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Alles außer Mode: Stilikonen jenseits des roten Teppichs

Foto: LUCAS JACKSON/ REUTERS

Frauen und ihre Kleider "Ich habe mich in die Höhle des Löwen begeben"

Modemagazine sprechen zu ihren Leserinnen wie gewalttätige Eltern zu ihren Kindern, findet Leanne Shapton. Deshalb hat sie für ein Buch mehr als 600 Frauen zu ihrem Stil interviewt. Hier sind ihre Erkenntnisse.
Von Sonja Eismann

Wir alle tun es, aber die meisten möchten lieber nicht darüber sprechen: Jeden Tag kleiden wir uns an, wählen aus und kommunizieren mit der Umwelt über unseren (Nicht-)Stil. Ein neues Buch soll die Scham und den Druck, die Frauen in Bezug auf ihr modisches Verhalten spüren, durch offene und amüsante Konversationen über Kleidungsgewohnheiten ersetzen: "Frauen und Kleider" von Sheila Heti, Heidi Julavits und Leanne Shapton. Frauen aus alter Welt berichten darüber, wann sie sich besonders attraktiv fühlen. Wie sie als Lesben mit schrillen, sexy Outfits auf Aids aufmerksam gemacht haben. Was sie über den Stil ihrer Mütter denken, bevor sie selbst geboren waren. Was der Geruch von Mänteln in der Garderobe über die Trägerinnen aussagt. Mit der gängigen Berichterstattung über Mode haben diese pointierten Erfahrungsschnipsel nichts gemeinsam. Mitherausgeberin Leanne Shapton erklärt im Interview, warum das so ist.

SPIEGEL ONLINE: Frau Shapton, obwohl es mittlerweile sogar akademische "Fashion Studies" gibt, gilt die Beschäftigung mit Mode immer noch als oberflächlich. Wann hatten Sie das erste Mal das Gefühl, dass Mode ein ernst zunehmender Diskussionsgegenstand ist?

Shapton: Als ich das erste Mal eine schlaue Unterhaltung darüber mit einer Freundin hatte. Denn Mode ist ein spannendes, ernst zu nehmendes Thema, sie ist eine Kunstform. Jede normal intelligente Frau kann ein tiefschürfendes Gespräch über Mode führen. Aber wissen Sie was? Auch frivole Gespräche über Mode sind für mich völlig legitim. Wir sollten aufhören, uns für unsere Neugier in Bezug auf Kleidung zu schämen.

SPIEGEL ONLINE: War diese Überzeugung für Sie eine Motivation, für Ihr Buch 561 Frauen - im englischsprachigen Original waren es sogar 639 - mit den unterschiedlichsten Biografien über ihr persönliches Verhältnis zu Mode zu befragen?

Shapton: Wir haben nicht wirklich ein Buch über Mode gemacht, sondern über Kleidung. Wir sprechen nicht über verschiedene Seasons oder Designs, sondern über persönliche Beziehungen zur materiellen Welt und über individuelle Ausdrucksformen von Stil. Wir wollten mit unserem Buch zeigen, dass sich alle, sogar Menschen, die das Gegenteil behaupten, mit Mode auseinandersetzen. Und dass daran nichts verwerflich oder oberflächlich ist. Wir wollten eine neue Art der Unterhaltung über Kleidung anregen - und nicht über Mode. Keine von uns geht zu Modeschauen, keine von uns kauft High-Fashion-Kleidung oder bekommt sie von Designern ausgeliehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie lassen sich also bewusst nicht von der schönen Oberfläche verführen?

Shapton: Oh, wir haben alle während der eineinhalbjährigen Arbeit an diesem Buch viel zu viel Geld für Mode ausgegeben! Da gibt es so viele wunderschön designte Dinge, die um unsere Aufmerksamkeit betteln, umgeben von diesem Vokabular der ständigen Selbstverbesserung. Dieses "weil du es wert bist" - davon kann man sehr leicht verführt werden. Aber in diesem Buch geht es genau deswegen um Kleidung und die Botschaften, die wir damit aussenden. Das Wort "Mode" kommt so gut wie gar nicht vor.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Frauen, die in Ihrem Buch vertreten sind, haben nichts mit dem medial übermittelten Bild von Glamour zu tun, das für viele Menschen stellvertretend für Mode steht.

Shapton: All diese Modemagazine mit ihren "Best Dressed"-Rubriken! Entschuldigung, wir alle kennen Leute, die wirklich toll gekleidet sind, und die tragen sicher niemals die Art von Klamotten, die wir auf diesen Seiten vorgeführt bekommen. Diese Leute haben eine unglaubliche Art, sich zu halten, zu bewegen, zu präsentieren, und werden dennoch nie für diese Rubriken fotografiert werden. Das ganze Gewese um die tollsten Looks und die besten Red-Carpet-Outfits ist so ein Betrug, wirklich. Ich finde das abstoßend, weil wir doch alle wissen, dass die Celebrities nur Kleiderständer für berühmte Marken sind. Allein schon die Frage "Welchen Designer tragen Sie heute Abend?" ist grässlich. Da geht es doch nur ums Geschäft.

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Foto: KEVORK DJANSEZIAN/ AFP

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie für die Recherchen am Buch viele Modemagazine gelesen oder sich bewusst von ihnen fern gehalten?

Shapton: Ich selbst war bereits als Kind von ihnen verführt. Meine Mutter kaufte manchmal die "Vogue", in die ich mich vertiefte. Dann lernte ich meinen jetzigen Ehemann kennen, der in einem großen Verlag arbeitete, der genau solche Magazine publiziert. Er befand sich also quasi im Epizentrum des Geschehens, ließ sich aber nie wirklich darauf ein. Denn er hatte ein sehr schmerzhaftes Verhältnis zu dieser Welt, was uns auf jeden Fall zusammenschweißte - und ihn auch dazu veranlasste, dieses Arbeitsfeld zu verlassen. Ich habe das Gefühl, ich habe mich in die Höhle des Löwen begeben. Von uns drei Herausgebeinnen war ich diejenige, die am nächsten dran war, ich habe für Frauenmagazine geschrieben, ich war auf dem Met Ball und bei den Oscars.

SPIEGEL ONLINE: Die Art und Weise, in der Mode in herkömmlichen Frauenmagazinen verhandelt wird, ist sehr formelhaft und bevormundend: Dies ist ein Must, jenes ist ein No-Go, und hier kommt der so todsichere wie unrealistische Beauty-Tipp eines Models.

Shapton: Was mich an der Formelhaftigkeit dieser Hefte so verstört, ist vor allem, dass sie ihren Leserinnen einreden wollen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. "So verstecken Sie Ihren dicken Hintern!" Modemagazine sprechen mit uns wie gewalttätige Eltern mit ihren Kindern, die sie dauernd für alles kritisieren. Diese "abusive relationship" wollten wir auf jeden Fall durchbrechen. Doch manche unserer Fragen waren anscheinend so untypisch, dass sie die Beiträgerinnen völlig verwirrt haben, sodass wir sie weggelassen haben. Auf andere Fragen haben wir typische Standardantworten bekommen, bei denen wir sofort gemerkt haben, dass wir das alles schon x-fach gehört hatten und definitiv nicht im Buch sehen wollten.

Im zweiten Teil: "Die weiße, westliche Mittelschicht dominiert"

SPIEGEL ONLINE: Das Faszinierende an Ihrem Buch ist, dass man die meisten der Frauen, die sich darin äußern, gar nicht kennt. Trotzdem liest man die vielen kurzen Protokollschnipsel so gespannt wie einen Roman. Wie haben Sie die Frauen gefunden, die Ihnen all diese persönlichen Dinge über Mode erzählt haben?

Shapton: Ganz ehrlich: Wir haben die Leute nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Zuerst befragten wir nur unsere Freundinnen. Dann wandten wir uns an Bekannte in New York und L.A. Doch da haben wir schon bemerkt, dass alle Antworten gleich klingen, weil sie alle von Frauen mit Computern kamen, die in großen westlichen Städten leben und einigermaßen gut verdienen. Da wussten wir: Wir müssen das internationaler aufziehen, wir brauchen eine sozioökonomische Diversität. Leute mit verschiedenen Religionen, Sweatshoparbeiterinnen, eine Frau, die den Rana-Plaza-Einsturz überlebt hat, eine Menschenrechtsaktivistin. Als die ersten Antworten eintrafen, wurde sehr schnell klar, welche Art von Antworten wir suchten. Wir haben Journalistinnen in anderen Ländern kontaktiert, die Zugang zu Frauen ohne Computern hatten. Wir denken aber leider immer noch, dass wir nicht genug getan haben. Dass die weiße, westliche Mittelschicht dominiert.

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Rana-Plaza-Einsturzes. Im April 2013 kamen über 1100 Menschen um, als eine Textilfabrik nahe Dhaka, Bangladesch, einstürzte

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Foto: A.M. Ahad/ AP/dpa

SPIEGEL ONLINE: Es fällt auf, dass Berühmtheiten, die von der Öffentlichkeit mit Mode assoziiert werden, in Ihrem Buch weitgehend fehlen. War es eine bewusste Entscheidung, nicht mit Stars wie Kate Moss oder Chloé Sevigny zu sprechen?

Shapton: Oh, wir wollten mit allen sprechen! Wir haben aber auch viele Absagen bekommen. Verständlicherweise haben nicht alle Lust, ohne Honorar einen langen Fragebogen auszufüllen. Chloé Sevigny haben wir zum Beispiel auch angefragt, aber daraus wurde dann leider eben nichts.

SPIEGEL ONLINE: Dafür sind aber andere, vielleicht etwas weniger offensichtliche, aber dafür umso coolere Stilikonen vertreten: Kim Gordon, Tavi Gevinson oder Lena Dunham. Machen Sie sich nach Fertigstellung des Buchs noch mehr Gedanken als früher über Kleidung? Wie schwierig war es beispielsweise, Ihren Koffer für diese Interviewreise zu packen?

Shapton: Ich kann Ihnen verraten, dass ich heute in Berlin mehr oder weniger das gleiche Outfit trage wie gestern in Frankfurt. Das Packen war schwierig, weil ich gerade von einem Trip in die Arktis zurück gekommen bin. Bei mir zu Hause warf ich alles aus der Arktistasche in die Wäsche und schnappte mir ganz schnell meine liebsten Röcke und Oberteile. Als ich dann im Hotel in Deutschland die Sachen aus dem Koffer zog, stellte ich fest, dass die Hälfte davon schmutzig war - auf einer Bluse waren Handabdrücke meiner zweijährigen Tochter zu sehen - in Joghurt. Also verbrachte ich einige Zeit damit, meine Kleidung im Hotelbadezimmer von Hand zu waschen. Ich bin wohl nicht sehr organisiert, was meine eigene Kleidung betrifft.

Zur Person

Leanne Shapton, geboren 1973 in Toronto, ist Autorin, Künstlerin, Illustratorin und Verlegerin. Ihr Buch "Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck" (Berlin Verlag 2010), das wie ein Auktionskatalog gestaltet ist, soll mit Brad Pitt und Natalie Portman verfilmt werden. In "Bahnen ziehen" (Suhrkamp 2012), für das ihr der National Book Award verliehen wurde, verarbeitet sie Erinnerungen an ihre Zeit als Schwimmerin, die 1988 und 1992 an den kanadischen Olympia-Qualifikationsmeisterschaften teilnahm.

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Frauen und Kleider

Was wir tragen, was wir sind

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