»Boxy und oversized« lautet das Motto für den Modeherbst
»Boxy und oversized« lautet das Motto für den Modeherbst
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Herbstmode Keine Lust mehr auf Jogginghosen

Feinste Wolle, bequeme Schnitte, erdige Farben: Modeeinkäufer wissen schon jetzt, was wir kommende Saison tragen sollen. Hier verraten zwei Profis, womit sie uns im Herbst zum Lustkonsum animieren wollen.
Von Philipp Löwe

Die Frage, was wir im Herbst anziehen werden, mag aktuell maximal zweit- oder gar drittrangig sein. Unbeantwortet bleiben darf sie nicht. Zumindest nicht, wenn man damit Geld verdient, zum Beispiel als Modeeinkäufer. Dessen Aufgabe ist es, uns aus dem Überangebot ein überzeugendes Sortiment zusammenzustellen; sie entscheiden, was kommende Saison in den Läden hängt.

Für die Düsseldorfer Modekette Peek & Cloppenburg sucht unter anderem Fabian Inderbiethen nach neuen Trends. Er leitet den Einkauf im Bereich »HaKa formell«. Das Kürzel stammt aus einer anderen Zeit, es stand früher mal für Herrenanzüge und Knabenanzüge, heute meint es Herren- und Knabenbekleidung insgesamt. Für die kommende Herbstsaison hat Inderbiethen vier große Themen ausgemacht: Nachhaltigkeit, Casualisierung, Funktionalität und weite Silhouetten. Es ist alles ein bisschen gemütlicher geworden. Das bedeutet aber nicht, dass wir demnächst herumlaufen sollen wie Slacker.

Der neue Kleidungsstil sieht ungezwungen aus – lässig, aber nicht nachlässig. Wenn die Kunden dem folgen, was der Experte empfiehlt, wird man formelle Kleidung wie Anzüge und Kostüme weniger sehen. »Aber es wird eine neue Interpretation geben, zeitgemäßer«, sagt Inderbiethen. Statt eines Sakkos wird also vielleicht ein Overshirt übergezogen. Wer besonders modisch wirken möchte, sucht sich laut Inderbiethen ein Modell mit überschnittenen Schultern – die Ärmelnaht ist also unterhalb der Schulter angesetzt. Dazu passen Bundfaltenhosen, die die Geräumigkeit einer Jogginghose mit der Eleganz einer Stoffhose verbinden.

Riesenthema: Kaschmir

»Wir haben gerade im modischen Bereich einen hohen Anteil an verkürzten Hosen, die im Beinverlauf schmal sind, aber oben ein bisschen weiter, auch mit zwei, drei Bundfalten«, so Inderbiethen. Als dezentere Alternative schlägt er Hosen mit Kordelzug vor. Die gibt es längst auch mit Aufschlägen und Bügelfalte.

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Lässig, nicht nachlässig: die neue Herbstmode

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Inderbiethen hat natürlich weiterhin auch Anzüge im Programm. Deren Form wird sich in der breiten Masse nicht groß verändern, sagt er; für die Mutigen hat er kastige und extrem weite Schnitte im Angebot. Gewandelt haben sich die Materialien und ihre Qualitäten: Die Stoffe sind pflegeleichter und knittern nicht so schnell. »Die Sachen sehen formell aus, haben aber durch den Komfort der Oberstoffe einen Wohlfühleffekt«, sagt Inderbiethen.

Kaschmir sei ein Riesenthema, denn »gemütliche Kleidung für daheim und Loungewear bleiben gefragt«, so der Experte. Genauso wie Mohair, das viel Volumen macht, aber wenig wiegt. Beides im Idealfall natürlich aus nachhaltiger Produktion. Die Formen sind hier auch eher »boxy und oversized«.

Farblich rät der Einkäufer zu winterlichen Pastellfarben oder Naturfarben: »Es gibt eine Vielzahl an Erdtönen, die miteinander getragen werden; außerdem noch Offwhite und diese ganzen gebrannten Farben wie etwa Berry oder Ochsenblut.« Kombiniert würden aber eher Farbfamilien. Es wird also farbig, aber nicht bunt.

Weniger Logos, weniger Sneaker, weniger Streetstyle

»Farblich ist der Winter einfacher«, sagt Simone Heift, Buying Director bei der KaDeWe Group, »die Farbtöne sind meist dunkelrot, dunkelgrün, dunkelblau – oder Erdtöne. In diesem Jahr ist aber auch viel Winterweiß und Creme dabei« Dieses Mal sei die Palette eher erdig, schlammig. »Wenn es Farbtupfer gibt, dann geht es ins Pastellige: Zartrosa oder ganz zartes Gelb wie Vanille.«

Mit ihrem Team von rund 75 Leuten ist Heift verantwortlich für »alles von Fashion, Food über Home und Living bis zu Kosmetik«, was im KaDeWe, Alsterhaus und Oberpollinger zu haben ist. Dazu gehört auch Luxusmode – und die fällt im Herbst wieder eleganter aus, sagt Heift: weniger Logos, weniger Sneaker, weniger Streetstyle. Dafür sehr weiche Stoffe, fließend geschnitten und oft dekonstruiert, sprich ohne versteifendes Futter.

»Es ist ein relativ cooler Look mit sehr vielseitig einsetzbaren Teilen«, sagt die Chefeinkäuferin. Und: »Bei den Damen ist das Zurückgenommene, diese gedeckten Farben und dieser elegantere Look ein bisschen stärker ausgeprägt.« Die Tendenz ziehe sich durch alle Kategorien, nicht nur die Topdesigner, sondern auch im mittleren Preissegment.

DER SPIEGEL

Was die Materialien angeht, sei Leder neben hochwertiger Schurwolle weiterhin ein großes Thema. Besonders gefragt sei veganes Leder. Einem Freund würde sie vielleicht ein Lederhemd empfehlen – »so ein bisschen auf Siebziger: Kamelhaarmantel drüber und einen Rolli drunter«.

Bei den Herren braucht es wahrscheinlich noch eine Saison länger, bis der sportliche Streetstyle komplett passé ist. Doch auch bei der klassischeren Garderobe werde künftig der Tragekomfort im Fokus stehen, so Heift. Was die zuletzt auf Modenschauen oft gezeigten Bundfaltenhosen angeht, ist sie allerdings skeptisch: »Das ist wie mit dem Zweireiher, den kaufe ich vor allem für die Schaufensterpuppe.« Wobei das Thema Konfektion sich in ihren Augen schon vor der Pandemie ein Stück weit erledigt hatte.

Trotzdem: »Niemand möchte mehr im Jogger herumlaufen.« Heift hofft daher wie die gesamte Branche auf Nachholeffekte. Doch was nutzt ein Federfetzen von Alexander McQueen, für den man keinen Anlass hat. »Also investiert man vielleicht in einen 3000-Euro-Mantel von The Row. Ich glaube, es wird ein bewussteres Nachholen sein, aber man will sich definitiv etwas Gutes tun«, glaubt Heift. Ein Mantel – oversized – steht übrigens auch auf ihrem privaten Einkaufszettel, erzählt die Expertin.