Modeexperte Buntenbach "Im Streetstyle ist Berlin weltweit führend"

Berlin ist eine Modemetropole, findet Autor Jörg Buntenbach. Hier verrät er, wie wichtig die Fashion Week ist, warum einige Designer trotzdem ins Ausland flüchten - und welcher Trend die Stadt noch Jahre prägen wird.

Jörg Buntenbach/ Mode Metropole Berlin

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch heißt "Mode Metropole Berlin". Ist der Titel nicht ein wenig übertrieben?

Buntenbach: Das habe ich mich auch gefragt, als ich nach einem Namen gesucht habe. Aber Berlin hat sich diesen Titel inzwischen erarbeitet. Und zwar nicht nur, weil hier seit 2007 zweimal im Jahr die Fashion Week stattfindet. Sondern vor allem, weil es immer mehr gute Designer gibt, die jeden Tag beweisen, dass Mode in der Stadt eine wichtige Rolle spielt. Wenn es um Streetstyle-Trends geht, ist Berlin weltweit führend.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem schneidet die Berliner Fashion Week, wenn sie mit den Schauen in Paris, Mailand, New York oder London verglichen wird, regelmäßig schlecht ab.

Buntenbach: Die Städte kann und sollte man nicht miteinander vergleichen. Paris und Mailand haben die Haute Couture, dort wird Mode fürs Auge und für die Show gemacht; in Berlin für die Stange. Mit dem Glanz und Glamour anderer Fashion Weeks können wir nicht mithalten. Müssen wir aber auch nicht. Das sind unterschiedliche Welten.

SPIEGEL ONLINE: Wofür steht Berlin?

Buntenbach: Ein Trend ist Green Fashion, also die nachhaltige und ökologische Mode. Berlin zieht Menschen an, die sich Gedanken darüber machen, wie sie leben. Kunden, die wissen wollen, dass ihre Kleidung nicht aus Bangladesch kommt, nicht mit giftigen Chemikalien oder von Kindern hergestellt wurde. In keiner anderen Stadt legen Designer mehr Wert auf Nachhaltigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Green Fashion klingt nach Lederlatschen und Leinenstoff - nicht gerade Mode, die man auf einem Laufsteg verorten würde.

Zur Person
  • Malena Buntenbach
    Jörg Buntenbach, Jahrgang 1966, lebt seit 25 Jahren in Berlin. Schon als Teenager habe er ein Faible für Kleidung gehabt, sagt er. Heute gibt Buntenbach Onlinemagazine über Tango und Mode heraus. Auf der Fashion Week stellt er sein neues Buch vor: "Mode Metropole Berlin".
Buntenbach: Es gibt sehr schicke Öko-Mode, das hat mit Sack und Asche nichts mehr zu tun, darunter Entwürfe im High-Fashion-Bereich. Schauen Sie sich die Arbeiten von Christine Mayer, Karin Jordan oder Slow Mo an. Die können sich sehen lassen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch beginnt die Modegeschichte der Stadt im Jahr 1830.

Buntenbach: Damals gab es rund um den Hausvogteiplatz viele Konfektionshäuser und Nähstuben. Und schon 1918 fand in Berlin die erste Modemesse der Welt statt, die sogenannte Durchreise. In den Zwanzigerjahren war die Textilbranche die drittgrößte in Berlin. Die Stadt war mit Paris auf Augenhöhe. Dort war Mode schon damals Kunst, in Berlin etwas Massentaugliches.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es weiter?

Buntenbach: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde versucht, die Durchreise wieder zu etablieren, aber durch die Blockade in Berlin kamen die Einkäufer nicht mehr in die Stadt. So entstand 1949 die Igedo in Düsseldorf - und seitdem hat Berlin als Modestadt deutsche Konkurrenz. Hier fanden die schicken Modenschauen statt, das Geschäft wurde aber in Düsseldorf gemacht. Inzwischen hat Berlin auch in diesem Bereich aufgeholt, man kann hier mit Mode Geld verdienen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem suchen viele deutsche Labels Erfolg im Ausland: Achtland, Kaviar Gauche, Felder und Felder. Warum flüchten die Designer?

Buntenbach: Achtland ist auf dem Luxusmarkt angesiedelt, da hat das Label in London ganz andere Möglichkeiten als in Berlin. So war es am Anfang auch bei Kaviar Gauche. Aber die beiden Designerinnen bedienen inzwischen mit ihrer Brautmode eine Nische in Deutschland - und zeigen nach Schauen in London und Paris diese Saison wieder in Berlin. Der deutsche Markt ist sehr umkämpft. Wer Erfolg haben will, muss sich eine solche Nische suchen und sich klar positionieren.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblicken - wie hat sich der Berliner Modestil gewandelt?

Buntenbach: In den Achtzigerjahren war Berlin freakig mit Punk- und New-Wave-Mode. In den Neunzigerjahren beherrschte der experimentelle Schmuddellook das Straßenbild: Jeder hat T-Shirts bedruckt und sich modisch ausgetobt, allerdings in schlechter Qualität. Was wir heute mit der Green Fashion erleben, diese Wertschätzung von Qualität, ist die Gegenbewegung dazu.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Trends können wir in Zukunft rechnen?

Buntenbach: Green Fashion wird uns noch lange beschäftigen. Und das Thema Ausbildung wird wichtig werden. In Berlin gibt es zehn Modeschulen. Aber wenn die Absolventen Berufserfahrung sammeln wollen, müssen sie raus aus der Stadt, zu großen Ketten wie Esprit in Nordrhein-Westfalen oder s.Oliver in Bayern. Die Berliner Designer mussten sich erst selbst finden und lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. An dem Punkt sind wir jetzt. In Zukunft wird es darum gehen, dass sie sich auch um den Berliner Nachwuchs kümmern.



insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
scar17 19.01.2015
1. Wem Unisex Ökomode gefällt, der ist in Berlin
gut aufgehoben. Wem bei Frauen weibliche Looks gefallen, sollte nach München, Mailand etc. gehen.
Michael Jürgens 19.01.2015
2. Berlin, Hauptstadt der Ungepflegten
Es gibt weltweit wohl wenig mehr Frauen und Männer, die so ungepflegt angezogen sind wie in Berlin. Aber das kann man auch Streetstyle nennen. Wascht Euch, Leute, und Eure Umwelt liebt Euch mehr :)
Petersbächel 19.01.2015
3.
Naja, soll jeder anziehen, was er will. Wobei der Herr in seinen Hosen jetzt auch keine gute Figur macht. Und der Ausdruck Punk-"Mode" ist eigentlich schon ne Frechheit. Typisch für diese Leute, die alles nach- und kaputtmachen. Modemenschen eben.
oryes 19.01.2015
4. Streetstyle kann man das wohlwollend nennen..
Ich bin kein modefutzi aber was mir schon oft in Berlin aufgefallen ist wie furchtbar Berliner mit Farbe umgehen, entweder schwarz oder schräg scheint die devise, ganz abgesehen von dem sogennanten streetstyle der in jeder Grossstadt ziemlich ähnlich daherwatschelt, aber klar Berliner haben sowieso die Nase vorn,aber das ist genetisch bedingt !
pr8kerl 19.01.2015
5. Des Kaisers neue Kleider, hahaha
Haha, dieser selbsternannte Experte hat wohl einen Knick in der Optik oder braucht PR für sich selbst. Wenn jetzt Schlabberlook ein eigener Stil sein soll dann verhält sich das wie die Geschichte um des Kaisers neue Kleider. Jeder weiß dass der Kaiser nackt ist und der Berliner unelegant. Der selbsternannte Experte möge bitte einmal nach Wien fahren, nach Zürich oder München. D a kann er gut gekleidete Menschen sehen, aber nicht in Berlin. Diesen Schlabbertrend wollen wir, die wir uns noch jeden Tag bemühen, in Berlin eigentlich nicht mehr sehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.