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Haute Couture: Krawall und Kabelbinder

Foto: AFP; Getty Images

Ausklang der Fashion Weeks Schön, schräg, unbequem

Modedesigner verwandeln ihre Laufstege zunehmend in Wunderwelten mit Politbotschaften: Alarmsirenen, singende Mönche und Models mit Behinderungen prägten die Fashion Weeks in London, Paris, Mailand und New York. Der Rückblick.

Der Kabelbinder ist zweifarbig: grün und rot. Er ist fest zugezurrt und liegt eng um den Hals eines Models. Es schaut ernst, der Blick ist starr. Das Mädchen lief für den Designer Christopher Kane während der London Fashion Week über den Catwalk.

Wenn an diesem Mittwoch in Paris die letzte der vier großen Herbstschauen (nach New York, London und Mailand) endet, dann wird Kane nicht der einzige Modeschöpfer gewesen sein, der mit ungewöhnlichen Details und Aktionen für Aufsehen sorgte.

Schon auf der ersten der vier Fashion Shows in New York verwandelte Tommy Hilfiger eine alte Lagerhalle in eine tropische Insel mit Palmen, Holzstegen und jeder Menge Wasser, durch das bikinibekleidete Models wateten. Der Laufsteg war als solcher gar nicht mehr zu erkennen, egal - die Show machte auch im Herbst das Versprechen auf einen ewigen Sommer. Es war das erste Mal, dass die New York Fashion Show nicht im ehrwürdigen Lincoln Center stattfand, sondern an verschiedenen Locations in der Stadt.

Der nepalesische Designer Prabal Gurung sorgte für Aufsehen, indem er 30 buddhistische Mönche in seiner Show singen ließ. Der Modeschöpfer wollte so auf die vielen Todesopfer aufmerksam machen, die das Erdbeben im April in dem Himalaya-Staat gefordert hatte.

Auch das französische Modelabel Givenchy überraschte in diesem Herbst. Zum ersten Mal zeigte es seine Kollektion nicht in Paris, sondern in New York unter freiem Himmel und in einer Kulisse, die von der Aktionskünstlerin Marina Abramovic entworfen worden war.

Catwalk als Highway

In London erklärte Vivienne Westwood ihre Show zu einer Demonstration. Alarmsirenen heulten auf, als zu Beginn ihrer Show Aktivisten mit Schildern den Laufsteg stürmten. Sie protestierten damit gegen Fracking, die Ausbeutung der Natur und das Freihandelsabkommen TTIP. Das Label Hill & Friends zeigte seine Kollektion wiederum in einer Art Hotelsetting - mit Pagen, die pinkfarbene Taschen durch die Lobby rollten und mit Ponys umherliefen.

Und in Mailand ließ Jeremy Scott (für das Label Moschino) kleine gelbe Striche auf den asphaltgrauen Laufsteg setzen und daneben Straßenschilder aufstellen. Der Catwalk wurde so zum Highway, über den die Models (allesamt mit Kurzhaarfrisur) mit autorelevanten Details (Plüschwürfel, Warnwesten, Straßenkegel) liefen.

Doch längst sind es nicht mehr nur die Laufstege, die, verwandelt in Wunderwelten, Aufmerksamkeit bringen, es ist zunehmend auch die Art, wie die Mode präsentiert wird - und zwar an prominenten und außergewöhnlichen Models. Bei den Frühjahrschauen in Paris liefen etwa Ben Stiller und Owen Wilson über den Laufsteg. Mit ernsten Mienen präsentierten sich die Schauspieler der Öffentlichkeit und nutzten diese, um Werbung für die Fortsetzung ihres Films "Zoolander" zu machen.

In der Kategorie "außergewöhnlich" fallen nicht mehr nur die stark tätowierten Models oder die androgynen Männer, die Frauenfrisuren und -kleidung zeigen, auf - mittlerweile sind es diejenigen mit Behinderungen. Der Schauspieler RJ Mitte, der mit einer motorischen Störung geboren wurde, die sich vor allem beim Sprechen bemerkbar macht, gehört etwa dazu. Mitte wurde durch die US-Erfolgsserie "Breaking Bad" bekannt. Für Vivienne Westwood lief er im Juni auf der Mens Fashion Week in Mailand.

Das australische Model Madeline Stuart: Auftritt in New York

Das australische Model Madeline Stuart: Auftritt in New York

Foto: Jason Szenes/ dpa

Die Designer zeigen ihre Entwürfe aber auch an einbeinigen Models, an Albino-Models, an Models mit Hautkrankheiten, an Transgender-Models oder Models, die im Rollstuhl sitzen. So präsentierte etwa Rollstuhlmodel Leslie Irby Entwürfe von FTL Moda. Für das Label lief auch erstmals Madeline Stuart, die das Downsyndrom hat, in New York.

In Paris setzte Designer Rick Owens noch einen drauf und heftete Models mit einem komplizierten Schnürsystem aneinander. Und Owens hat Erfolg mit seinem Konzept: Am Morgen nach seiner Show berichteten zahlreiche Onlinemedien über diesen Coup. Wenn das so weiter geht, wird es womöglich bald ein Problem geben: Die Models könnten der Kleidung die Show stehlen.

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