Der sommerliche Garten von Karl Foerster in Potsdam steht zusammen mit dem Haus unter Denkmalschutz
Der sommerliche Garten von Karl Foerster in Potsdam steht zusammen mit dem Haus unter Denkmalschutz
Foto: Mabo / Alamy / mauritius images

Der Wurm drin – die Gartenkolumne Gärtner im Goldrausch

Der 1874 geborene Staudenzüchter und Philosoph Karl Foerster hat ein riesiges Werk hinterlassen: Seine Blumen sind ebenso Klassiker wie seine Bücher. Ein Geschenk für jeden Gartenfreund.
Von Katharina Stegelmann

Der November war in diesem Jahr so grau wie eh und je in Hamburg. An einem dieser trüben Tage, an denen es nachmittags kaum heller ist als abends, zappte ich mich durchs Fernsehprogramm und blieb bei einer Dokumentation über den Hamburger Park Planten un Blomen  hängen.

Der Film zeigte die vor 200 Jahren entstandene Anlage im Wandel der Zeit und der Jahreszeiten. Vor meinem Fenster war es düster, auf dem Bildschirm Sommer: Zig verschiedene Sorten Sonnenbräute standen da in voller, leuchtender Blüte. Sofort bestellte ich im Internet bei einer Staudengärtnerei vier verschiedene dieser Helenium-Pflanzen.

Als die Sonnenbräute ankamen, war der relativ milde Herbst endgültig vorbei. Mit klammen Fingern buddelte ich die Pflanzlöcher. Von Farbenpracht natürlich keine Spur. Murkelig lugten die wenigen grünen Blätter aus der Erde. Ich schaufelte Stroh und Mulch auf diese Rudimente und fragte mich, ob diese Pflanzen jemals eine Chance haben würden, ihrem Namen Ehre zu machen.

Helenium »Goldrausch« kann unter günstigen Bedingungen von Juli bis September blühen und 1,50 Meter hoch werden

Helenium »Goldrausch« kann unter günstigen Bedingungen von Juli bis September blühen und 1,50 Meter hoch werden

Foto: REDA&CO / Universal Images Group / Getty Images

Einer meiner Neuzugänge heißt »Helenium Goldrausch« und stammt aus der Zucht des berühmten Staudengärtners, Gartengestalters und Philosophen Karl Foerster. Das machte mir Hoffnung – Foerster war ein großer Mann. 1874 in Berlin als Sohn einer Malerin und eines Astronomen geboren, wurden sein Kunstsinn und seine wissenschaftliche Neugier früh gefördert. Schon als Kind liebte er das Gärtnern. Foerster absolvierte eine klassische Gärtnerlehre, sammelte in diversen Betrieben, auch im Ausland, Erfahrung und gründete 1903 seine Gärtnerei für winterharte Stauden, die heute mehrere Filialen in Deutschland hat.

Im Jahr 1916 wurde Foerster zum Kriegsdienst eingezogen, doch wegen seiner Schwerhörigkeit musste er nicht an die Front, sondern wurde in Plauen an der Havel stationiert, wo er Gartenarbeiten verrichtete. Sein Buch »Vom Blütengarten der Zukunft« (1917), das mit 25.000 Exemplaren an Verwundete in Lazaretten und an Kriegsgefangene geschickt wurde, legte den Grundstein für Foersters Bekanntheit.

Karl Foerster mit seiner Frau Eva im Garten (1967)

Karl Foerster mit seiner Frau Eva im Garten (1967)

Foto: Erich Braun

In dem Buch »Karl Foerster. Seine Blumen, seine Gärten« von Carsten Mehliß erhält man einen guten Überblick über Foersters Leben und umfassendes Werk. Der Mann machte sich nicht nur um die Züchtung zahlreicher Blumensorten verdient – besonders um die Vielfalt des Rittersporns, des Phlox' und des Heleniums – , sondern er schrieb auch sehr viele Bücher. Die tragen so schöne Titel wie »Blauer Schatz der Gärten«, eine Hommage an Foersters Lieblingsblütenfarbe mit konkreten Tipps, oder »Garten als Zauberschlüssel«.

Foersters Betrieb überstand nach dem Ersten auch noch den Zweiten Weltkrieg. Seine Haltung zum Nationalsozialismus ist umstritten; es gibt Vorwürfe, Foerster sei antisemitisch gewesen. Gleichzeitig gibt es private Briefe, in denen seine Ablehnung des Hitler-Regimes zum Ausdruck kommt. 1970, im Alter von 96 Jahren, starb Karl Foerster. Die Staudengärtnerei überdauerte die DDR und eine wirtschaftliche Durststrecke in den Nachwendejahren. Heute ist Foersters Gärtnerei, deren Zentrale sich seit 1911 in Potsdam-Bornim befindet, ein florierender Betrieb und bietet nach eigenen Angaben mehr als 2700 verschiedene Blütenstauden, Gräser, Farne, Wasserpflanzen und Küchenkräuter an.

Foersters Bücher zählen zu den Klassikern der Gartenliteratur und dienten Generationen von Gartengestaltern als Grundlage ihrer Arbeit. Das Besondere an ihnen ist, dass sie gleichermaßen praxisorientiert und philosophisch sind; Foerster gilt zu Recht als der Poet unter den Gartenschriftstellern.

Stein-, Schatten- oder Senkgärten; Lupinen, Gräser oder Farne – Foerster hat sich für alles interessiert und zum Glück über alles geschrieben. Viele der Bücher sind in überarbeiteten Neuauflagen zu erhalten, wurden aktualisiert, kommentiert, neu illustriert.

Die Erfüllung von Standortansprüchen gingen für den Gartenkünstler Förster mit ästhetischen Anforderungen Hand in Hand. Unermüdlich legte er Listen und Verzeichnisse zu seinen Beobachtungen an – welche Pflanze will wo stehen, welche Textur haben ihre Blätter, wie kann die Nachbarschaft harmonisch gestaltet werden? All das gilt heute noch, ist lehrreich und kann Hobbygärtnerinnen und -gärtner inspirieren.

Foerster hat offenbar versucht, der Fülle der Natur, die er mit Staunen und Respekt betrachtete, Herr zu werden. Dass ihm das nicht gelingen konnte, war ihm anscheinend aber ebenso klar: »Wenn ich noch einmal auf die Welt komme, werde ich wieder Gärtner und das nächste Mal auch noch«, soll er gesagt haben. »Denn für ein einziges Leben ward dieser Beruf zu groß.«