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Der Wurm drin – die Gartenkolumne Im Kleingarten sollen wir die Welt retten

Der Bürgermeister sorgt für den Beton, wir Gartenbesitzer kümmern uns um die Insekten – so ist die Arbeitsteilung in rückständigen Gemeinden. Was schaffen wir, mit unseren Gärten? Ein bisschen Grün? Eine bessere Welt?
Eine Gartenkolumne von Barbara Supp

Neulich, kurz nachdem auf fruchtbarem Bauernland noch ein Gewerbepark ausgewiesen worden war, obwohl die Arbeitskräfte hier jetzt schon knapp sind; kurz nachdem im hochwassergefährdeten Gebiet noch eine Neubausiedlung genehmigt wurde und nachdem bekannt wurde, dass eine seit Generationen bei Kindern und Bienen beliebte Dorfkastanie fallen soll, weil sie einen Gebrauchtwagenhandel stört; kurz nach diesen aktuellen Ereignissen bei uns in einer ziemlich verbauten Gegend auf der Schwäbischen Alb, da kam, vom Rathaus, ein Geschenk.

Ein Tütchen Wildblumensamen. Eines für jeden Haushalt. Es gehe ums Wachrütteln, sagte der Bürgermeister in einer Pressekonferenz. Um die Artenvielfalt. Um die Insektenrettung. Wir sollen es richten. Dies, so habe ich es verstanden, ist seine Vorstellung von Arbeitsteilung: Wir sorgen für die Insekten. Er sorgt für den Beton.

Soll ich wider Schottergärten predigen? Menschen schmähen, die ihren Rasen sprengen?

Ich schüttelte mich kurz, dann war ich wach. Ich versuchte, das Gewerbegebiet zu vergessen und den Beton und hatte einen kleinen missionarischen Anfall, ja, dachte ich, ja, ich werde es tun, ich werde den Klimawandel bekämpfen, ja! Nicht nur in meinem Garten! Ich werde hinaus durch die Vorstädte ziehen, ich werde Insekten preisen und ich werde Menschen schmähen, die ihren Rasen sprengen, ich werde wider die Schottergärten  predigen, in der Hitze der Nacht, werde ich sagen, werdet ihr um Kühlung winseln, aber da ist nichts, nur die Hitze vom Tag, die euch der Vorgarten nachts zurückgibt, und wenn der erste Löwenzahn euer Unkrautvlies durchbricht, dann werdet ihr sehen, ihr habt verloren. Ich werde…

Ich werde mich jetzt mal beruhigen und gelassen darüber nachdenken, was ich in meinem Garten wegen des Klimawandels und gegen den Klimawandel unternehmen kann.

Natürlich habe ich nichts dagegen, als Privatmensch eher Teil der Lösung zu sein als Teil des Problems, absolut nicht. Wogegen ich etwas habe: Wenn die Politik versagt und sich hinter privatem Handeln versteckt.

Wir sollen es also richten. Das werden wir nicht, aber ich habe mich schon daran gewöhnt, dass bei mir im Garten nicht nur Giersch, Lavendel und Holunder wachsen, sondern auch Überbau: Wir garteln nicht einfach nur, unser Auftrag ist die bessere Welt.

Also gut. Ich werde mein Bestes geben.

Was kann ich tun?

Meine Schwiegermutter, von der wir den Garten übernahmen, schleppte an heißen Abenden 60 Gießkannen à zehn Liter in die Gemüsebeete und zu den Blumen. Jedem Bewässerungssystem hat sie sich widersetzt.

Wir wollen keine Säufer-Pflanzen, keine Hortensien, keine Fichten

Mein Mitgärtner und ich denken anders. Wir haben uns von einer ihrer Vorlieben sehr schnell, schon aus Faulheit, distanziert: Sie wollte fruchtbare Erde sehen, zwischen den Rosen im Vorgarten zum Beispiel. Wir haben uns an Bodendecker gewöhnt, zwischen den Rosen kamen sie von selbst: Walderdbeeren. Die Rosen stört das nicht, es funktioniert.

Wir sprengen den Rasen nicht, nie, was für Diskussionsstoff sorgt mit dem freundlichen Nachbarn, der nach dem Garten schaut, wenn wir nicht da sind. Er will dem Gras immer Wasser geben, ihn dauert es, wenn's gelb wird, ich fürchte, dass er es heimlich macht. Auf jeden Fall missionieren wir nun doch so ein bisschen in der Umgebung, seit wir festgestellt haben: Es stimmt, ein kurzer Rasen ist ein trockener Rasen. Wo man ihn länger lässt, ist er länger feucht. Die Frage stellt sich ohnehin immer schärfer: Brauchen wir Rasen? Brauchen wir jedenfalls so viel davon?

Wir wollen keine Säufer-Pflanzen, keine Hortensien, keine Fichten. Wir gießen wenig, und ich sah mich darin bestätigt, als ich eine pensionierte Lehrerin kürzlich sagen hörte, dass sie ihr Grünzeug erziehe. Sie gebe wenig Wasser, damit die Pflanzen ihre Wurzeln nach unten schicken und nicht flach unter der Erdoberfläche verteilen. Sie sollen sich nicht daran gewöhnen, dass es dauernd etwas gibt. Ich wäre mal beinahe Lehrerin geworden und kann mich anfreunden mit dem Konzept. Schlimmer als renitente Achtklässler werden meine Rosen und meine Tomaten ja wohl auch nicht sein.

Natürlich sammeln wir Regenwasser. Dass es gut für die Pflanzen ist, wussten Väter, Mütter, Großmütter und Großväter und alle davor. Aber dass es auch fürs Klima besser ist, wenn das Regenwasser nicht über versiegelten Boden in die Kanalisation rauscht, sondern Pflanzen wachsen lässt, das bespricht man erst heute.

Dass kein Gift in unseren Garten gehört, war schnell klar. Anderes bedachten wir erst nicht. Unsere Terrasse könnte kleiner sein, könnte weniger Boden versiegeln, und mit diesem Gedanken bin ich wieder im Gewerbegebiet.

Man kann Gewerbegebiete nicht abschaffen, das behaupte ich auch gar nicht. Aber man kann sie auf die Flächen beschränken, wo man sie wirklich braucht. Und nicht überall dort wuchern lassen, wo Gemeinden einander niederkonkurrieren, hinterher sitzen sie da mit zerstörter Natur und die Unternehmen ziehen weiter, weil es anderswo doch noch ein klein wenig billiger ist. Man könnte übrigens auch mehr Grün vorschreiben, auch in Gewerbegebieten. Mehr Bäume. Grüne Dächer. Weniger Parkplätze, und einen Nahverkehr schaffen, der so gut ist, dass die Leute gern damit fahren.

Ich würde gern den Bürgermeister wachrütteln, denke ich und sitze im Regen und freue mich darüber, das ist ja einer der Vorteile am Garteln. Alles wächst. Nur die Wildblumenmischung aus dem Rathaus leider nicht.

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