Paul Divjak
Paul Divjak
Foto: © Rainer Hosch

Kulturgeschichte des Herrendufts "Es gibt heute weniger Mut zum Animalischen"

Wie riecht ein Mann? Ist weniger wirklich mehr? Und wie duftet eigentlich die Krise? Der Wiener Philosoph und Duftkünstler Paul Divjak über parfümierte Männer.
Ein Interview von Tobias Becker

SPIEGEL: Herr Divjak, wann riecht ein Mann nach Mann?

Divjak: In den Siebzigern schien das noch klar. Der parfümierte Mann, das war in der Werbung damals oft ein Abenteurer: ein Mann ganz allein in der Wüste, im Wald, auf einem Berg. Und so rochen viele Düfte dann auch: ledrig, holzig, würzig. 

SPIEGEL: Welche Parfüms sind typisch?

Divjak: Azzaro Pour Homme, auch Paco Rabanne Pour Homme. In meinem Buch erinnere ich an Ted Lapidus Pour Homme, einen Duft, der heute nicht mehr produziert wird. Er verdeutlicht, was einst unter herber Maskulinität verstanden wurde: echtes Eichenmoos, Moschus, Bibergeil. Ein Duft aus Tagen, in denen der Marlboro-Cowboy noch rauchend durch die Prärie ritt.

SPIEGEL: Was änderten die Achtziger?

Divjak: Das Abenteuer war nicht mehr mit Wäldern und Wüsten verbunden, sondern mit dem Meer. Männer rochen nach Cool Water von Davidoff oder Eternity von Calvin Klein. Sie rochen nicht mehr erdig-schmutzig, sondern frisch und rein. Und sie strahlten eine große Kühle aus. Die Neunziger brachten die Fortsetzung dieser Sauberkeitsattacke: CK One, Tommy von Tommy Hilfiger, Aqua di Giò von Armani. Letzteres ist Konsensfrische in perfekter Poliertheit. 

SPIEGEL: Spiegelt sich im Wandel der Herrendüfte ein Wandel der Geschlechterrollen?

Divjak: Mehr als das. Es gibt heute weniger Mut zum Animalischen, zu Schmutz und Schweiß. Eine Entwicklung, die von den USA ausgegangen ist. Man kann das puritanisch nennen. In den Siebzigern vermittelten Parfüms noch erotische Verruchtheit. Es gab sogar Düfte, die im Auftakt leichte Urinnoten hatten. Heute wäre das auf dem Massenmarkt undenkbar. Alles, was irgendwie an Körpersäfte denken lässt, ist tabu. Alles, was irgendwie ordinär wirken könnte. 

"In den Siebzigern vermittelten Parfums noch erotische Verruchtheit. Es gab sogar Düfte, die im Auftakt leichte Urinnoten hatten"

SPIEGEL: Die Parfüms der Siebziger betonen den Mann als sexuelles Wesen, die Parfüms der Gegenwart nivellieren seine Körperlichkeit?

Divjak: Der Mann soll immer frisch geduscht wirken, das Parfüm als Maske. Wir leben in einer Kultur des Maskierens. Der Letzte, der sich auf dem Massenmarkt etwas anderes getraut hat, war der Österreicher Helmut Lang mit seinem ersten Eau de Toilette im Jahr 2000. 

SPIEGEL: Das ist ein sogenannter Unisex-Duft.

Divjak: Parfüm hat generell kein Geschlecht, jeder und jede kann jeden Duft tragen. Was als maskulin verkauft wird, ist immer nur eine Behauptung des Marketings. 

SPIEGEL: Sind die animalischen Düfte heute ganz verschwunden?

Divjak: Es gibt Ausreißer. Ein großartiges Beispiel: L'animal sauvage der Pariser Firma Marlou, neuerdings als Carnicure geführt. Das ist zart-süß und animalisch-geil. Tropfen für Tropfen pure Lüsternheit, mit Schweiß-, Urin- und Darkroom-Assoziationen. Ein Parfüm, das polarisiert. 

SPIEGEL: Das wird nicht bei Douglas im Schaufenster stehen.

Divjak: Sicher nicht, solche Düfte sind in einen Nischenmarkt verbannt. Parfüm ist eigentlich ein Kulturgut, aber den Markt bestimmt heute Konsensware. Selbst manche Re-Editionen großer Klassiker aus den Siebzigern riechen stumpf. Das liegt daran, dass auch sie sanft an den Massengeschmack angepasst werden. Vor allem aber liegt es an der Europäischen Kosmetikverordnung, die einige klassische Inhaltsstoffe verbietet: tierische Zutaten wie Zibet und Bibergeil, aber auch Eichenmoos, weil es Allergien auslösen kann. 

SPIEGEL: Was macht die Poesie eines Parfüms aus?

Divjak: Seine Flüchtigkeit ist wichtig. In den Siebzigern hat man sich darauf noch eingelassen: auf Düfte, die Entwicklungen in unterschiedliche Richtungen durchliefen - nicht auf jeder Haut in dieselbe. Auf Düfte, die einen Nachhall hatten, der manchmal sogar am nächsten Tag noch neue Erfahrungen ermöglichte. Oder auf Düfte, die schnell verflogen. Spätestens seit den Neunzigern hat sich das erledigt, seit den Neunzigern müssen Düfte möglichst lange auf der Haut haften, ohne große Überraschungen. 

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?

Divjak: Die Gesellschaft tut sich schwer mit Vergänglichkeit, und so wird der Vergänglichkeit eben entgegengesprayt. Die großen Hersteller setzen auf klare Duftmarker mit großer Strahlkraft und stundenlanger Haltbarkeit. Sie suggerieren permanente Gegenwart. 

SPIEGEL: Düfte erzählen von den Begierden, Sehnsüchten und Hoffnungen derer, die sie tragen. In Düften steckt der Geist der Zeit. Welcher Duft wird der Duft der Coronakrise?

Divjak: Das Social Distancing macht es unseren Nasen nicht einfach. Ich hoffe daher sehr, dass die Pandemie nicht am Ende zu noch mehr Parfüms führt, die plump und platt auf Vehemenz setzen. 

SPIEGEL: Bislang riecht die Krise eher nach Seife, nach Putz-, Wasch- und Reinigungsmitteln, nach Hygienespray. Der Parfümabsatz hingegen ist eingebrochen.

Divjak: Im Homeoffice braucht wohl niemand Parfüm. Und ja: Draußen merke auch ich, dass ich Düfte eher behutsamer dosiere als vor der Pandemie, trotz des Abstandsgebots und der Maskenpflicht. Es stürzen zurzeit so viele Informationen auf uns ein, dass es nicht noch zusätzliches Geflirre braucht. 

SPIEGEL: Gibt es aktuell vielleicht sogar eine Skepsis gegenüber Düften im öffentlichen Raum? Düfte schweben durch die Luft, das Virus auch.

Divjak: Das Trägermedium jedes Parfüms ist die Luft, und die Luft droht uns im Moment knapp zu werden. Mein Tipp: sich zurücknehmen, weniger ist mehr. Der Grat zwischen Anmutung und Zumutung ist noch schmaler als sonst. 

SPIEGEL: Welchen Duft tragen Sie zurzeit am liebsten?

Divjak: Cacharel pour L'Homme in der Vintage-Version. Das Parfüm nimmt eine ganz feine, elegante, Haken schlagende Entwicklung auf der Haut. Ich muss immer wieder selbst an meinem Handgelenk schnuppern, so überraschend ist das. Der unsinnlichen Zeit setzt es ein wenig Sinnlichkeit entgegen, eine kleine olfaktorische Auszeit.

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