Ausstellungen über altes Produktdesign Können Sie hiermit noch was anfangen?

Wenn Designer heute Produkte entwerfen, gilt: Sie sollen intuitiv funktionieren. Zwei Ausstellungen zeigen vergessene Utensilien, robust und rätselhaft - wozu sie einmal gut waren, wissen oft nicht mal die Kuratoren.

Ein Metallstift, zwei zackige Dinger rechts und links: Wie man es dreht und wendet, es macht keinen Sinn. Zumindest für alle, die jünger als 45 sind. Und Nicht-Berliner noch dazu. Der Schlüssel zum Unbekannten ist also ausgerechnet - ein Schlüssel.

Zumindest im Berliner "Museum der Dinge": 70 solcher Objekte, deren Zweck auf den ersten, meist auch beim dritten Blick rätselhaft ist, sind derzeit ausgestellt. Die Kluft zwischen Gestern und Heute, sie wirkt selten so offensichtlich wie im "Kabinett des Unbekannten": Mit Intuition - die gängigste Anforderung an Design des 21. Jahrhunderts - kommt man hier nicht weit.

Direkt neben jenem "Berliner Schlüssel" genannten Ding , der dank moderner Schließsysteme obsolet wurde, in den Schaukästen: ein Objekt mit Gewinde, ein anderes hat Rinnen für Flüssigkeit, beim dritten erkennt man irgendwas mit Hebelwirkung, eines hat Federsysteme, Scharniere, Haken. Wozu? Das bleibt auch für die Museumleute meist ein Mysterium.

Zwar geht es der Berliner Schau in erster Linie darum zu zeigen, dass Museen und ihre Macher nicht allwissend sind, doch der Ansatz ist symptomatisch für die Weggabelung, an der sich das Produktdesign derzeit befindet: Eine alte Objektwelt verschwindet - und damit Design, das noch von der Werkbank aus gedacht und entworfen wurde.

Doch in der Designwelt macht sich eine Rückbesinnung bemerkbar: "Es entwickelt sich derzeit eine Gegenströmung", konstatiert der Designtheoretiker Michael Erlhoff: hin zu Entwürfen, die nicht nur rein auf intuitive Funktionalität ausgerichtet sind, sondern aufs Experimentelle.

Irritationen im durchdesignten Alltagsrauschen

Nichts weniger als einen "Epochenbruch" sieht auch Ellen Fricke, Semiotikerin an der Universität Chemnitz. Sie erforscht, welche Handgriffe in Alltag wie Industrie verloren gehen  und welche in Zeiten von Robotik und Industrie 4.0 neu erfunden werden müssen - und präsentiert all das in einer eigenen Ausstellung "Gesten - gestern, heute, übermorgen" im Sächsischen Industriemuseum. Dass das gespreizte Handzeichen für Telefonieren geblieben ist, obwohl kaum noch Schnurtelefone mit Hörer existieren, ist für sie ein Beweis: Sie werden noch gebraucht.

Unsere Auseinandersetzung mit der haptisch erfahrbaren Welt gehe zunehmend verloren, fürchtet Michael Erlhoff, langjähriger Dekan der Kölner Design-Fachhochschule School of Design. "Wir brauchen den Widerstand", sagt er - und meint den Widerstand, den die Dingwelt uns physisch bietet: "Wenn wir den Bürgersteig entlanggehen, ist da idealerweise ein Hubbel, damit wir bemerken, dass wir gerade etwas tun." Er setzt auf Irritationen im durchdesignten Alltagsrauschen.

Neu seien diese Brüche jedoch nicht: Der Automatismus, der heute im Wischen und Klicken steckt, tauchte zu anderen Zeiten in anderen Gewändern auf. "Das fing mit dem Jugendstil an", so Erlhoff: "Plötzlich waren die Alltagsobjekte wieder zart, zerbrechlich" - anders als zuvor im Biedermeier mit seinen dickwandigen Bleigläsern.

Die Krux, damals wie heute: "Vieles bemerken wir erst als bewahrenswert, wenn es weg ist", sagt Dingforscher Andreas Ludwig vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung, der gerade an einem Langzeitprojekt mit dem Titel "Musealisierung der Gegenwart" sitzt. Damit diese Brüche nicht zu radikal sind, plädiert er für ein Umdenken: Normalerweise wählen Museen das Besondere aus - doch ginge es nach ihm, sammelten sie ab jetzt dichter und alltäglicher: das Beiläufige, das Normale, alles, was unreflektiert benutzt wird. "Wir brauchen diese alten, unbekannt gewordenen Dinge, um eine Gesellschaft und ihre Praktiken zu verstehen."

Dass diese Perspektive elementar ist, gerade weil der technologische Fortschritt fundamental neues Produktdesign hervorbringt, davon ist Ellen Fricke überzeugt. Die Zeichenforscherin erzählt, was sie während der Ausstellungsvorbereitung erlebte, von Federhämmern, die einst Schmiede benutzten, und alten Spinnmaschinen namens "Spinning Jenny", die bald keiner mehr bedienen könne.

Dass ihr diese Ausstellung so wichtig ist, hat nicht nur mit dem Gestern zu tun. "Gesten sind kulturelle Wissensspeicher", so Fricke. Deshalb tragen Fricke und ihr Team einen Katalog an Gesten zusammen: damit Designer wie Ingenieure darauf zurückgreifen können. Sie werden sie brauchen, davon ist sie überzeugt: "Je mehr Geräte mit immer mehr Funktionen entstehen, desto mehr müssen sich die Gesten unterscheiden, mit denen sie bedient werden", egal ob in der Industrie oder im Alltag. Denn: Fehlen die Handgriffe, um Produkte zu benutzen, sind sie ihrer Funktion beraubt.


Die Ausstellungen:

Berlin: "Kabinett des Unbekannten", Museum der Dinge, verlängert bis 2.Oktober, museumderdinge.de 

Chemnitz: "Gesten - gestern, heute, morgen", Sächsisches Industriemuseum, ab 17. November, gesten-im-museum.de 

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