fassadenbegrünung wird in Frankfurt der Pariser Botaniker Patrick Blanc gewürdigt. Pflanzen sind auf ihre Art auch Kunst am Bau. Überhaupt Paris: Die Weltmetropole wird seit Jahren immer grüner. Die Vision der seit 2014 amtierenden Bürgermeisterin Anne Hildago sieht so aus: Kiefernwäldchen und Kirschgärten statt Parkplätzen und Asphaltseligkeit.

In anderen europäischen Ländern gibt es ebenfalls bereits bemerkenswerte Beispiele: In Kopenhagen zieht sich Rasen über Teile einer Müllverbrennungsanlage; die beiden Wohntürme »Bosco Verticale« des vertikalen Waldes in Mailand sind schon Touristenattraktionen, allerdings gibt es sehr wohl Kritik an den Kosten für die Bewässerung und die gärtnerische Pflege. Manche Bewohner, so heißt es, störten sich zudem an der Insektenvielfalt vor ihren Fenstern.

Denen, die sich sorgen, die Begrünung und deren Pflege sei stets zu kostenintensiv, rechnen die Ausstellungsmacher diverse Szenarien vor, eines lautet: »5000 Quadratmeter Dachbegrünung können mit Regenwassernutzung und dem Kühlungseffekt bis zu 6000 Euro Stromkosten im Jahr einsparen.«

Das mit der Pflege ist zudem relativ, jeder kann da nach seinem Geschmack verfahren und die Gartenschere auch mal liegen lassen. »Üppiges Verwuchern« habe seinen Reiz, betonen die Ausstellungsmacher. Die Metropolen von morgen sind so gesehen echte Großstadtdschungel –  mit Mooswänden, Trompetenwinde, Bienenhäusern.

 »Einfach Grün – Greening the City« im Deutschen Architekturmuseum kann vorerst nur digital besichtigt werden . Ein Video der Eröffnung gibt es hier .

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