111 Jahre Waldhaus Sils Das Hotel, das Hollywood Modell stand

Das Waldhaus in Sils ist eines der traditionsreichsten Hotels der Schweiz. Viele Promis sind Stammgast, manche bleiben Monate, einige sogar bis zu ihrem Tod. Ein Jubiläumsband zeigt die Geschichte des Hauses.

Stefan Pielow/ Scheidegger & Spiess

"Wenn sie wirklich wissen wollen, wie es so zu und her geht in einem Waldhaus, fragen sie nicht den Hotelier, der weiß eh nicht viel." Diese Zeilen zeugen von einer gewissen Bescheidenheit; denn wenn man mit Urs Kienberger, dem Urenkel des Hotelgründers Josef Giger spricht, wenn er von seinem Aufwachsen im Hotel erzählt und die Geschichten seiner Vorfahren weitergibt, dann füllt sich das Bild eines Hotels, das man ja nur diffus vor seinen Augen hat, gefüttert von Büchern und Filmen, doch recht rasch mit Leben.

Gleichzeitig ist der Satz ein sehr wahrer, und warum das so ist, zeigt dieses Buch gut auf: Auf mehr als 300 Seiten berichten nicht nur die Angehörigen der Hoteliersfamilie aus ihrer Vergangenheit; es erzählt eine Vielzahl Personen, die mit dem Haus auf die verschiedensten Arten verknüpft sind. Menschen, die es zu dem machen, als was es heute noch gilt: eine der legendärsten Herbergen der Schweiz.

Das Waldhaus war eines der Vorbilder für Wes Andersons "Grand Budapest Hotel". Schon auf dem Cover des nun zum 111. Geburtstags erschienenen Buchs wird klar, warum: Da sitzt das Hotel erhaben über dem Tal, quasi ein Stockwerk über der restlichen Welt. An eine Burg erinnert es, aber auch an ein Gotteshaus. Wald, See, die Kühe auf den nahen Weiden, ach, sogar die Nebelwolken des Engadins scheinen respektvoll Abstand zu halten.

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Waldhaus Sils: Legende in den Schweizer Bergen

1905 können die Bewohner der Gemeinde Sils ein Spektakel bewundern. Auf einer Anhöhe über dem Dorf stehen ein paar Herren auf einem Holzgerüst. Sie "kletterten hinauf und wieder hinunter, rollten Pläne aus und diskutierten angestrengt miteinander", heißt es in dem Buch. In der Mitte Josef Giger, der hier ein Hotel bauen möchte mit bestem Blick auf den Silsersee und die Berge rund um den 3159 Meter hohen Piz da la Margna. Der Name "Waldhaus" ist bereits gesetzt. Mit Karl Koller findet er einen erfahrenen Architekten, eine Vielzahl Schweizer Herbergen stammt von ihm.

So wird in den nächsten zweieinhalb Jahren ein Haus errichtet, das Maßstäbe setzt: elektrisches Licht in allen Räumen, die Lampen in den Korridoren und im Speisesaal sind heute noch die ursprünglichen. Eine mit Kohle zu befeuernde Zentralheizung. Personenaufzüge. 40 Zimmer besitzen private Bäder, einige sogar Telefon.

Gleichzeitig ist es von Anfang an ein finanzielles Wagnis. "Meine Vorfahren hatten große Ambitionen. Größere, als sie sich eigentlich leisten konnten", sagt Kienberger. Er ist der Herausgeber und über weite Strecken Autor des Buches, vor allem aber ein Spross der Hotelfamilie: Er wuchs im Waldhaus der Fünfziger- und Sechzigerjahre auf, erlebte die Krisenjahre nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch die Entwicklung des Hauses in den folgenden Dekaden.

Die Urgroßmutter berichtet vom Ersten Weltkrieg

Wie ist das, ein Buch über die eigene Familie zu schreiben, das eigene Zuhause? Und: Lernt man dabei Neues? Kienberger zögert kurz, wenn man ihm diese Fragen stellt. "Die Arbeit war eher, das alles zu strukturieren. Wir hatten schon sehr viele Details im Kopf. Die Frage war, wie die zusammenhängen." Konkret beeindruckte ihn vor allem eine Niederschrift, die während der Recherchen auftauchte: "Eine schöne Entdeckung war der Bericht meiner Urgroßmutter über den Ersten Weltkrieg. Das Büchlein hatten wir schon lange - aber diese alte Handschrift, die konnte niemand mehr lesen."

All das wird in dem Buch nun also zusammengeführt. Bilder und Dokumente aus mehr als 100 Jahren treffen auf einen Abriss der Hotelgeschichte. Erzählt wird von großen Momenten, aber auch von großen Katastrophen, von Kriegen und Wirtschaftskrisen, Bränden und der Sprengung für einen neuen Gebäudetrakt, bei der man sich mit der Dosis des Sprengmittels so vertat, dass Felsenkeile bis auf den Dorfplatz flogen.

Preisabfragezeitpunkt:
30.08.2019, 16:01 Uhr
Ohne Gewähr

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Urs Kienberger
111 Jahre Hotel Waldhaus Sils: Geschichte und Geschichten zu einem unvernünftigen Familientraum

Verlag:
Scheidegger & Spiess
Seiten:
344
Preis:
EUR 48,00

Amüsant wird es, wenn aus der Kindheit der Hoteliers berichtet wird. Allzu trocken wird es nie, dafür sorgen die Kapitel derer, die dem Hotel auf vielfältige Weise verbunden waren. So erfährt man von Anna Joos, der ersten Kaffeeköchin des Hotels. Walter Nana, der seit mehr als 30 Jahren im Hotel arbeitet, heute als Maître d'hôtel, erzählt launig, auf was man bei der Betreuung der Gäste früher achten musste und worauf heute: Laktoseintoleranz, Glutenunverträglichkeit und Veganismus haben auch beim Waldhaus-Publikum Einzug gehalten.

Unter den Gästen: Rod Stewart, Luchino Visconti, Theodor Adorno

Viele Gäste kommen über Jahrzehnte immer wieder, manche bleiben monatelang, einige sogar, bis es mit ihnen zu Ende gegangen ist, nachzulesen im wunderbaren Kapitel "Der letzte Wille des Pierre Petrov".

Ein Auszug aus den Gästebüchern nennt klangvolle Namen verschiedenster Bereiche. Richard Strauss trifft auf Dr. Werner Oetker. Der Baron Louis Rothschild nächtigte ebenso hier wie Thomas Mann. Theodor W. Adorno kehrte immer wieder ein, Thomas Bernhard ebenfalls, Luchino Visconti, aber auch Rod Stewart. Die Schweizer-Ski-Nationalmannschaft verbrachte einige Nächte in dem Hotel, Yehudi Menuhin ebenfalls.

Bohrt man bei Kienberger nach Erlebnissen mit der Prominenz, umtänzelt er die Frage elegant: "Berühmt ist der, den man kennt", sagt er. Subtext: Die anderen, von denen man nicht weiß, was sie machen, seien doch vermutlich genauso interessant. Ein geborener Gastgeber.



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