Auch im zweiten Jahr litt die Frankfurt Fashion Week unter Coronabeschränkungen – aber ein paar Termine fanden live statt, wie hier die Schau von Dawid Tomaszewski
Auch im zweiten Jahr litt die Frankfurt Fashion Week unter Coronabeschränkungen – aber ein paar Termine fanden live statt, wie hier die Schau von Dawid Tomaszewski
Foto: Andreas Rentz / Getty Images

Frankfurt Fashion Week Und hier soll die Zukunft der Mode entstehen?

Grüner und transparenter: Die Textilbranche muss nachhaltiger werden. Maßgeblich dazu beitragen will die neue Frankfurt Fashion Week. Die spannendsten Ideen dazu kommen von Quereinsteigern.
Von Trisha Balster

Es war kein reibungsloser Start. Vergangenen Juli fiel die Premiere der Frankfurt Fashion Week pandemiebedingt größtenteils aus, lediglich ein paar Termine konnten stattfinden, und auch das nur digital. Umso mehr hatten die Veranstalter – die Messe und die Stadt Frankfurt – auf die zweite Ausgabe in diesem Januar gesetzt. Im Dezember zeichnete sich allerdings schon ab: wieder keine Messen, wieder kaum Modenschauen.

Wenn es nach den Veranstaltern geht, sollen Designer hier nachhaltige Entwürfe präsentieren, Marken zukunftsweisende Konzepte vorstellen und Branchenexperten ihre Visionen diskutieren. Im Idealfall finden die Ideen aus Frankfurt dann auch international Beachtung. So soll die Modewoche am Main zur Hochburg für Nachhaltigkeit werden. »Der Anspruch ist es, eine führende Rolle in globalen Veränderungsprozessen zu spielen und Innovationen voranzutreiben«, sagt Olaf Schmidt, »Vice President Textiles & Textile Technologies« der Messe Frankfurt.

In dieser Saison waren Podiumsdiskussionen und Konferenzen die Hauptattraktionen. Die Gespräche konnten mit begrenzter Teilnehmerzahl vor Ort stattfinden und wurden live übertragen auf der neu kreierten Website »FFW Studio«. Diskutiert wurden Themen wie »How to: Transparente Lieferkettengestaltung«, »Deep Dive: Change your consumption« und »Change the mindset«.

23 Kilogramm Treibhausgas für 1 Kilogramm Stoff

Dass Veränderungen für die Modebranche unumgänglich sind, steht außer Frage. Zwar gibt es bisher keine genauen Zahlen zum Beitrag der Textilindustrie am Klimawandel. Denn die wenigsten Marken legen offen, unter welchen Bedingungen T-Shirts oder Hosen genäht und gefärbt werden und welchen Weg sie dann zurücklegen. Die »New York Times« verwies 2018 auf eine Studie von McKinsey als eine der wenigen verlässlichen Quellen. Nach einer Schätzung der Beratungsagentur erzeugt bereits die Verarbeitung von 1 kg Stoff für Fast-Fashion-Unternehmen durchschnittlich 23 Kilogramm Treibhausgase.

Hier sollte die Frankfurt Fashion Week ansetzen. Eingeladen waren Designer, Vertreterinnen von Branchenvereinen und Nachhaltigkeitsmanager größerer Marken, um Probleme zu erörtern und Lösungsansätze zu präsentieren. Die spannendsten Ideen kamen allerdings von Quereinsteigern.

Stefan Rennicke arbeitete bei der Deutschen Unesco-Kommission, 2016 gründete er das Label für Arbeitsbekleidung Kayo & Kato. Um die Lieferketten aufzubauen, nahm er sich zwei Jahre Zeit. Dann wollte er den Warenfluss digital abbilden. »Von Uganda, bei der Abgabe der Baumwolle, bis nach Deutschland«, sagte Rennicke bei einem Webinar des Branchenvereins Fashion Council Germany.

Möglich machen sollte das die Blockchain-Technologie, Unterstützung suchte Rennicke sich bei IBM. Gemeinsam entwickelten sie die Plattform »Textiletrust«. Dort luden Rennicke und seine Geschäftspartner Dokumente und Zertifikate hoch. Weil »Textiletrust« auf der Blockchain beruht, seien die Zertifikate in der Lieferkette fälschungssicher und jederzeit einsehbar, sagt Rennicke. Außerdem wurde jeder Teilnehmer über die Datenbank verifiziert. Bisher nutzt nur Kayo & Kato die Plattform. Mithilfe der Technologie könnten im nächsten Schritt aber auch Kundinnen und Kunden den Weg eines T-Shirts nachvollziehen, wenn sie im Geschäft einen QR-Code auf dem Etikett scannen, sagt Rennicke.

Wo endeten die Sneaker von Carolin Kebekus?

Ebenfalls um Transparenz geht es Christian Salewski. Er ist Gründer des Forschungs-Start-ups Flip, vergangenes Jahr startete er mit seinem Team das Projekt »Sneakerjagd«. Ihr Ziel: Herausfinden, wo ausrangierte Turnschuhe landen. Dafür versteckten Salewski und seine Kollegen GPS-Tracker in den Schuhen von elf Prominenten. Die Paare warfen sie entweder in Altkleidercontainer oder in Rücknahmeboxen, die in den Läden der Hersteller stehen. Mithilfe der Chips konnten die Schuhe monatelang geortet werden, erzählt Salewski bei der Konferenz »Fashionsustain«.

Das Paar von Carolin Kebekus gaben sie in einem Geschäft von Nike in Hamburg ab. Der Sportartikelhersteller wirbt unter dem Slogan »Nike Grind« damit, ausgediente Modelle weiterzuverarbeiten. Tatsächlich landeten die Schuhe in einer Lagerhalle in Belgien, wie Filmaufnahmen von Salewski belegen. In den Schredder warfen Mitarbeiter dort aber auch makellose Paare, die zurückgeschickt wurden. Das ist alles andere als nachhaltig und nach deutschem Recht gesetzwidrig. Nun prüft der Berliner Senat den Fall. Salewskis Appell: »Es muss stärkere politische Regulierungen geben, sonst wird das nicht zu einer Art von Umdenken führen.«

So konkret wie bei »Textiletrust« und »Sneakerjagd« wurden die Beiträge nur selten. Mehr Beispiele und Zahlen aus der Praxis hätten dem Programm gutgetan – gerade angesichts der branchenweiten Intransparenz. Stattdessen dominierten vor allem Schlagworte wie Verantwortung und Konsumverhalten die Gesprächsrunden.

Der angestrebte internationale Einfluss dürfte so erst einmal ausgeblieben sein. Zumal die Frankfurt Fashion Week hochkarätige Konkurrenz hatte: Parallel liefen vergangene Woche Models in Mailand und Paris in den neuen Herrenkollektionen von Prada oder Louis Vuitton über die Laufstege. Internationale Einkäuferinnen und Journalisten blickten demnach eher zu den etablierten Modehochburgen statt an den Main.

Dort blieb die Fashion Week ein lokales Branchentreffen. Olaf Schmidt setzt nun auf die kommende Ausgabe im Juli, hoffentlich ohne Pandemie und mit reichlich internationalem Publikum. Dann sollen auch endlich die Messen Premium, Seek und Neonyt stattfinden, die von der Berlin Fashion Week abgeworben wurden. Denn es geht natürlich auch ums Geld. Zehn Millionen Euro investieren Messe und Stadt in den ersten drei Jahren in die Ausrichtung der Modewoche. Mit 200 Millionen Euro Einnahmen für die Region rechnete die Stadt ursprünglich.

Welches Potenzial in dem Konzept steckt, zeigen internationale Konferenzen wie die »Voices« in London. Auch hier werden einmal im Jahr die Themen Nachhaltigkeit und Innovation diskutiert. Branchengrößen und junge Designer erzählen von ihren Erfahrungen, die Aufzeichnungen erreichen im Netz Tausende Klicks. Bei den Liveübertragungen der Frankfurt Fashion Week blieben die Zuschauerzahlen dagegen zweistellig.