Humboldt-Gin Schnaps brennen im Namen der Wissenschaft

Eigentlich wollten die Spreewood Distillers nur Whisky aus Brandenburger Roggen machen. Nun destillieren sie Gin aus Pflanzen, die Humboldt in Südamerika entdeckt hat. Schmeckt nicht so verkopft wie es klingt.

Christoph Seidler/ SPIEGEL ONLINE

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Ob Alexander von Humboldt gerne Gin getrunken hat, ist nicht überliefert, doch probiert hat der immer neugierige Naturforscher den Wachholderschnaps sicher einmal. Ausreichend dokumentiert sind hingegen die Mitbringsel des Forschungsreisenden von dessen Expedition nach Süd- und Mittelamerika von 1799 bis 1804. Neben detaillierten Aufzeichnungen brachte der Naturwissenschaftler auch etliche bis dato unbekannte Pflanzen mit in die Heimat. Einige davon bilden nun die Grundlage für einen neuen Gin. Der "Humboldt Rye Dry Gin" ist eine Koproduktion des Botanischen Gartens Berlin und einer Schnapsbrennerei aus dem Berliner Umland.

Die Idee, einen Schnaps nach Humboldt zu benennen, stammt von David Blankenstein. Er bereitet gerade für das Deutsche Historische Museum in Berlin eine große Sonderausstellung zu den Humboldt-Brüdern Wilhelm und Alexander vor, die Ende November eröffnet wird. Im Zuge seiner Arbeit habe er sich gefragt, wie man den Naturforscher Humboldt zum 250. Humboldtjubiläum in diesem Jahr "jenseits der hochkulturellen, akademischen Ebene verhandeln kann", sagt Blankenstein: "Warum nicht auch Humboldt in den Bars, Humboldt an der Theke?"

So wie Blankenstein sich auskennt mit Humboldt, so kennt Steffen Lohr sich aus mit Schnaps. Zusammen mit zwei Geschäftspartnern übernahm Lohr vor drei Jahren die im Jahr 2003 gegründete Spreewald-Destillerie in Schlepzig, rund 60 Kilometer südlich von Berlin. Davor hatte er als Bartender unter anderem in Irland und Australien sowie als Markenbotschafter für Bacardi gearbeitet. Sein Kollege Sebastian Brack ist Miterfinder der Bitterlimonadenmarke "Thomas Henry" und des deutschen Wermuts "Belsazar Vermouth". Bastian Heuser - der Dritte im Bunde der Spreewood Distillers - ist ebenfalls ehemaliger Barmann und außerdem Mitgründer der Messe "Bar Convent Berlin".

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Humboldt-Gin: Botanicals aus der Neuen Welt

Bisher haben sich die Spreewood Distillers allerdings nicht mit Gin befasst. Als erste Roggen-Whisky-Destillerie Deutschlands sind sie auf Rye Whisky spezialisiert, also Whisky amerikanischen Typs: trockener und weniger süß als Bourbon. Für ihren "Stork Club Whisky" gab es bei den World Whiskies Awards 2019 die Auszeichnung für den besten Rye Whisky des Planeten. Zunächst sei er von Blankenstein Gin-Idee auch "nicht so begeistert gewesen", sagt Lohr. "Wir sind halt Profis für die Whisky-Herstellung."

Schließlich habe man aber doch zugestimmt, die Sache einmal auszuprobieren. Gin, so das Kalkül der drei Partner, ließe sich viel schneller auf den Markt bringen als der Whisky, weil er nicht reifen müsse. Die Herstellung von Whisky dauere dagegen Jahre. "Ich will verkaufen, nicht in Schönheit sterben", sagt Lohr.

Blankenstein hatte vorgeschlagen, für den Humboldt-Gin auf Pflanzen zu setzen, die der Naturforscher bei seiner berühmten Amerika-Expedition zwischen 1799 und 1804 gesammelt hatte. "Humboldt hat diese Arten für die Wissenschaft entdeckt", erklärt Robert Vogt, Kustos des Herbariums am Botanischen Garten und Botanischen Museums Berlin.

Nachlass im Keller durchforstet

Unter ihnen ist zum Beispiel die extrem bitter schmeckende Angosturarinde. Diese stammt von einem kleinen zitrusartigen Baum und sei den indigenen Völkern der Region auch zuvor bereits bekannt gewesen, so Vogt. Aber Humboldt und sein Expeditionsbegleiter Aimé Bonpland hätten die Pflanze erstmals wissenschaftlich katalogisiert und beschrieben - und sie anschließend vom Orinoko nach Europa geschickt, an Humboldts Lehrer und Freund Carl Ludwig Wildenow in Berlin.

Dessen Nachlass lagert heute in einem bunkerartigen Keller des Botanischen Museums in Dahlem. Insgesamt verwahrt der Botanische Garten hier bei konstant 18 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit vier Millionen einzelne Pflanzenproben auf, rund 3000 von ihnen hat Humboldt gesammelt. (Lesen Sie hier eine Reportage aus der Anlage.)

Mit ein paar davon experimentierten die Schnapsbrenner von Schlepzig. "Da waren Sachen dabei, die bitter und dumpf waren, das hat überhaupt nicht funktioniert", sagt Lohr. Doch nach einigem Herumprobieren stand die Zutatenliste. Unter den rund 20 Botanicals, die für den Humboldt-Gin genutzt werden, sind nun sieben, die der legendäre Naturforscher gesammelt hat: Piment, Epazote, Chinarinde, Blauer Salbei, Congona, Angosturarinde und Guaraná-Samen.

Natürlich wandern nicht die Pflanzenproben aus dem Botanischen Museum in den Gin. Lohr und seine Kollegen kaufen die Zutaten ein. Ihre Angosturarinde, zum Beispiel, kommt aus Mexiko. Mit einem Preis von etwa 90 Euro für 100 Gramm ist sie zugleich die teuerste Ingredienz. Neben der Rinde werden auch Guaraná-Samen aus Brasilien verwendet, Humboldt hatte sie am Orinoko entdeckt, dazu Chinarinde aus Ecuador, die der Forscher in den Anden gefunden hatte, Zimtpfeffer, Blauer Salbei und anderes mehr.

Wie schmeckt der Humboldt-Gin?

"Die Destillation hat gleich beim ersten Mal geklappt", sagt Steffen Lohr. Seit einigen Wochen wird der Gin nun verkauft, für moderate 23 Euro pro Flasche. Wie schmeckt er aber? "Nicht spitz", sagt Lohr. "Floral, spritzig, frisch." Das liege auch daran, dass man wenig "klassische" Botanicals wie den Iriswurz dabeihabe. Tatsächlich kommt der Humboldt-Gin wenig aufdringlich daher und doch mit einem charakteristischen Geschmack. Gut trinkbar, könnte man sagen, pur, als Gin Tonic, Negroni oder Collins.

"Ich weiß nicht, ob Humboldt Schnaps getrunken hat", sinniert Ausstellungsmacher Blankenstein. "Er war aber kein Kind von Traurigkeit." Zwar sei der Forscher sehr produktiv gewesen, das habe aber vor allem mit einem guten Zeitmanagement und einem überschaubaren Schlafbedarf zu tun gehabt. Denn nach getaner Arbeit habe der Gelehrte ernsthaft dem Wein zugesprochen. Die Sache mit der Nutzung des Namens könnte also wohl in Ordnung gehen, so die Botschaft.

Da ist auch noch etwas, was Humboldt wahrscheinlich sogar gefallen hätte: Der Botanische Garten Berlin bekommt pro verkaufter Gin-Flasche einen Umsatzanteil für die Unterstützung seiner Forschungsarbeit. Wie hoch dieser Anteil liegt, mag allerdings keiner der am Projekt beteiligten verraten.



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