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Aussterbende Tradition: Tätowierungen in Tunesien

Foto: MedienKontor/ Myriam Bo-Saha

Körperschmuck der Berber "Untätowierte Frauen kriegen keinen Mann"

In der Hauptstadt ist ihr Job geächtet, doch die Berber glauben, ihre Tattoos hätten heilende Kräfte: Ein großartiger TV-Film porträtiert Tunesiens einzige Tätowiererin - und taucht tief hinab in eine fremdartige Kultur.

Eines Tages setzt sich Manel Mahdouani ins Auto und reist in den Süden Tunesiens, in die Vergangenheit - und findet ein scheinbar komplett anderes Land mitten im eigenen. Die 28-Jährige mit den dicken Khol-Strichen auf den Augenlidern gilt als die einzige Tätowiererin des Landes. In Tunis ist sie geächtet, arbeiten darf sie nur inoffiziell, Tattoos sind tabu, selbst ihre Familie will damit nichts zu tun haben.

Eine lange Fahrt durch die Wüste weiter jedoch sitzen auf einmal vom Leben und der Wüstensonne zerknitterte Muslima vor ihr, sie entblößen ohne Zögern ihre Knöchel, rollen die Ärmel hoch, so dass der Goldschmuck klimpert und schieben sich die wild gemusterten Kopftücher aus der Stirn. Überall verzierte Haut, mit gewundenen schwarz-grünlichen Mustern. Eine der alten Berberfrauen fängt an zu singen: "Eine Tätowierung auf dem Fuß ist besser als zehn Kamele."

Der eher ethnomuseale Titel "Tunesien - die Kunst der Berber-Tattoos" verrät nicht annähernd, wie vielschichtig dieser Film ist, der an diesem Samstagabend auf Arte  zu sehen ist. Es ist eine jener raren Reportagen, die in verdichteter Form - in TV-Sprache: einer halben "Tatort"-Länge - so viel über ein Land, eine Kunstform und Stereotype erzählt, wie man sich nicht zu erhoffen wagt.

Was für ein Glück, dass die französische Dokumentarfilmerin Myriam Bo-Saha (deren Doku über zwei Frauen in den Favelas von Caracas  mehrere Preise gewonnen hat) für die "360° Geo"-Reihe dieses großartige Thema ausgegraben hat: Denn dass ausgerechnet Tattoos so viel über die Widersprüchlichkeit von gelebtem Glauben, veränderten Frauenrollen und Handwerkstraditionen in einem Land wie Tunesien erzählen können, das fünf Jahre nach dem hoffnungsvollen Arabischen Frühling doch wieder zwischen allen Stühlen hängt, ist einfach nur: unerwartet. Und führt gerade damit die eigene Ignoranz vor Augen, mal wieder.

Der Film folgt also Manel Mahdouani, wie sie das künstlerische Erbe ihrer eigenen Profession dokumentiert, den Skizzenblock immer zur Hand. Und zeigt damit zugleich so viel mehr als jede in einem Printmagazin abgedruckte Reportage je könnte: Wie sich die Muster der Tattoos in den Teppichen, Kopftüchern und verzierten Haustüren wiederfinden, wie sich die Mimik und Stimmlage der jungen Frau aus Tunis auf einmal komplett ändert, als sie ausgerechnet so weit von der Hauptstadt entfernt unter den Berbern endlich offenherzige Menschen trifft, die verstehen, was sie da macht. Sie erzählen ihr, was es mit den Skorpionen, Gazellen, Palmblättern und Fröschen auf sich hat, die sie sich haben stechen lassen, und wieso "untätowierte Frauen keinen Mann kriegen".

Jedes Muster verweist auf eine andere Region, einen anderen Stamm, oft Spuren auf andere Religionen, die dort verbreitet waren, Judentum, Christentum, heidnische Bräuche. "Genau deswegen gelten Tattoos heute als Sünde", erklärt einer, der ein kleines Brauchtumsmuseum betreibt. "Du praktizierst die eine Religion, trägst aber Motive anderer Religionen auf der Haut." Dass es auf einmal etwas Schlechtes ist, wenn Kulturen Spuren mehrerer Vergangenheiten in sich tragen, ist nun einmal keine rein tunesische Realität.

Am Ende sticht sich Manel auf ihren linken Handrücken ein über hundert Jahre altes Berbermuster aus ihrem Skizzenbuch - und anderen jungen, hippen Tunesiern, Typen mit langen Haaren, Frauen mit Nerd-Brille. Die Tattoos sind verästelt, mit kleinen Rauten und Dreiecken, filigran und unübersehbar zugleich. Eigentlich schreibt die junge Tätowiererin, die ihren Beruf offiziell gar nicht praktizieren darf, damit nur die Geschichte ihrer Großmüttergeneration fort. Und verwandelt dennoch zugleich Traditionsmuster in subversive Symbole. Tattoos, glauben die Berber, haben heilende Kräfte.


"Tunesien, die Kunst der Berber-Tattoos", Samstag, 10.9., 19.30 Uhr, Arte.

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