Klingeltöne Manchmal will ich den Crazy Frog zurück

Die Evolution des Handy-Klingeltons verlief in Sprüngen - auch was die Nervigkeit angeht. Doch nun ist der Lärm weitgehend verklungen. Stattdessen macht es: Bssssssss! Und das ist ein Problem.

Crazy Frog: Ja, die Pest, schon klar, aber...
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Crazy Frog: Ja, die Pest, schon klar, aber...

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Es ist gut, dass der Frosch tot ist. Das quäkende Amphibium mit der Rennfahrerhaube war die Krönung des Klingeltonwahns, verhasstes Symbol einer verhassten Firma, das Wappentier all jener, die bereit waren, ihre Umwelt mit Rücksichtslosigkeit in den Wahnsinn zu treiben.

Was allerdings nach ihm kam, ist in Wahrheit noch schlimmer. Viel schlimmer, geht man davon aus, dass ständiges vegetativ-reflexhaftes Reagieren auf tatsächliche oder vermeintliche Anrufe oder Nachrichten vermutlich irgendwie gesundheitsschädlich ist. Aber dazu gleich.

Anrufsignale haben eine für ein Phänomen des digitalen Zeitalters ungewöhnliche Geschichte hinter sich. Im Normalfall läuft es nämlich so: Etwas fängt rudimentär an, arbeitet sich dann langsam hoch und nähert sich schließlich der Perfektion. Das gilt zum Beispiel für Digitalfotos, Computergrafik, Animationsfilme und Videostreaming. Am Anfang pixelig, ruckelig, hässlich, dann am Ende hochaufgelöst, farbtief, in 3D.

Der Klingelton hat sich zunächst ähnlich entwickelt: Vom noch richtig nach Chip klingenden Tüdeldüdeldüdeldü der ersten Mobiltelefone über immerhin mehrstimmige und womöglich mit Beats kombinierte Piepsmelodien bis hin zu originalgetreuen Versionen von Popsongs. Wenn auch in der Regel ohne Bässe.

Über die Jahre bildeten sich Klassiker heraus, die bis heute so gut wie jeder wiedererkennt. Der berühmteste ist die schlicht Nokia Tune genannte Dreivierteltakt-Melodie aus absteigenden Achteln und aufsteigenden Vierteln, basierend auf einer 1902 geschriebenen Gitarrenkomposition des Spaniers Francisco Tárrega ("Grand Vals"). Jahrelang war sie der meistgehörte Klingelton weltweit. Damals, als Telefone noch aus Finnland kamen.

Etwa zur gleichen Zeit nervten auch schon andere verbreitete Anrufsignale, etwa das Düdeldüddüd-Düüdüdüd-Düüüd von Sony Ericsson, noch so einer inzwischen verschwundenen Handymarke. Dann kamen die sogenannten Realtones. Richtige Musikstücke, umgewidmet als Anrufsignal.

Doch je besser die Klingeltöne wurden, desto schlimmer wurde es. Ich erinnere mich an eine Bahnfahrt mit einem älteren Herren mit Karo-Sakko, Willy-Millowitsch-Schnauzer und passendem Dialekt, der immer wieder Anrufe von seinem "Liebschen" entgegennahm. Die wurden dem gesamten Großraumwagen stets mit "Ein Stern, der deinen Namen trägt" annonciert. Der Herr lachte jedes Mal beglückt.

Als Apple einmarschierte

Der Crazy Frog selbst betrat die Großraumwagen, Schnellrestaurants und Freibäder des Landes im Jahr 2004. Die bis heute zu Recht verhasste Firma Jamba warb mit dem Tier, das das Motorengeräusch eines überdrehten Zweitakters nachahmte, für ihre überteuerten Klingelton-Abonnements. Die gibt es übrigens immer noch. Es fällt aber fast keiner mehr darauf herein. Gottlob.

Als Apple in den Handymarkt einmarschierte, änderte die Firma auch hier wieder einmal die Regeln. Ein iPhone hat eine höchst begrenzte Auswahl von Klingeltönen an Bord, von denen viele nach billigem Midi-Instrument klingen. Der bekannteste ist der Standardklingelton mit dem Namen Marimba, der schon vor Jahren für so manche Peinlichkeit gut war.

Wenn in einer vollen U-Bahn iPhones klingelten, griffen fortan fast immer mehrere Leute hektisch in ihre Taschen, weil jeder dritte den gleichen Klingelton aus der begrenzten Auswahl benutzte. Was damit zusammenhängt, dass es Apple, anders als andere Hersteller, extrem schwierig gemacht hat, einfach irgendeine Musikdatei zum Klingelton zu machen. Da ist Apple ganz Jamba: Zusätzliche Anrufzeichen sollen bitteschön bei iTunes käuflich erworben werden.

In Wahrheit aber stirbt der Klingelton in freier Wildbahn ohnehin aus. Weil viele Menschen die ständige Peinlichkeit des eigenen Klingelns in der Öffentlichkeit nicht mehr ertragen können oder wollen. Weil zumindest die Feinfühligeren begriffen haben, dass man nicht von anderen Rücksicht erwarten kann, wenn man selbst keine nimmt. Weil das öffentliche Bloßstellen von Menschen, deren Handys in unpassenden Momenten Lärm machen, sich derart eingebürgert hat.

Der Klingelton von heute ist der Vibrationsalarm: Bssssssss! Und das ist ein Problem. Nicht nur, weil jedes Schlüsselkratzen in der Hosentasche jetzt als Phantomklingeln wahrgenommen wird.

Die Immer-schicker-immer-besser-Kurve bricht bei Klingeltönen plötzlich ab, stürzt zurück zur Grundlinie und darüber hinaus. Die Hifi-Songs sind durch ein Geräusch ersetzt worden. Mit Betonung auf "ein".

Plötzlich klingen alle Handys gleich, überall. Wenn in einer Konferenz oder im Restaurant der Tisch summt, tasten alle hektisch herum. Ist es meins? Bsssssssss. Der ursprüngliche Zweck individueller Klingeltöne, das eigene Handy identifizierbar zu machen nämlich, ist dahin.

Selbst, wenn man abends vor dem Fernseher sitzt, zuckt man ständig zusammen, weil bei "House of Cards" oder "The Good Wife" auch ständig Handys vibrieren und dieses schwer ortbare Geräusch aus anständigen Lautsprechern so verdammt realistisch klingt.

Manchmal, wenn mich wieder einmal irgendein fremdes Bssssssss zusammenzucken lässt, wünsche ich mir den Frosch und "Ein Stern, der deinen Namen trägt" zurück. Aber nur ganz kurz.

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insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
knut1981 23.07.2015
1.
und ich sage immer, wer was will, ruft nochmal an.. daber komplett lautlos
spellener 23.07.2015
2. Schlecht recherchiert
In Wirklichkeit sollte es auch für Normalnutzer eines iPhone innerhalb von 5 Minuten möglich sein aus einer beliebigen MP3 den Klingelton seines Wunsches auf das Handy zu bekommen. Alles was man dafür benötigt ist in iTunes enthalten.
Flying Rain 23.07.2015
3. Zum
Zum Glück hatt da Apple vor einiger Zeit nachgezogen und es möglich gemacht eigene Songs zu benutzen wenn man weis wie man es macht... Und so schnell findet sich keiner der das Tüterü aus Steins Gate als Klingelton hatt ;)
massmurderer 23.07.2015
4.
Meine Güte. Das ist mal ein First-World-Problem dass unbedingt gelöst werden muss!! Unterhaltender Artikel
DJ Doena 23.07.2015
5.
Ich hab Reveille als Rufton und den lass ich mir auch nicht nehmen. http://www.music.army.mil/music/buglecalls/reveille.asp Habe aber den Vorteil, dass ich eh nur einmal im Millenium angerufen werde.
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