Dekotipps vom Hollywood-Profi "Schon geht das Kopfkino an"

Wenn in Los Angeles Millionenvillen den Besitzer wechseln, werden sie oft ausgestattet wie Filmkulissen. Staging nennt man das, und Meridith Baer ist die Königin der Zunft. Hier verrät sie ihre Tricks.

Rebecca Duke/ Courtesy of Meridith Baer Home

Ein Interview von Christine Kruttschnitt und Brigitte Steinmetz


Zur Person
  • Courtesy of Meridith Baer Home
    Meridith Baer, Jahrgang 1947, erlebte eine Kindheit im Gefängnis. Ihr Vater arbeitete als Gefängnisdirektor in San Quentin. Eine ausgesprochen graue und langweilige Umgebung, die aber die Fantasie herausfordert. "Ich habe schon als Kind in unserem Wohnzimmer Möbel gerückt und Blumen dekoriert", sagt Baer. Vor ihre Karriere als Homestagerin arbeitete sie als Drehbuchautorin in Hollywood.

SPIEGEL ONLINE: Frau Baer, zu Ihren Kunden gehören Julia Roberts und Beyoncé Knowles. Der US-Fernsehsender CBS bezeichnet Sie als "die erfolgreichste Matchmakerin Amerikas", die "Los Angeles Times" als "gute Fee der Home-Stager". Was machen Sie eigentlich?

Baer: Ich richte Wohnungen so her, dass die Käufer am liebsten sofort einziehen würden. Das Haus ist meine Bühne.

SPIEGEL ONLINE: Sie stellen Sofas in kahle Räume und Bücher ins Regal - damit es bewohnt aussieht?

Baer: Nicht ganz. Im Unterschied zu einer Innendekorateurin betreibe ich Psychologie. Meine Aufgabe ist es, ein Heim zu verkaufen, nicht bloß ein Haus. Klar sollen meine Kreationen luxuriös wirken, aber nur ein bisschen - nicht unerreichbar. Die Leute sollen denken: So zu wohnen kann ich mir noch nicht leisten, aber es wäre mein Traum.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihre Dienste zahlen die Verkäufer mindestens 10.000 Dollar - und dann dürfen sie noch nicht mal die Möbel behalten.

Baer: Es ist aber eine gute Investition: Häuser, die von Stagern ausstaffiert sind, verkaufen sich schneller und meist deutlich über Preis. Wenn Sie wollen, können Sie meine Dekoration natürlich auch kaufen. Einmal habe ich ein Haus von Scarlett Johansson zum Verkauf möbliert. Da fand sie es auf einmal so schön, dass sie es wieder vom Markt nahm und selbst drin wohnen blieb.

SPIEGEL ONLINE: Haben Hollywoodstars kein Vorstellungsvermögen?

Baer: Viele sind nicht sehr stilsicher. Woher auch? Sie kommen oft aus einfachen Verhältnissen, haben die Schule abgebrochen und werden - wenn sie Glück haben - in jungen Jahren steinreich. Aber Geschmack lässt sich bekanntlich nicht kaufen. Dafür gibt es Experten wie mich.

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Wohnträume von Meridith Baer: luxuriös, aber nur ein bisschen

SPIEGEL ONLINE: Wir haben ein Haus von Taylor Swift besichtigt, das Sie zurechtgemacht haben. Wir hätten ein paar Grammys im Regal erwartet, fanden aber nichts Persönliches außer einem aufgeschlagenen Kochbuch und ein paar Pesto-Gläschen.

Baer: Ach, diesen Midcentury-Bungalow in den Hollywood-Hills? Ich erinnere mich. Den hat sie nur als Gästehaus genutzt. Für meine Zwecke ist es natürlich besser, wenn die prominenten Eigentümer ein paar Spuren hinterlassen. Wie dieser Hollywoodstar neulich. Er wollte seine Oscars wegräumen, bevor ich mich ans Werk machte. "Bloß nicht!", rief ich. "Im Gegenteil, holen Sie die anderen Preise auch noch raus!" So eine Deko kann man nicht kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Kommt es auch vor, dass man den Immobilien zu deutlich den Vorbesitzer anmerkt?

Baer: Oh ja. Manchmal muss ich erstmal alles ausmisten. Ich denke da an einen exzentrischen Filmstar, der sein Loft in Downtown Los Angeles vollgestellt hatte mit sperrigen Kunstobjekten. Da konnte ich nur ein paar Gemälde verwenden.

SPIEGEL ONLINE: Ach. Wer ist das denn?

Baer: Darf ich nicht verraten. In meinem Beruf hat man es mit empfindlichen Egos zu tun. Wenn jemand sein Anwesen samt Mobiliar verkaufen will und ich glaube, dass das Interieur eher abschreckend wirkt, sage ich ganz diplomatisch: Ihr Geschmack ist zu Avantgarde für Normalsterbliche.

SPIEGEL ONLINE: Ihrer hingegen ist unfehlbar?

Baer: So weit, so gut. Allein im vergangenen Jahr habe ich mit meinem Team mehr als 2000 Objekte gestaged. Ich kann ganz schön rabiat werden. Ein Wunder, dass mich noch keiner ermordet hat! Ich erinnere mich an diesen Psychoanalytiker und seine Frau, die hatten wirklich keinen guten Geschmack. Ihr Haus war vollgestopft bis unters Dach, und ich musste das Ganze optisch entrümpeln. Also habe ich erstmal all seine Bücher nach Farben geordnet. Da ist er ausgerastet. Für ihn war das Blasphemie.

SPIEGEL ONLINE: Immobilienmakler in Los Angeles sagen, die Kaufentscheidung fällt in den ersten zwölf Sekunden, sobald man durch die Tür ist. Womit kriegen Sie Interessenten sofort rum?

Baer: Es kommt auf die Umgebung an. In Bel Air stelle ich einen Flügel ins Foyer. In Malibu arrangiere ich Surfbretter um den Swimming Pool. Und was immer gut ankommt, ist eine Prise Humor. Ein Paar hastig abgestreifte High-Heels auf dem Schlafzimmerteppich, eine Tüte von Tiffanys auf dem Nachtisch und ein Negligée auf dem zerwühlten Bett: Schon geht das Kopfkino an.

"Was immer gut ankommt, ist eine Prise Humor."

SPIEGEL ONLINE: Wie wird man eigentlich Homestagerin?

Baer: Als ich einmal meine Wohnung räumen musste, weil das Haus verkauft wurde, bot mir ein gutsituierter Freund an, mitsamt meinen Möbeln in eine Villa zu ziehen, die er verkaufen wollte. Unter der Bedingung, dass sie immer in einem besichtigungsfeinen Zustand zu sein hatte. Kaum hatte ich mich mit meinen 250 Blumentöpfen und weißen Sofas breit gemacht, rannten ihm die Interessenten die Bude ein.

SPIEGEL ONLINE: Und so ging's los mit Ihrer Staging-Karriere?

Baer: Kann man so sagen. Danach lud mich der Makler meines Freundes ein, in sein nächstes Objekt umzusiedeln mitsamt meinem offenbar verkaufsfördernden Hausrat. Wenige Wochen später bot ein Manager von Warner Bros. dafür eine halbe Million mehr als der Makler verlangt hatte! Und so ging es weiter: Jedes Haus, in dem ich mich einrichtete, verkaufte sich innerhalb kürzester Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Wovon haben Sie denn gelebt?

Baer: Ganz einfach: Fürs Staging verlangte ich ab da 25.000 Dollar, und wenn ich selbst mit meinen Möbeln einzog, 20.000. Im Prinzip war ich ja obdachlos. Den Großteil meiner Klamotten fuhr ich in meinem Auto spazieren. Es durfte ja nicht zu bewohnt aussehen.

"Meine Aufgabe ist es, ein Heim zu verkaufen, nicht bloß ein Haus", sagt Meridith Baer.
Courtesy of Meridith Baer Home

"Meine Aufgabe ist es, ein Heim zu verkaufen, nicht bloß ein Haus", sagt Meridith Baer.

SPIEGEL ONLINE: Wir sitzen hier in Ihrem ersten Eigenheim, einer bildschönen Villa, die auch ihrer Kundin Beyoncé gefallen könnte: weiße Sofas, cremefarbene Wolldecken, gigantische Bildbände, afrikanisches Kunsthandwerk. Werden diese Sachen auch irgendwann verliehen?

Baer: Allenfalls ihre Kopien. Mein Fundus füllt heute zwei 25.000 Quadratmeter große Lagerhallen in Los Angeles und Nordkalifornien. Die nächste ist schon an der Ostküste geplant. Außerdem habe ich Büros in San Francisco, Miami, New York und auf den Hamptons, da sind pausenlos die Möbelpacker unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Behalten Sie da noch den Überblick?

Baer: Ach, ich persönlich stehe nur noch ausgesuchten Kunden bei. Einem Hiphop-Mogul, der sich alle sechs Monate neue weiße Möbel bei mir leiht. Der Nachkommin eines ikonischen Politiker-Clans, die ein kleines Hoarding-Problem pflegt. Den Rest übernimmt mein Team. Ich beschäftige 250 Leute: Tischler, Polsterer, drei Dutzend Designer. Deren Vorschläge nicke ich nur noch ab. Ich bin jetzt 71 - höchste Zeit, etwas zurückzugeben. Mein neues Projekt sind Container für Obdachlose in Downtown Los Angeles - die werden richtig hip!



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Fragende_Leere 26.05.2019
1. Echt jetzt?
Sieht für mich aus wie IKEA 2.0 für Budget+. Es fehlt jedoch für mich persönliches, was jedoch auch gar nicht Ziel ist. Vermutlich hat die Dame damit viel Erfolg.
weltraumschrott 26.05.2019
2. Geht mir genauso wie #1
Bis auf den Orientteppich sieht alles aus wie aus dem IKEA-Katalog. Was nur wieder beweist, dass die Skandinavier einen guten Geschmack haben.
snusket 26.05.2019
3. Mit sexuellem Humor?
Mir ist schon klar, wie es gemeint ist und ich sehe auch kein Problem darin. Bin aber neugierig, ob das in den USA zu Zeiten von metoo wirklich Stilsicher ist?
Papazaca 26.05.2019
4. Möblierung als Verkaufshilfe für den Verkauf von Häusern
Es geht also ausdrücklich nicht um individuellen Geschmack sondern um Möbel und ein Ambiente, das dem Großteil der imaginären Hauskäufer entspricht. Dabei muß man berücksichtigen, das viele Käufer amerikanische Geschmacksvorstellungen haben. Die klassische Moderne der Inneneinrichtung ist sicher eher nicht so deren Ding sondern das vordergründige Präsentieren. Und ob ein Hip Hop-Mogul, dessen Möbel erstmal weiss sein müssen, ein Beispiel für guten Geschmack ist, lassen wir mal dahin gestellt. Mir war gar nicht klar, das es diese Geschäftsidee gab und gibt. Wenn es das noch nicht in Deutschland gibt wäre es eine gute Idee, den Verkauf teurer Häusern hier zu fördern. Das sich ein mittelprächtiges möbliertes Haus besser verkauft als ein leeres Haus leuchtet mir ein. Und das Geld für die temporäre Möblierung kommt sicher über einen guten Verkaufspreis allemal rein. Gute Geschäftsidee, Chapeau!
dasfred 26.05.2019
5. Zu Nr.4 Papazaca
Lange nichts von dir gelesen:). Also so neu ist das Homestagen nicht. In den USA gibt es das schon lange. Die Spartenkanäle haben Serien, in denen Makler oder Handwerker billig Gebrauchtimmobilien kaufen, diese komplett sanieren und kurz vor dem Weiterverkauf fahren dann Möbelwagen vor, die die Häuser zum Besichtigungstermin komplett ausstatten. Es gibt mittlerweile auch bei uns die ersten Homestager, die Häuser vor dem Verkauf noch schnell oberflächlich Streichen und zeitgemäß mit Mietmöbeln einrichten, damit der Käufer sich eine bessere Vorstellung über den Raum machen kann. Leere Zimmer oder die siebziger Jahre Möbel und Tapeten der Vorbesitzer schrecken ja eher ab.
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