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09. März 2019, 07:24 Uhr

"Gärten des Jahres 2019"

Fenster zum Hof

Im 18. Jahrhundert war die Ruine ein beliebtes Gestaltungselement englischer Landschaftsarchitekten. In dem Garten, den wir Ihnen hier vorstellen, gab es dieses Element bereits - nur die Inszenierung stimmte nicht.

Die alte Backsteinvilla aus dem vorigen Jahrhundert sollte weg. Doch Landschaftsarchitekt Volker Püschel erinnerte sich an ein Gestaltungselement aus der englischen Gartenbaukunst des 18. Jahrhunderts und hatte eine bessere Idee.

Ein Ruine musste her. Sie wäre ideale Kulisse für einen kleinen Garten im Garten. Dafür musste Püschel aber erst mal Überzeugungsarbeit leisten. Denn anders als seine Auftraggeber aus plante er ja lediglich einen Abriss light: Nur das Dach und eine Wand sollten verschwinden.

"Beim Anblick der romantischen Südfassade war mir sofort klar, dass hier das Potenzial für etwas ganz Besonderes schlummert", zitieren ihn die Autorinnen Claudia Gölz und Konstanze Neubauer in ihrem kürzlich erschienenen Buch "Gärten des Jahres 2019 - Die 50 schönsten Privatgärten". Um das Besondere freizulegen, mussten aber erst einmal wuchernder Efeu, wilder Wein, Glyzinien und Rosen entfernt werden. Anschließend wurden die Mauern um den Putz erleichtert und wetterfest gemacht.

Von der zu entfernenden Mauer ließ Püschel gerade so viel stehen, dass die drei übrigen nicht einstürzten. Sie bilden nun den Grundriss für einen gemütlichen Treffpunkt zwischen zwei Grundstücken, die von derselben Familie bewohnt werden. Die Westseite der Ruine bildet die Rückwand eines beheizbaren Wintergartens, einen Ort der Geborgenheit nicht nur für Menschen. Hier wachsen Weinreben, Feigen, Aprikosen, eine Chinesische Handpalme und eine Immergrüne Magnolie.

Links vor der Orangerie steht eine Bank. Von diesem Platz verläuft eine von mehreren Sichtachsen, sie reicht über eine Boulebahn und endet wieder auf einer Bank, malerisch gerahmt von einem Rosenbogen. Eine zweite parallel dazu verlaufende, aber aus dem Innenhof nicht einsehbare Sichtachse lenkt den Blick von einem Sitzplatz unter einer Kastanie 50 Meter weit zu einem gegenüberliegenden Kräutergarten als Solitär.

Auch die restlichen Abmessungen des Gartens machen klar, dass hier jemand aus den Vollen schöpfen konnte: Die Anlage ist Teil eines 6000 Quadratmeter großen Parks mit Platz für japanische Zuchtkarpfen, Hühner und einen Kinderspielplatz. Prämiert mit dem ersten Preis bei der Wahl zum "Garten des Jahres 2019" wurde Landschaftsplaner Volker Püschel aber nur für die von ihm gestalteten 1375 Quadratmeter.

"Vor allen Dingen überrascht das Gezeigte wohltuend im entscheidenden ersten Moment, ein Eindruck, der jedem Jurymitglied blieb. Nicht wieder mal nur einen Baum erhalten, ein Haus stehen zu lassen wurde hier zur Kunst", schreiben Gölz und Neubauer.

Der Wettbewerb "Gärten des Jahres" richtet sich an Landschaftsarchitekten, Gartengestalter sowie Garten-und Landschaftsbauer. Die 50 besten Beiträge werden vom Callwey Verlag in einem Bildband vorgestellt. Unter allen Beiträgen werden ein Preis und fünf Auszeichnungen vergeben. In diesem Jahr legten die Preisrichter Wert auf Konzepte, die den Garten zum erweiterten Wohnraum machen.

löw

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