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26. September 2016, 18:49 Uhr

Fashion Week Mailand

Hauptsache Italien

Zuletzt galt die Mailänder Fashion Week als verstaubt. Doch in diesem Jahr meldeten sich ausgerechnet die italienischen Traditionshäuser mit knallbunter Kreativität und viel Liebe zum Dolce Vita zurück.

Pizza, Pasta, die heilige Jungfrau Maria und immer wieder die italienische Flagge: Mit diesen Motiven auf Seidenhosen, zarten Röcken und kurzen Leinenkleidern feierten Stefano Gabbana und Domenico Dolce am Sonntag auf der Mailänder Fashion Week ihre Heimat Italien. In der prestigeträchtigen ersten Reihe saß bei diesem textilen Feuerwerk italienischer Sinnesfreude auch noch der in sozialen Netzwerken so umtriebige Promi-Nachwuchs. Italo-Nostalgie und klassische Silhouetten treffen auf knallbunte Prints und die Social Media-Generation: Es war der krönende Abschluss einer knallbunten Modewoche, die eine Renaissance der italienischen Mode einläuten soll.

Massimo Giorgetti, Kreativdirektor von Pucci, war der Erste, der diesen Begriff verwendete: Lange habe sich kaum jemand für die Mailänder Fashion Week interessiert, nur die ganz Großen wie Gucci, Prada und Fendi hätten noch Besucher gelockt, sagte er dem Branchenmagazin "Business of Fashion". Jetzt aber sei alles anders, die Welt schaue nach Mailand, eine Renaissance sei im Gange.

Auch die Newcomerin Stella Jean, die schon Giorgio Armani zu ihren Fans zählen darf, ließ sich für ihre aktuelle Kollektion vom Kulturerbe Italiens inspirieren, wenn auch etwas subtiler als ihre Kollegen. Eine Kapitänsbinde am Ärmel, ein Trikot zum langen Blumenkleid: Durch ihre Mailänder Show zog sich der italienische Nationalsport, der Fußball. Mit ihrer Mode will die Italienerin Jean, die selbst aus einer multikulturellen Familie stammt, Menschen und Kulturen einander näherbringen.

Italiens Modebranche zelebrierte sich in dieser Woche selbst, aber auch den Mann, dem all die Begeisterung zu verdanken ist: Alessandro Michele, seit 2015 Chefdesigner von Gucci. Als er am Mittwoch seine Models durch pinkfarbenen Nebel schweben ließ, ließ ihn das Publikum hochleben. Mit seinen glitzernden, bestickten, mondänen und zugleich mädchenhaften Entwürfen wurde Michele seinem Ruf gerecht, Coolness und Rentabilität zu vereinen. Seit er 2015 das kreative Ruder übernahm, stiegen die Verkäufe langsam, aber kontinuierlich an. Im ersten Halbjahr dieses Jahres steigerten sich die Einnahmen von Gucci um sieben Prozent.

Das lässt auch andere italienische Traditionshäuser hoffen: Prada, früher eine der italienischen Prestigemarken schlechthin, erlitt im ersten Halbjahr 2016 Umsatzeinbußen von 13 Prozent. In Mailand setzten die Designer auf eigenwillige Kombinationen aus Bleistiftröcken und Seidenhosen zu Plateau-Badelatschen aus Plastik.

Mailand zeigt sich cool wie nie

Ausgerechnet ein blondgelockter Norweger machte in Mailand bella figura: Peter Dundas übernahm 2015 als Kreativdirektor bei Roberto Cavalli. Nur wenige Stunden nach dem umjubelten Gucci-Auftakt verbuchte er immerhin einen Achtungserfolg. Seine Cavalli-Visionen, Patchwork-Kleider aus fließenden Stoffen und Schlaghosen, sind tragbar, aber nie langweilig. Sexy, aber nicht vulgär. So geht das neue Cool.

Die Zauberwaffe aber hieß für viele Designer Gigi Hadid. Kaum eine Show kam ohne das 21-jährige Model und Social Media-Phänomen aus. Bei Fendi trug sie ein extrem transparentes Kleid, bei Moschino trat sie als lebende Papierpuppe auf und bei Bottega Veneta schritt sie gemeinsam mit der 72-jährigen Schauspielerin Lauren Hutton über den Laufsteg. Die Ikone und der Nachwuchsstar machten die schlichten Trenchcoats zum wohl meistfotografierten Objekt der Woche.

Mailand ist wieder da - und jeder will davon profitieren. Schließlich haben die Italiener selbst am meisten von der Wiederbelebung ihrer Heimat: Die Digitalisierung verändert den Rhythmus der Modeindustrie, immer mehr Labels verkaufen ihre Kollektionen schon während der Show und nicht erst ein halbes Jahr später.

Das Tempo steigt, die Produktionswege werden länger. In Asien günstig hergestellte Ware muss schließlich erst einmal nach Europa gelangen. Auch das Kundenbewusstsein für die Bedingungen, unter denen Kleidung hergestellt wird, wächst. Also rücken europäische Standorte wieder mehr in den Fokus. Und da gehört Italien mit seiner langen Textiltradition zu den besten Adressen.

Auch die Politik möchte bella figura machen

Das Erwachen aus dem modischen Dornröschenschlaf bleibt auch der Politik nicht verborgen. Schon zum zweiten Mal eröffnete Matteo Renzi höchstpersönlich die Mailänder Fashion Week. Seine Regierung wolle die Modeindustrie fördern, ließ der Ministerpräsident illustre Gäste wie Donatella Versace und Silvia Venturini Fendi wissen. So modebegeistert zeigte sich noch kein italienischer Premier.

Renzi hat gute Gründe für sein Engagement: Die italienische Wirtschaft schwächelt, für das kommende Jahr werden nur 1,4 Prozent Wachstum im Bruttoinlandsprodukt erwartet. Da kommt die viele Aufmerksamkeit, die Michele und Co nun nach Italien lenken, gerade recht. Auch jenseits von Mailand blüht die Industrie auf: In Florenz gründete Edgardo Osorio erst vor fünf Jahren sein Unternehmen Aquazzura. Heute sind die Luxuslederschuhe von New York bis Moskau begehrt, das Unternehmen gilt als eines der am schnellsten wachsenden der Branche.

Auch Alessandro Trincone feiert seine Erfolg noch fernab der Mailänder Laufstege. Der 25-jährige Designer, der auf Grenzen zwischen den Geschlechtern pfeift und Männer gerne in japanisch inspirierten Kleidern auf den Laufsteg schickt, debütierte gerade erst auf der New Yorker Fashion Week und arbeitet mit dem US-Rapper Young Thug zusammen. Das klingt natürlich verdammt cool. Aber die Chancen auf eine Trincone-Schau bei der nächsten Mailänder Modewoche stehen nicht schlecht. Schließlich gilt die Stadt ja wieder als cool.

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