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Der Wurm drin – die Gartenkolumne Unerwünschte Tiere

Wer als Schrebergartenkind der Sechzigerjahre aufgewachsen ist, hat gelernt: Kampf den Ameisen! Den Wespen! Den Feinden im Garten! Heute geht es oft friedlicher zu. Aber nicht immer erfolgreich.
Von Barbara Supp

Unkraut heißt heutzutage ja »Beikraut«, wenn man höflich zur Natur sein will. Wie heißen dann eigentlich Tiere, die man nicht mag? Untiere? Ungeziefer? Etwas Höfliches fällt mir nicht ein.

Auf solche Fragen kommt man, Giersch rupfend an der Grundstücksgrenze, unmittelbar am Zaun, neben dem den Winter über die Marderfalle des Nachbarn stand. Leer. Sie war immer leer. Der Nachbar meint, es sei jetzt wohl die vierte Mardergeneration, mit der er und die Autos der Familie zu tun haben; Abschreckungsgitter, Hundehaare, Ultraschall, Elektroschocks brachten nichts. Jetzt hat er diese Lebendfalle und wartet immer noch auf den triumphalen Moment, da er den Gefangenen vorführt. Und dann dem Jäger übergibt, der das Tier mindestens 60 Kilometer weit weg bringt und auswildert, sonst ist der Marder gleich wieder da.

Die unerwünschten Tiere, mit denen ich zu tun habe, sind erfreulicherweise kleiner.

Die Wühlmaus zum Beispiel. Die Wühlmaus ist für mich nicht nur ein lästiges Tier, sondern auch eines mit Geschichte. Wir hatten immer wieder welche im Schrebergarten, früher. Meinen Vater brachten sie in Gewissensnot. Einerseits war er Beamter in der Agrarverwaltung und sehr entschieden der Meinung, der Mensch habe das Recht zu bestimmen, was in seinem Einflussbereich wächst und was nicht, und auch das Recht, seinen Umgang mit Kühen, Hühnern und Schweinen an ökonomischen Grundsätzen zu orientieren.

Andererseits liebte er Tiere. Die übergriffigen Wühlmäuse fing er mit großer Mühe lebend und setzte sie im Wald aus, um sie zu resozialisieren.

Ich vertraue auf die Katze des Nachbarn

Meine Wühlmaus tobt sich auf der Wildblumeninsel aus, das darf sie. Bis zum Gemüsebeet ist es ein weiter Weg. Sollte sie ihn finden, wird sie den Knoblauch dort hoffentlich so wenig mögen, wie es der Naturschutzbund verspricht. Was die Tulpen- und Narzissenzwiebeln betrifft – ja, da hat sie einiges abgeräumt. Aber ich habe keine Lust, meine Zwiebeln alle in Blumenknäste zu stecken, in diese Drahtkörbe, die man angeblich braucht, als Zwiebelschützer. Ich pflanze manisch im Herbst und vergesse sofort wieder, was wo war. Und freue mich über jede Tulpe, jede Narzisse, die im Frühjahr tatsächlich kommt. Im Übrigen vertraue ich auf die Katze des Nachbarn, dass sie die Wühlmaus dann doch noch irgendwann fängt.

Noch kleineren Viecher begegne ich mit Kampfstoffen, aber nur biologischen. Ehrenwort. Ich erinnere mich mit Schrecken an die Zeit, da Schrebergärtner ganz selbstverständlich die neuen, hochwirksamen Produkte aus der Giftecke im Gartencenter auf ihr Selbstangebautes sprühten. Ich verfluche immer noch die Giftgläubigkeit in den Sechzigerjahren, als es in Weinbaugebieten ganz normal war, so ist von Weinbauernkindern zu hören, wenn sie abends kotzten, weil sie aus der Arbeit in den Reben kamen: nichts Besonderes. War halt so.

Der allerletzte Giftstoffeinsatz in unserem Garten war vor sechs Jahren, es war ein Kampf zweier Linien zwischen dem Mitgärtner und mir. Der Mitgärtner hatte sich die Ameisen auf dem Rasen vorgenommen. Ich fürchte, er hat die Sechzigerjahre-Strebergärtnererziehung doch nicht ganz unbeschadet überstanden. Vielleicht prägt es eben doch, wenn man den Nachbarn ganz selbstverständlich mit Streichholz und Brennspiritus gegen Wespennester vorgehen sieht.

Es wäre verboten, heute. Damals war es Selbstverteidigung gegen das, was man als feindliche Kräfte im Garten ansah.

Die Ameisen waren die letzten Giftopfer, auch der Mitgärtner hat den Rückfall in die chemische Kriegsführung überwunden. Es sind wieder Ameisen da, und auf der Wildblumeninsel stören sie nicht weiter. Dass sie Blattläuse hegen, um ihnen Honigtau abzumelken – es stimmt ja. Aber es gibt Mittel gegen Unerwünschtes, und manchmal funktionieren sie sogar.

Natürlich kann man Blattläuse abstreifen und von Hand zerquetschen. Aber wenn ich sehe, was gerade auf meinem Holunder los ist, ziehe ich andere Methoden vor.

Es helfen auch: Brühen (Pflanzen einweichen, kochen, kühlen, verdünnt versprühen), Auszüge (einweichen, verdünnt versprühen), Tees (kochen, kühlen, verdünnt versprühen). Von Jauchen, für die man das Grünzeug zwei Wochen lang einweichen muss, bis es gärt und stinkt (ja, Gesteinsmehl soll dagegen helfen!), habe ich bisher die Finger gelassen.

Mein bester Freund ist der Rainfarn

Dem Holunder und den Rosen gab ich Brennesseltee und -brühe: Die Läuse wurden weniger. Beim Rittersporn habe ich es mit Schafgarbenblüten-Auszug probiert, es half, ein bisschen. Schafgarbe wirkt eher vorbeugend, heißt es. Also: früher ran. Schachtelhalmbrühe bekamen letztes und vorletztes Jahr die Rosen: Es ging ihnen prächtig. Vielleicht wäre es ihnen aber auch ohne die Brühe prächtig gegangen, man weiß es nicht.

Mein bester Freund bisher ist der Rainfarn . Ich hole ihn unten am Fluss, es ist eine hüfthoch wachsende Pflanze mit kleinen gelben knubbeligen Blüten. Sie riecht unangenehm – für Insekten. Angeblich packten sich schon die Ritter im Mittelalter Rainfarn unter die Rüstung, damit da nichts krabbelt und juckt. Vielleicht auch, weil Rainfarn immer noch weniger streng riecht als Ritterschweiß. Jedenfalls habe ich ein paarmal verdünnte Rainfarnbrühe auf meine Hängebuche gesprüht, die bei Wollläusen sehr beliebt ist. Und: keine Laus mehr, keine einzige! Soweit ich es erkennen kann.

Es war ein Glücksmoment in diesem Frühjahr, es gab noch ein paar mehr. Dass wir dieses Jahr vergleichsweise wenig Schnecken haben – es könnte an den Eidechsen liegen. Sie breiten sich aus. Sie lieben unsere Trockenmauer, wohnen darin, auch unter Steinen und in einem Baumstumpf. Sie huschen fix weg, liegen dann aber auch entspannt auf dem Dach des Insektenhotels, in dem eh niemand wohnt, und ich weiß jetzt: Eidechsen fressen Schnecken. Und deren Brut.

Und dann sah ich gestern etwas auf einem Steinweg liegen, was ich als Kind gehasst und gefürchtet hätte: eine Blindschleiche. Sie stellte sich tot, aber sie lebte. Blindschleichen mögen Nacktschnecken und deren Brut, und sie mögen naturnahe Gärten. Diese hier mag meinen.

Ich empfinde das als Kompliment. Ich könnte mir das als Zertifikat vorstellen, wie in der Sterneküche: Kategorie eine Blindschleiche, zwei Blindschleichen, drei.

Ich würde sagen: Eine Blindschleiche haben wir uns bis jetzt verdient. Wir bleiben dran.

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