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Fotokünstlerin Weronika Gesicka: Spiel mit Erinnerungen

Foto: Weronika Gesicka

Fotoserie "Traces" Gucken Sie lieber dreimal hin

Aus Alt mach Neu und vor allem Schräg: Die Fotokünstlerin Weronika Gesicka manipuliert Vintage-Fotos und erschafft damit verstörende Bildwelten, in denen man als Mann schon mal den Kopf verliert. Staunen Sie hier.
Von Lisa Srikiow

SPIEGEL ONLINE: Die Bilder Ihres Fotoprojekts "Traces" entführen den Betrachter in eine pittoreske Retro-Welt, doch nur auf den ersten Blick.

Gesicka: Ich wollte diese Optik durchbrechen und habe die Bilder deshalb mit Photoshop bearbeitet. Für das Projekt sammle ich vor allem amerikanische Fotos, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren entstanden sind. Diese Epoche gefällt mir besonders gut, sie war so glamourös und stilvoll - fast perfekt eben. Die Frauen auf den Fotos sehen wunderschön aus mit ihren frisierten Haaren und ihrem roten Lippenstift, die Kinder sind ruhig und sauber - alles wirkt wie aus einer Bilderbuchwelt.

SPIEGEL ONLINE: Sie manipulieren die Bilder gezielt. Erklären Sie uns, wie Sie dabei vorgehen.

Gesicka: Nehmen Sie beispielsweise das Bild mit den drei muskulösen Kerlen, die jeweils ein hübsches Mädchen auf den Schultern tragen. Auf mich wirkte das Original sehr traditionell und konservativ: Die Männer sind dominant, die Frauen unterwerfen sich ihnen wie selbstverständlich. Ich habe die Köpfe der Männer wegretuschiert, um die Beziehung zwischen den Geschlechtern zu verändern. Bei jedem Foto, mit dem ich arbeite, picke ich mir ein bestimmtes Detail heraus, das ich manipulieren möchte. Dieses Element muss mich dazu inspirieren, eine neue Erinnerung, eine neue Bildhistorie zu schaffen. Der Unterschied zwischen dem Original und meiner Arbeit soll so klein wie möglich sein, trotzdem ist es mir wichtig, etwas Eigenes zu schaffen. Eine ziemliche Herausforderung. Das Bild mit den drei Pärchen war übrigens der erste Beitrag für "Traces", deshalb liegt es mir besonders am Herzen. Es hat die ganze Serie eingeleitet.

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Foto: seen.by

SPIEGEL ONLINE : Woher stammen die Bilder, mit denen Sie arbeiten?

Gesicka: Ich durchforste regelmäßig Fotoarchive nach neuen Motiven, viele sind über das Internet zugänglich. In den meisten Datenbanken und Bibliothekssammlungen lagern Bilder aus den USA, daher auch diese amerikanische Optik.

SPIEGEL ONLINE : Wissen Sie mehr über die Bilder als die Betrachter?

Gesicka: Nein, in der Regel habe ich kaum Informationen über die Fotos, aber diese Einschränkung ist sogar sehr inspirierend. So entstand auch die Idee für das Projekt: Ich habe schon immer gerne mit Archivmaterial gearbeitet, ich fühle mich dabei jedes Mal wie eine Entdeckerin. Dabei stieß ich auf so viele Bilder, bei denen einfach nicht klar war, ob sie authentische Erinnerungen sind oder ob sie Schauspieler oder Models zeigen, die bestimmte Szenen nur nachstellen. Sie wirkten auf mich wie verschollene Familienaufnahmen: Verliebte Paare, Feiertage oder Kinder. Daraus wollte ich meine ganz eigene Sammlung von Erinnerungen schaffen.

SPIEGEL ONLINE : Erinnerungen sind ein wichtiges Motiv bei Ihrer Arbeit.

Gesicka: Das stimmt. Für mich ist ein Foto kein Beleg eines bestimmten Ereignisses, sondern vielmehr eine Erinnerung, die sich im Laufe der Zeit verändert. Ich denke, jeder von uns hat eine bestimmte Kindheitserinnerung, die er sich tatsächlich nur sehr vage ins Gedächtnis rufen kann. Doch wenn wir anderen von solchen Begebenheiten erzählen, ergänzen wir bestimmte Dinge. Erinnerungen sind also niemals ein objektives Zeugnis der Vergangenheit. Ich glaube nicht, dass so etwas überhaupt existiert. Jede Erinnerung ist Teil unserer eigenen Geschichtsschreibung. Das ist das treibende Motiv meiner Arbeit, und deshalb lese ich alles - vom wissenschaftlichen Paper bis hin zu Online-Blogs - über Erinnerungen, das Gedächtnis und Psychologie.

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Foto: seen.by

SPIEGEL ONLINE : Wie lange arbeiten Sie an einem Bild?

Gesicka: An jedem Motiv sitze ich ungefähr eine Woche. Ich brauche viele Stunden, um das Foto mit dem Programm Photoshop so zu bearbeiten, bis ich zufrieden bin. Es ist also ein relativ langer Prozess, und das Projekt dauert noch an, es beschäftigt mich seit vielen Monaten. Mittlerweile habe ich rund 40 Bilder zusammen, und noch ist kein Ende abzusehen. Doch auch, wenn es lange dauert, bis ich eine neue Erinnerung geschaffen habe, brauche ich nicht lange, um zu bestimmen, welche Fotos für das Projekt in Frage kommen. Dafür brauche ich nur wenige Sekunden.

Das Interview wurde für das Fotoportal seen.by  geführt.

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