Flipflops Tangas für die Füße

Flipflops sind der leidige Soundtrack des Sommers: Sie sorgen für eine penetrante Geräuschkulisse, entblößen Hühneraugen, Hornhäute und verfärbte Nägel. Im Restaurant vergeht einem beim Anblick der Appetit. Dabei liegt die Lösung so nah.

Platsch, platsch, platsch: Der unheilvolle Dreiklang aus nackten Füßen, Gummisohlen und Asphalt
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Platsch, platsch, platsch: Der unheilvolle Dreiklang aus nackten Füßen, Gummisohlen und Asphalt

Von Katharina Pfannkuch


Je höher die Temperaturen, desto lauter ist er zu hören: Der unheilvolle Dreiklang aus nackten Füßen, Gummisohlen und Asphalt. Platsch, platsch, platsch. So klingt der Sommer. Leider. Denn dieser Soundtrack begleitet eine penetrante Parade aus Hühneraugen, Hornhäuten und verfärbten Nägeln - zur Schau gestellt in Flipflops. Jenes (lieb-)lose Gummikonstrukt, das eher zu einem plumpen Schlurfen führt als zu einem anmutigen Gang. Jenseits von Stränden, Pools und Badeseen sind Flipflops im wahrsten Sinne des Wortes ein No-Go.

Durch die unverhohlene Ablehnung von Flipflops fühlen sich deren Fans schnell auf die Füße getreten. Klar, die Schlappen sind preiswert. Und natürlich ist es verlockend, die Füße bei Hitze so wenig wie möglich zu bedecken. Genau darin besteht aber das Problem: Flipflops entblößen einen der am wenigsten ansehnlichen und am meisten beanspruchten Körperteile, dessen Pflege viele vernachlässigen. Und das will niemand sehen. Flipflops sind wie ein Tanga für die Füße.

Doch kaum ist die 15-Grad-Marke durchbrochen, sind sie überall. In der U-Bahn wippen Flipflop-Träger zur Melodie in den Kopfhörern munter mit den Zehen, im Restaurant erweist sich der Anblick von Flipflop-Füßen als Appetitzügler. Beim Versuch, noch schnell bei Grün über die Straße zu rennen, werden die Gummilatschen zur echten Gefahr. Und wer jemals sah, wie ein Flipflop-Träger versehentlich in eine mit Dreck und Motoröl angereicherte Sommerregenpfütze tritt, fragt sich, ob vielleicht ein Kick darin besteht, Großstadtschmutz hautnah zu erleben.

Dabei gibt es doch eine weitaus komfortablere Alternative namens Espadrilles. Das klingt nicht nur eleganter als Flipflops, die Schuhe mit einem Schaft aus Baumwolle oder Leinen und einer Sohle aus geflochtenen Pflanzenfasern sind auch um einiges ansehnlicher. Sie bedecken die Füße, lassen diese aber nicht schwitzen. Wer nicht ganz auf Luftzufuhr verzichten mag, greift zur an den Zehen offenen Variante. Die entblößt erstens nicht den ganzen Fuß und bietet zweitens Halt.

Diese Vorteile wussten auf Ästhetik bedachte Berühmtheiten schon früh zu schätzen. Salvador Dalí malte in Espadrilles, Coco Chanel flanierte darin an der Riviera. In den Vierzigern spazierten Rita Hayworth und Lauren Bacall in den schlichten Schuhen über die Kino-Leinwand, ein Jahrzehnt später auch Grace Kelly. In den Sechzigern ließen sich immer mehr weibliche Stilikonen auf den flachen, naturbelassenen Sohlen sehen, etwa Romy Schneider, Audrey Hepburn und Jeanne Moreau. Wie gut Espadrilles an Männern aussehen, bewiesen unter anderem John F. Kennedy, Gary Cooper, John Wayne und natürlich in den Achtzigern Don Johnson als Sonny Crockett in " Miami Vice".

Große Namen sind also unter den Espadrilles-Fans. Den eigenen Namen verdankt der Schuh seinem Material: Das katalanische "espart" bezeichnet die Grasfaser, aus dem im 14. Jahrhundert im heutigen Baskenland die Sohlen der ersten Espadrilles geknüpft wurden. Anfangs trugen vor allem Bauern die erschwinglichen und praktischen Schuhe. Für mehr Halt sorgten um die Fesseln geschlungene Bänder. Immer mehr Gesellschaftsschichten von Granada bis Girona entdeckten Espadrilles für sich, von Arbeitern über Soldaten bis zu Priestern. Im Zuge der Industrialisierung wurden Espadrilles im 19. Jahrhundert auch im Rest Europas und später in der ganzen Welt bekannt.

Bei Frauen ist vor allem die Variante mit Keilabsatz beliebt, dank seiner natürlichen Federung der wohl bequemste aller Schuhe mit Absatz - wie hoch dieser auch sein mag. Die Idee dazu stammt von Yves Saint Laurent (seinerzeit selbst Espadrilles-Träger). 1972 begegnete das Mode-Genie dem Unternehmerpaar Lorenzo und Isabel Castañer, die damals in zweiter Generation die 1927 gegründete Espadrilles-Manufaktur Castañer führten. Ob man Espadrilles nicht auch mit einem Absatz und besticktem Schaft aus Seide versehen könnte, wollte Saint Laurent wissen. Man konnte. Für die Haute Couture war diese Variation des ehemaligen Bauernschuhs zunächst ein Schock. Für Saint Laurent und Castañer wurde sie zum weltweiten, bis heute vielfach kopierten Hit.

Herzogin Kate in Castañer

Castañer arbeitete später auch mit Manolo Blahnik, Missoni und Jean-Paul Gaultier zusammen. In Eigenregie fertigt das Traditionsunternehmen heute Espadrilles für Frauen und Männer, es gibt Modelle mit Plateau- und Blockabsatz, aufwendig verziert oder ganz schlicht, mit oder ohne Band um die Ferse. Die Preise liegen zwischen 100 und 300 Euro. Vermutlich auch ein Grund für die stil- und preisbewusste Herzogin Kate, gerade erst beim familiären Gartenausflug Espadrilles von Castañer zu tragen. Flipflops wären bei dieser Gelegenheit ja auch wirklich unpraktisch gewesen. Das letzte Mal wurde die 37-Jährige übrigens in Gummilatschen gesichtet, bevor sie Herzogin wurde.

Heute gibt es Espadrilles in allen Variationen und Preisklassen: Luxusmodelle von Gucci mit Lederschaft und goldenem Logo sind aktuell für rund 600 Euro zu haben, schlichtere Versionen bei H&M und Zara kosten rund 30 Euro, an Strandpromenaden rund ums Mittelmeer findet man Paare für fünf Euro. Kinder und Senioren, Frauen und Männer, jeder kann Espadrilles tragen. Modemagazine feiern Espadrilles auch Jahrhunderte nach ihrer Erfindung als einen der größten Schuhtrends des Sommers. Hoffentlich behalten sie recht. Dann klingt der Sommer endlich nicht mehr nach Flipflops.



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
melville59 25.06.2019
1. Und außerdem
Alles richtig. Vor allem aber geben die FlipFlops den Blick frei auf die allerschönsten und variationsreichen Hallux-Formen, welche die Leute (v.a. Frauen) glauben öffentlich zur Schau stellen zu müssen. Grauenvoll!
silvermike 25.06.2019
2. Umstrittener Sommerstil
Es ist ja verwunderlich, wieviel Streit aus ein paar Badelatschen gemacht werden kann. Natürlich waschen wir uns die Füße, aber wenn sie irgendeinen Makel haben, dann sollten wir uns nicht verstecken müssen. Und im Restaurant ist ja niemand gezwungen, anderen auf die Füße zu starren. Es ist auch ungerecht, wenn Leute High Heels für das tollste Schuhwerk für frau halten, und wenn sich dann die Zehen verbiegen, soll sich frau in Sandalen oder Flip-Flops schämen. Übrigens, zu den im Artikel erwähnten Flip-Flops und Espadrillas gibt es außer Sandalen als luftige Alternative noch die Samtschuhe aus China, die seit 40 Jahren existieren, aber nie wirklich in Mode waren.
k70-ingo 25.06.2019
3. Socken
Flipflops haben den Nachteil, daß man im Gegensatz zu Sandalen und Birkenstöcken darin keine Socken tragen kann.
PatrickBerlin 25.06.2019
4. Jedem Tierchen sein Pläsierchen
Scheint ja nicht sehr vielen so zu gehen wie Frau Pfannkuch, ansonsten würde es ja nicht solche Massen geben. Einfach mal entspannen und etwas Luft an die Füsse lassen. Nebenbei...nicht jeder kann in diesen Espadrilles gut laufen...wie ich z.B.. Und andere nicht in Flipflops...in denen ich wiederum kleine Wanderungen schaffe und mache. Also jedem seins und die Augen einfach auf ein Buch oder Gesprächspartner gerichtet, ist doch eh schöner.
Ruhrsteiner 25.06.2019
5. Modisch erlaubt ist, was gefällt,
und über Geschmack lässt sich nicht streiten. Den einen steht es gut, den anderen nicht. Das muss jede(r) selber entscheiden.
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