Wie Juwelen zu unbezahlbaren Schätzen werden Objekte der Begierde

Juwelen sind bares Geld wert, darum stehlen Menschen sie. Doch wir begehren Schmuckstücke aus mehreren Gründen. Sie sind Statussymbole und Ausdruck von Meisterschaft. Unbezahlbar macht sie aber etwas anderes.

Erst seine Geschichte macht Schmuck richtig wertvoll: Schmuck der Marie Antoinette
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Erst seine Geschichte macht Schmuck richtig wertvoll: Schmuck der Marie Antoinette

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Die Einbrecher in das Grüne Gewölbe in Dresden haben reiche Beute gemacht. Experten schätzen den Materialwert der gestohlenen Schmuckstücke auf mehrere Millionen Euro. In Wahrheit sind Kleinode wie der Bruststern des Polnischen Weißen Adler-Ordens aber unbezahlbar. Die Brillanten, Rubine, das Gold und Silber lassen sich ersetzen. Sie sind selten, aber nicht einmalig. Unwiederbringlich verloren sind schlimmstenfalls die den Objekten zugeschriebenen Bedeutungen. Denn unser Begehren nach Gold und Edelsteinen speist sich nur zum Teil aus dem materiellen Wert.

Es ist auch die Kunstfertigkeit der Goldschmiede und Edelsteinschleifer. Aus einem Klumpen (Edel-)Metall oder einem Stück Kohlenstoff formen sie Meisterwerke. Sie hämmern, dengeln, schleifen und polieren den Stoffen eine neue Faszination ein. So wie sie Steine einfassen, legen sie etwas Zusätzliches hinein - etwas, das Menschen verzaubert.

Das Herzogspaar Albrecht und Anna von Bayern etwa war Mitte des 16. Jahrhunderts so angetan vom Inhalt seiner Schmuckschatulle, dass es 71 seiner Lieblingsstücke vom Maler Hans Mielich porträtieren ließ, wie die Historikerin Kim Siebenhüner recherchiert hat. Mielich gab sich alle Mühe, seine Abbildungen ihren kostbaren Vorbildern gerecht werden zu lassen. Offenbar war der Maler ebenso in den Bann gezogen worden wie seine Auftraggeber.

"Mielich gab nicht nur mit geradezu fotografischer Genauigkeit die kristallinen Reflexe der Edelsteine, den weichen Glanz der Perlen und das reiche Dekor der Goldfassungen wieder", schreibt Siebenhüner, Inhaberin des Lehrstuhls für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. "Er schuf auch für jedes Schmuckstück einen perfekt harmonierenden Rahmen aus Ranken, heraldischen und antikisierenden Elementen, der aus jedem Blatt ein Kunstwerk für sich machte."

Schmuck als Geldersatz

Ob sich Mielich in Edelmetall oder Rubinen und Smaragden bezahlen ließ, ist nicht überliefert. Ungewöhnlich wäre es nicht gewesen. Denn für die Menschen damals waren Preziosen ein normales Zahlungsmittel. Gerade die unteren Schichten waren laut Siebenhüner darauf angewiesen. Weil sie kein regelmäßiges Einkommen hatten oder in finanzielle Notlagen geraten waren, sahen viele keinen anderen Ausweg als zum Pfandhaus.

Gegen Schmuck gab es alles: Bargeld, Kredite oder schlicht Waren. Geschmeide wurden rege getauscht und verliehen damals, hat Siebenhüner erforscht. Die Ratsdokumente der Stadt Nürnberg aus dem 16. Jahrhundert beispielsweise sind voller Einträge darüber, wer wem welches Stück überlassen hatte oder schuldete. Diese Dinge wurden von so vielen Menschen aus allen Schichten als Geldersatz und Tauschmittel benutzt, dass es vollkommen normal war.

Kleiderordnungen für das Tragen von Schmuck

Hauptsächlich waren Gold, Perlen und Edelsteine aber das Vergnügen wohlhabender Leute. Zusätzlich zur Kaufkraft mussten die Menschen im 16. und 17. Jahrhundert allerdings etwas mitbringen, um Prunk tragen zu können. In Kleiderordnungen war ganz klar geregelt, wem welches Statussymbol zusteht.

"Während Männer und Frauen des Patriziats und der vornehmen Handelsfamilien schwere Goldketten tragen durften, waren den Krämern und Handwerkern goldene Geschmeide mit Ausnahme eines goldenen Rings im 16. Jahrhundert untersagt", schreibt Siebenhüner in ihrem Aufsatz über "Juwelen. Kostbare Objekte zwischen Alltagsökonomie und Sinnstiftung". Diamanten, Saphire und Rubine waren dem Klerus und dem Adel vorbehalten.

Ob dieses Verbot den Reiz der Juwelen zusätzlich verstärkte bei den Angehörigen niederer Stände, ist unter Historikern allerdings umstritten. Andererseits hat der Mensch schon immer gerne gezeigt, was er hat. Das hat sich vom Schild mit Muschelpatt bis zum neuesten iPhone kaum geändert.

Was Schmuck so kostbar macht

Der Wert von Schmuck und Edelsteinen setzt sich aber noch aus einer dritten Komponente zusammen. Vor der künstlerischen und materiellen Wertschätzung war es vor allem ihre persönliche Bindung zu den Dingen, die Menschen dazu veranlasste, ihre Gegenstände wieder auszulösen. Oder gar nicht erst aus der Hand zu geben. Weil es vielleicht ein großes Abenteuer war, sie zu bekommen, oder sie von einem verehrten Menschen stammen.

Nachdem sie dann ein Leben lang geschätzt wurden, reicht man sie weiter. Mit jedem Erben, jedem neuen Träger wird die Geschichte fortgeschrieben, mit jedem neuen Kapitel steigt der emotionale Wert. Darum würden wir den einfachen Silberring der geliebten Urgroßmutter um kein Gold der Welt tauschen wollen.

Unsterbliche Werte

Selbst den Verstorbenen gibt ein Schmuckstück noch eine gewisse Macht über ihren Tod hinaus. Die Wahl des Erben bestimmt ein Stück weit die Welt nach dem Ableben des Erblassers. So kann aus der lange vernachlässigten Freundin in einem letzten Willen auf einmal eine wohlhabende Frau werden, während jemand weniger großzügig bedachtes sich vielleicht um seine Träume gebracht sieht.

Schmuck und Juwelen ziehen ihren Wert also aus wirtschaftlichen Zwängen und persönlichen Belangen. Sie sind bares Geld wert, tragen Erinnerungen und beweisen künstlerisches Geschick. Darum kann dasselbe Ding für den einen alles bedeuten und für den nächsten nichts.



insgesamt 10 Beiträge
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butzibart13 27.11.2019
1. Diamonds are girls best friends
Natürlich strahlen Gold/Diamanten einen hohen materiellen Wert aus und zeigen die Stellung des Besitzers, ebenso bei entsprechender Bearbeitung, Schliff, Ziselierung die Qualität des Künstler und nicht zu vergessen den hohen persönlichen Wert als Erbstück. Aber im Rahmen der Gossenschen Theorie kann auch der Wert dieser Preziosen auf Null herabsinken, was in der Volkswirtschaftslehre gerne am Beispiel der zwei Männer in der Wüste dargestellt wird, der eine mit Gold/Diamanten beladen, der andere mit einem Kanister frischem Wasser und dann kommt ein Verdurstender auf die beiden zu und es ist klar, wonach der greift. Nicht zu vergessen sind und meiner Meinung oft wichtiger zu erachten, sind die Anwendungen von Diamanten als Präzisionswerkzeuge, Gold als Katalysator bei Selektivoxidationen oder bei irgendwelchen leitenden Bahnen, Platin als Cis-, Satraplatin in der Krebstherapie. In Erinnerung sei auch der Fluch auf diese Materialien, besonders Gold, wodurch die Geschichte Süd- und Mittelamerikas, der Inkas, Mayas und Azteken und deren Kontrahenten, die spanischen Eroberer, geprägt wurde.
reverend.speaks 27.11.2019
2. Irrweg
Die Bindung an materielle Güter ist genauso schädlich wie Drogen. Materie verspricht Sicherheit und Identität, macht uns aber unsicher, da Materie zerfällt oder gestohlen wird. Wenn dann unsere Identität damit verknüpft war, fallen die Geschädigten ins Bodenlose. Interessanterweise lehrt uns das seit 2.000 Jahren die christliche Weisheit (und nein, ich meine nicht die Kirchen).
dasfred 27.11.2019
3. Ich bin irritiert
Was ist ein Schild mit Muschelpatt. Mir ist Schildpatt geläufig und Perlmutt aus Muscheln. Ansonsten hat mir der Artikel sehr gefallen. Anmerken möchte ich, dass auch im letzten Jahrhundert noch viel Geschmeide in schlechten Zeiten nach den Kriegen, oder bei den Verfolgten der Nazis zum Zahlungsmittel wurden und oft zu Überleben halfen. Wenn ich mir allerdings heute Bares für Rares ansehe, dann wundert mich, wie viele Leute sich gedankenlos von Erbstücken ihrer Ureltern trennen, um sich einen Kurzurlaub zu gönnen. Eine Brosche gilt nur noch als Accessoire und wenn es nicht der Mode entspricht, dann weg damit. Einschließlich der Familiengeschichte. Da zählt nur noch der Materialwert.
upalatus 27.11.2019
4.
Auch solche hochwertigen Stücke haben natürlich eine innewohnende Kunstfertigkeit und Bedeutung. Mein persönlicher Eindruck der geklauten Stücke war: vom Untertanen abgepresster extrem kalter Edelsteinprotz, der die händische Kunstfertigkeit, möglichst jeden Quadratmillimeter mit Stein zu besetzen, geradezu wegscheixxt. Prominent durch Getragenwordensein durch irgendeine von Geburt über andere gestellte Person. Auf gut deutsch, diese Teile lassen einen recht kalt. Genausogut hätte man den Dieben jeweils ein Säckchen Diamanten hinstellen können.
Filsbachlerche 27.11.2019
5. Zu Nr.4 upalatus Herzlichen Glückwunsch!
Zitat von upalatusAuch solche hochwertigen Stücke haben natürlich eine innewohnende Kunstfertigkeit und Bedeutung. Mein persönlicher Eindruck der geklauten Stücke war: vom Untertanen abgepresster extrem kalter Edelsteinprotz, der die händische Kunstfertigkeit, möglichst jeden Quadratmillimeter mit Stein zu besetzen, geradezu wegscheixxt. Prominent durch Getragenwordensein durch irgendeine von Geburt über andere gestellte Person. Auf gut deutsch, diese Teile lassen einen recht kalt. Genausogut hätte man den Dieben jeweils ein Säckchen Diamanten hinstellen können.
Gerade wollte ich ähnliches schreiben. Sie kamen mir zuvor. Zutreffender als Sie hätte ich das auch nicht ausdrücken können.
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