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04. August 2019, 16:02 Uhr

Gartenbücher

Säen und verstehen

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Die frische Ernte Gartenbücher ist da: Sie zeigen Menschen auf Sinnsuche im Saatgut statt praktischer Tipps. Die neuesten Züchtungen: sehr viel Selbsterfahrung und ein wenig Aktivismus. Eine unverblümte Auslese.

Gartenbücher zu lesen ist ein wenig wie Beete anzulegen. Zuerst diese Sorte, dann eine Reihe von jenen, dann ein paar Ableger von den dritten, dazwischen genug Platz für Sonne oben und Wurzeln unten.

Diese jüngste Züchtung gartenkultureller Texte ist nicht darauf aus, hemdsärmelig aufzuschlüsseln, wann was gesät werden muss, was gegen Blattläuse hilft und welche Stauden sich vertragen. Gegärtnert wird in der aktuellen Pflanzsaison, um sich selbst zu entdecken. Und zwar nicht in der vor Kurzem noch so populären Form des "Urban Gardening": Stattdessen sprießt in den Texten nun die echte Natur - im richtigen Garten eben.

Den Autor*innen geht es um Sinnstiftung und Selbsterkenntnis im Spiegel ihres grünen Bodens: wenn sie ihre Hände in Terra Preta wühlen, bis die Fingernägel vor Dreck starren, wenn sie heldengleich Bohnenstauden vor Ungezieferbefall retten, Tomaten ausgeizen und die ersten eigenen Salatblätter, Blumenkohlköpfe, Gojibeeren ernten, zubereiten, verzehren. All das ist der Rückzug auf die eigene Scholle, weg vom Alltag als soziales, politisches Wesen. Heimat ist der selbst kultivierte Mikrokosmos, Gärtnern solitäres Tun.

In den fruchtbareren Exemplaren zeigen die Autor*innen, was es mit ihnen macht, sich der Natur und ihren Gezeiten zu unterwerfen. Und stiften so auch Gartenlose an, sich in dieser Selbstbeackerung zu spiegeln. "Mir fällt gerade nichts anderes ein, das einen durch so viele Emotionen trägt, die man alle, das ist ja das Tolle, höchstpersönlich hergestellt hat", schreibt Meike Winnemuth in ihrem tagebuchartigen "Bin im Garten" und zählt gleich mal auf: "Überraschung, Dankbarkeit, helles Entzücken. Zuversicht, Stolz, Hoffnung." Soweit die Bilanz im Juni, drei Monate nach Projektbeginn.

Winnemuth hat in der Vergangenheit immer wieder Selbstversuche auf Zeit dokumentiert - nach einem Jahr im gleichen Kleid und Weltreise nun also das Gartenleben. Dafür ist sie gleich ganz rausgezogen ins Grüne. Bei ihr geht es ums Wachsen: dem eigenen, inneren - während sie dem der Pflanzen zuschaut. Dass sie nerdig britische Garten-YouTuber glotzt, ist sympathisch. Winnemuth demonstriert so schlau wie wissenshungrig, wieviel Selbstreflektion möglich ist, wenn man im Garten rumwurschtelt - statt eben einfach nur zu säen, zu gießen, zu ernten. Wichtigste Lektion: "Das mache ich jetzt mal, dann sehe ich schon".

Stadtmenschen auf Sinnsuche

Alma de l'Aigles Buch "Ein Garten" fällt ein wenig aus dem Rahmen: Es ist direkt nach Kriegsende erschienen, nun liegt eine Neuauflage vor. Und ist damit eben kein Selbsterfahrungstext. Sondern 1944 geschrieben im Rückblick, eine Art Garten-Autobiographie ihrer Kindheit: das detaillierte Portrait des "Paradiesgartens" ihres Vaters, die der Hamburger Jurist Ende des 19. Jahrhunderts einem Bauern abgekauft hatte.

Dort die Ecke mit den besonderen Rosen, hier die Freude, wenn sich die Blütenblätter der Goldbandlilie auseinanderbiegen und "ihr juwelengeschmücktes Inneres den Menschen und der Sonne zeigen", drüben die drei Reihen Bohnenbüsche, die die Familie zusammen aberntet. Die Erinnerung an die Ordnung des Kindheitsparadieses ist in den Kriegsjahren eine mentale Stütze. Sicher steckt hier auch der Reiz für heute: Das Vertrauen darauf, dass im Weltchaos einiges verlässlich gleichbleibt. Und auf Sommer Herbst, Winter, Frühling und Sommer folgen.

Doch die selbstironischste, ehrlichste Version dieser Gartenbuchwucherungen ist ohne Frage Lola Randls "Der Große Garten". Der Text folgt einer Beetlogik, die in ihrer Willkür zugleich Randls Nonchalance im Gärtnern spiegelt: "Salat I", "Fruchtfolge", "Ausgeizen", "Kaninchen", "Salat II" heißen die kurzen Abschnitte, die sich umstandslos aneinanderreihen.

"Wahrscheinlich doch nur die Angst vor dem Tod"

Ihr großer Garten ist wirklich groß: Es ist der ehemalige Schlossgarten von Gerswalde in Brandenburg, wo einst die von Arnims residierten. Vor zehn Jahren zog die Filmemacherin von Berlin aufs Land - und hat ein Gefolge an Kreativen angelockt. Was das mit dem Dorf macht und wie Randl das findet, ist eine andere Geschichte.

Das Garten-Tun, das Umgraben und Bepflanzen im Kollektiv - mal liebevoll, mal stirnrunzelnd beraten von den alteingesessenen Profis vor Ort - begleitet Randl mit dem glasklaren Hang, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen: "Ich liege im Bett und überlege, warum ich Pflanzenkeime fotografiere und glaube, eine Gartenenzyklopädie anlegen zu müssen", schreibt sie. "Wahrscheinlich ist es doch nur die Angst vor dem Tod, wie die Analytikerin sagt." Damit hat Randl das Metabuch zum Thema abgeliefert: Weil sie die Stadtmenschen-auf-Sinnsuche ins Licht der knallenden Sonne legt. Und sich gleich mit.

Sexistische Gartenversager und wunderbare Mikrokosmen

In anderen Bänden verdorren die Einsichten jedoch, bevor sie überhaupt knospen. Ihre Existenz bestätigt den umfassenden Trend, den das Gartenthema längst erreicht hat: Es wird in allen Kategorien durchdekliniert - gerade geschehen mit den Bienen.

So dient Stefan Schwarz der Garten als letzter Raum für die Selbstentdeckung des Mannes. In "Der kleine Gartenversager" erklärt er etwa: "Ich weiß, wie Frauen darauf reagieren, wenn sie jemanden entdecken, der das gleiche Blütenkleid trägt, und wenn Pflanzen nur ähnlich darauf reagieren, dann will ich das nicht in meinem Garten" und ähnlichen sexistischen Quatsch, locker über die Seiten verstreut. Heroische Potenz testen, sich an vorgestrigen Virilitätskonzepten abarbeiten: Das hat echt kein Garten verdient.

Der Botaniker Jürgen Feder vermenschlicht die Pflanzen in seinem nun schon vierten Nachschlagekompendium "Von Diven und Dränglern und fleißigen Lieschen" gleich ganz unverblümt. Seine Leseanleitung lautet: "Vielleicht entdecken Sie ja sich selbst, Ihren Partner, Ihren Chef". Klette, Dreiteiliger Zweizahn und ein paar andere, das "sind so richtige Querulanten, Quertreiber, Quälgeister, da fliegen auch mal die Fetzen". Es gebe auch Pflanzen mit Zwangsneurose wie die Zitterpappel - als müsse sie sich "möglichst zwanghaft verbreiten"; versuche man, sie loszuwerden, scheine es, diese "Baumart (…) lache einen einfach nur aus".

Und auch Susanne Wiborg, die seit Jahren Kolumnen und Kolumnenbücher über ihre Gartenleidenschaft veröffentlicht, bestellt ihr Feld nun vielleicht einmal zu oft: In "Gäste in meinem Garten" müssen nun die Tiere dran glauben. Auch hier alles vermenschlicht: Machen sich Amseln, Eichhörnchen, Spatzen übers reife Obst her, ist das eine "Schlacht am kalten Buffet", die Gallica-Rose ist "schwer zu vergesellschaften". Und das Gartendasein wird überhöht als Allegorie aufs Leben: "Die nächste Saison muss doch einfach besser werden!".

Dass die Aufmerksamkeit fürs Grün hinterm Haus doch für mehr taugt als zur Selbstbespiegelung, zeigt ein anderes Werk: "Die Wiese" vom Biologen und Naturfilmer Jan Haft. Diese Hommage an jenen urzeitlichen Lebensraum ist nach all dem Ums-Ich-Kreisen geradezu erholsam. Hier steht in der Tat das Biotop-Wunder selbst im Mittelpunkt - nicht der, der es hegt. Haft erklärt die Infrastruktur eines Ringelnatterhügels, die Überlebenskünste von Kiebitzen, das Doppelimage von Löwenzahn - und liefert ein astreines Plädoyer für Artenvielfalt. Und damit eben doch ein Argument dafür, wie politisch sich die Gärtnerei begreifen lässt: Es ist Umweltaktivismus der direktesten Art.

Auch in Randls Buch finden sich Setzlinge davon: "Die Natur hat keinen Plan. Das ist eigentlich das Aller-Beängstigendste an der Natur", schreibt sie. Der Gärtner hingegen könne in "seinem Beet alles falsch machen, wenn er glaubt, es ist richtig." Ist es halt nur oftmals nicht.

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