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Der Wurm drin – die Gartenkolumne Mehr Natur? Mehr Kultur?

Nach fünf Jahren graben, hacken, pflanzen stellen sich Fragen. Warum haben wir so viel Rasen? Und kann, darf, muss ein Garten ohne Kartoffeln sein? Eine Zwischenbilanz.
Von Barbara Supp

Wie machen die das bloß? In Gartenberichten sieht man manchmal GartenbesitzerInnen zwischen ihren üppigen, harmonisch wuchernden Gewächsen stehen, ach, sagen sie, »vor fünf Jahren war das noch eine Kuhweide«, und nun grünt und blüht und knospt und strahlt es, und daneben strahlen die GartenbesitzerInnen in bescheidenem Stolz.

Bei uns ist das nicht so.

Wir haben den Garten jetzt seit fünf Jahren, und anfangs wussten wir nicht recht, was wir damit vorhatten. Ich habe große Teile der Kindheit in einem Schrebergarten verbracht, mein Mitgärtner wuchs auf einer produktionsorientierten Selbstversorgerplantage auf; so wollten wir es nicht. Aber was wollten wir? Wir entfernten dies und pflanzten das, insgesamt eher planlos, und es kann sein, dass in der frühen Phase sogar das hässliche Wort »pflegeleicht« fiel. Wir haben Fehler gemacht. Nicht nur, aber auch.

Der größte ist der mit dem Rasen.

Irgendein Tier hinterlässt Erdhäufchen; es hat sich uns noch nicht vorgestellt.

Als würde mit Peitschenhieben oder mit Wühlmausplage nicht unter zehn Jahren bestraft, wer nicht den größten Teil der Fläche dem Gras überlässt, so haben auch wir als Erstes nachgesät. Weil der Rasen eben da war. Es wird befolgt wie ein Gesetz, unter Freizeitgärtnern: Wer nicht ohnehin in Richtung Schottergarten abgedriftet ist, muss Rasen haben. Die Gartenmitte muss grün sein, und drum herum, am Zaun entlang, wird ein bisschen Gebüsch mit Stauden gepflanzt. So gehört sich das.

Wir brauchen nicht so viel Gras. Wir spielen nicht Fußball, und ich wette, bei den meisten, die hauptsächlich Rasen haben, tut das auch niemand. Wir wollen keinen Golfrasen, es macht nichts, wenn da außer Wiesenrispe und Weidelgras auch Unkräuter wachsen, die man im Salat essen kann. Aber schön ist diese Fläche viele Monate im Jahr eigentlich nicht. Unser Rasen ist im Sommer trocken, weil wir ihn nicht wässern, und ab dem Spätherbst voller kleiner Knubbel, voller zwetschgengroßer Erdhäufchen. Irgendein Tier hinterlässt sie, es hat sich uns noch nicht vorgestellt.

Nach zwei Jahren etwa kamen wir darauf: eine Wildwiese! Das ist es, was wir brauchen! Eine Wildwieseninsel wenigstens. Nur scheint eine Wildwiese ein noch schwierigeres Projekt zu sein als ein Golfrasen.

Es ist anders schwierig. Man muss erst mal alles Gras entfernen. Haben wir natürlich nicht getan. Man muss den Boden abmagern, die meisten Wiesenblumen mögen ja keine fette Erde. Haben wir auch versäumt, wir hatten keinen Sand. Die ausgesäten Wildwiesenblumen wuchsen trotzdem wunderbar im ersten Jahr, es war vieles dabei: Kornblume, Wiesenknopf, Ochsenzunge, Schafgarbe, Margeriten. Im zweiten Jahr: Schafgarbe, Ochsenzunge und Margeriten. Im dritten Jahr: Schafgarbe und Margeriten. Im vierten Jahr schenkten mir Freundinnen zum Geburtstag Wiesenblumen im Topf, aus der Staudengärtnerei. Es läuft besser seither mit der Wildwiese, aber noch nicht gut.

Manchmal kommt doch der Schrebergärtner durch und will berücksichtigt werden.

Wir müssen also von vorn anfangen mit dem Abmagern, dem gründlichen Rasenabtragen. Wir müssten. Vielleicht wird es aber einfach nur ein gemischtes Stauden-Wildwiesenbeet, in dem alles wächst, das will.

Fünf alte Obstbäume waren schwach, morsch und krank, als wir den Garten übernahmen, das fanden wir jedenfalls. Sie kamen weg, und wir haben neue gepflanzt, aber es dauert ganz schön lang, bis so ein Baumschulenpflänzchen etwas wird, zu dem man Baum sagen kann. Das weiß ich jetzt. Vielleicht hätten wir dem einen oder anderen von den alten doch noch eine Chance geben sollen?

Es ist ja immer der Kampf zweier Linien: Mehr Natur? Mehr Kultur? »Kultur!«, sagt das Schrebergärtnererbe. »Natur!«, sagt die Ökologie. Und die Faulheit, die sagt es auch. Und dann ist da noch Brecht im Hinterkopf, der sagt: »Ja, mach nur einen Plan!  Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch 'nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.«

Ich verstehe das als Aufruf zur Gelassenheit, und wenn man unseren Garten jetzt anschaut, kann man sagen: Wir haben uns verändert. Wir versuchen, ruhiger zu bleiben und der Natur eher mal ihren Lauf zu lassen. Ich würde heute nicht mehr die Hängebuche brutal zusammenzuschneiden, wenn sie von Wollläusen besiedelt wird. Ich warte darauf, dass nach den Läusen ihre natürlichen Feinde kommen: Florfliegen, Marienkäfer. Ich versuche, mit gewissem Gleichmut die Schnecken abzusammeln, bevor die Zucchini völlig gefressen sind.

Die morsche Sauerkirsche darf bleiben, auch wenn es ihr nicht besonders gut geht, und wird dafür von Wildrosen berankt: »Rambling Rosie« und »Guirlande d’Amour« geht es gut dort.

Aber manchmal kommt doch der Schrebergärtner durch und will berücksichtigt werden. Der Mitgärtner schlich im Herbst dauernd so enttäuscht um den Vorgarten herum. Dann gab er’s zu. Zwischen Rosen und Katzenminze hatte er Pflanzkartoffeln in der Erde versenkt. Einen Garten ohne Kartoffeln findet er sinnlos. Leider wurden sie nichts.

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