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08. Februar 2019, 15:13 Uhr

Rassismus-Vorwurf

Aufregung um Gucci-Pullover

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Eine weitere europäische Marke muss sich mit Rassismusvorwürfen auseinandersetzen. Diesmal hat es Gucci getroffen. Schuld ist ein 800-Euro-Pullover, der manche an dunkle Zeiten erinnert.

Schwarze Rollkragenpullover sind so ziemlich das langweiligste Kleidungsstück, das man sich vorstellen kann. Wenn man jedoch wie das italienische Luxuslabel Gucci einen Schlitz für den Mund in den Kragen schneidet und rote Lippen drum herum strickt, wird ein Aufreger draus. So geschehen beim Modell "Balaclava-Jumper". Für zahlreiche Social-Media-Nutzer erfüllt der 785-Euro-Pulli nämlich den Tatbestand des "Blackfacing" (also wenn ein Weißer sich dunkel schminkt, um einen Schwarzen darzustellen). Sie werfen den Italienern Rassismus, mindestens aber Ignoranz vor.

Auch wenn die anklagenden Tweets bislang keine übermäßig große Zahl an Reaktionen hervorriefen, reagierte das Unternehmen umgehend und entfernte das Kleidungsstück von allen Webseiten und Ladentischen. "Gucci entschuldigt sich aufrichtig für die Beleidigung durch den Balaclava-Jumper", heißt es in einem Statement des Luxuslabels. Und weiter: "Wir erachten Diversität als einen grundlegenden Wert, der in jedem Fall hochgehalten und respektiert werden muss, und der bei jeder Entscheidung an erster Stelle steht."

Gucci und sein Rolli sind nur das jüngste Beispiel für europäische Modemarken, deren interkulturelles Frühwarnsystem versagt. Erst am Montag sah sich Adidas dazu gezwungen, einen Turnschuh vom US-Markt zu nehmen, den es zu Ehren des Black History Month herausgebracht hatte. Das Problem: er war komplett weiß.

Auch Prada hatte zuletzt Probleme in den USA. Im Dezember hatte das Luxuslabel seine Schaufenster in New York eilig von einer Figur befreien lassen, die viele an rassistische Karikaturen erinnerte.

Am schlimmsten traf es jedoch ein anderes italienisches Label: Dolce & Gabbana war schon im November in einen veritablen Shitstorm geraten, weil es mit drei Videos geworben hatte, in denen eine Chinesin versucht, mit Stäbchen italienische Spezialitäten zu essen. Als im Anschluss Screenshots kursierten, die zeigen sollen, wie einer der Firmengründer die Bewohner der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt als "stinkende Mafia" bezeichnet, war die PR-Katastrophe perfekt. China ist längst einer der wichtigsten Märkte für Luxusprodukte.

Dass nun Gucci ein solcher Lapsus unterlaufen sein soll, verwundert. Seit Alessandro Michele 2015 als Chefdesigner in Florenz übernommen hat, eilt die Marke von Rekord zu Rekord. Die Umsätze steigen rasant und seine Kreationen finden sich regelmäßig in den Bestenlisten diverser Mode- und Markenrankings. Auch die Kritiker sind größtenteils begeistert, was nicht nur an den zuweilen eigenwilligen Entwürfen lag, sondern auch daran, dass Michele als progressiv gilt.

Die Laufstege des Designers waren zwar nicht unbedingt die buntesten, was die Hautfarben betrifft, aber gängige Schönheitsideale werden hier auch nicht fortgeschrieben. Schon 2017 hatte Michele für eine Kampagne ausschließlich schwarze Models buchen lassen. Außerdem ließ er Echtpelz aus dem Sortiment streichen und Gucci an Organisationen spenden, die sich für strengere Waffengesetze in den USA einsetzen. Mal sehen, ob das schon genügt, um sich von den aktuellen Vorwürfen reinzuwaschen.

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