Angelika Richter beim Plausch über den Gartenzaun
Angelika Richter beim Plausch über den Gartenzaun
Foto: Anton Röntz

Grünes Berlin Das war der Sommer in der »KGA Frieden«

Berlins Parks und Seeufer waren während des Coronasommers überfüllt – in den Kleingartenanlagen schien das Leben wie immer. Ein Besuch im »KGA Frieden« in Weißensee zu Canasta-Runden und Freiluft-Turnen.
Von Antje Blinda und Anton Röntz (Fotos)

In der »KGA Frieden« blühen noch Dahlien, die Obstbäume warten auf ihren Schnitt – und nach und nach verschwinden Gartentische, Stühle und Bänke im Schuppen. Das Wasser des Pools ist abgelassen, die Gummitiere sind für den nächsten Sommer eingelagert. In der Kleingartenanlage in Berlin-Weißensee, die umringt ist von drei Friedhöfen, zwei Kliniken und einer Schule, ist es ruhig geworden. Die Hauptsaison der Kleingärtner neigt sich dem Ende zu, jetzt wird aufgeräumt.

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Die »KGA Frieden«: Rückzugsort in der Pandemie

Foto: Anton Röntz

Im heißen Sommer jedoch, als die Berliner Parks und Seeufer überfüllt waren, schien das Leben in der KGA Frieden unberührt von der Pandemie: Kinder quietschten, Hunde bellten, Gelächter war zu hören.

Anton Röntz streifte durch Zufall Anfang 2021 durch die Anlage, die auf dem Weg zur Ostkreuzschule für Fotografie liegt, an der er studiert. »Ich fand es spannend, ein neues Ökosystem mitten in der Stadt vorzufinden, und wollte fotografisch festhalten, was in den Parzellen den Tag über passiert.« Der 20-jährige Berliner kehrte mit seiner Kamera zurück, sprach mit den Gärtnern und Gärtnerinnen am Gartenzaun, erhielt Einblick in das Leben vor Schreberhäuschen und unter Apfelbäumen.

Angelika Richter zum Beispiel erzählte ihm von ihrer Parzelle Nummer 30 – sie hat ihr Pachtgrundstück mit am längsten in der Anlage: seit über 50 Jahren. Ihr inzwischen verstorbener Mann war einst Taubenzüchter, zu DDR-Zeiten waren es Brieftauben, manche hielt er auch im Kleingarten. Die Berlinerin machte ihr Grundstück bereit für die Übergabe, sie muss aus Altersgründen aufhören. »Alles muss raus«, sagte sie Röntz, »alles wird abgerissen.« Die selbst gebaute Hütte entspricht nicht mehr den heutigen Bauauflagen.

Ein paar Grundstücke weiter trafen sich Nachbarn regelmäßig zum Canasta, wenn das Wetter gut genug war. »Man macht immer was zusammen«, sagt eine der Spielerinnen zu Röntz, sie bewirtschaftet ihr Grundstück seit über 40 Jahren. Am Zaun von Ilona Meuser springt ihr Hund Sam freudig bellend am Gartentor hoch. Ein Familienvater trainierte bei sommerlichen Temperaturen seinen Bizeps mit einer selbst gebauten Hantelstange aus Gießkannen. Und der Platz vor dem Vereinshaus wurde zum Freiluft-Sportstudio für eine Frauenturngruppe.

Wartezeit für eine Parzelle: bis zu sechs Jahre

Erholung von der lärmenden Hauptstadt in einem Kleingarten, die Freizeit im gepachteten Grün verbringen – das können vergleichsweise wenige Berliner. Und das, obwohl immerhin drei Prozent der Stadtfläche kleingärtnerisch genutzt wird und keine vergleichbare Metropole eine so große Anzahl an nutzbaren Gärten im unmittelbaren Einzugsbereich der Innenstadt hat, wie der Landesverband schreibt. Auf landeseigenen Flächen gibt es immerhin rund 71.000 Kleingärten in 820 Anlagen. Eine davon ist die »KGA Frieden«, hier schaufeln, pflanzen, mähen und relaxen 189 Vereinsmitglieder mit ihren Familien und Freunden auf 124 Parzellen.

In der Hauptstadt ein Stück Land zu bekommen, ist schwer, die Wartelisten für eine Kleingartenparzelle sind lang. Schon im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 mit seinen Versammlungsverboten und Reiseeinschränkungen entdeckten die Berliner die Vorteile, die ein eigener Garten bieten kann.

Im Bezirksverband Weißensee, zu dem die »KGA Frieden« gehört, beträgt die Wartezeit inzwischen fünf bis sechs Jahre. »Bitte wenden Sie sich an Ihre Kommunalpolitiker/-innen, um für die Bereitstellung weiterer innerstädtischer Kleingartenflächen zu sorgen und die Vernichtung bestehender Kleingärten für Wohnungs- und Gewerbebau zu verhindern«, fordert der Verband die Interessenten und Interessentinnen auf.

Der Berliner Senat will die grünen Oasen seiner Stadt schützen – nur das Wie ist unter den Parteien umstritten. Seit vergangenem Jahr gibt es zwar den sogenannten Kleingartenentwicklungsplan, um die Flächen langfristig zu sichern. Aber während SPD und Linke auf ein Landesgesetz hoffen, wollen die Grünen einen Zehnpunkteplan verwirklichen. Immerhin 80 Prozent der Schrebergärten sind bereits dauerhaft geschützt, doch es gibt noch landeseigene Kleingartenflächen, die als Bauland ausgewiesen sind und nur bis 2030 Bestandsschutz haben.

»Mitten in einer Großstadt einen eigenen Garten zu haben, finde ich großartig«, sagt auch der 20-jährige Anton Röntz. »Dort etwa den Sommer zu verbringen, ist ein enormer Luxus – gerade in einer Pandemie.« Der gebürtige Berliner könne sich dies für später durchaus vorstellen. »Auch die Eltern von Freunden haben inzwischen Kleingärten, es wird immer hipper.« In der »KGA Frieden« wurde er nach einigen Besuchen schon gegrüßt und auf selbst gemachten Punsch eingeladen.