Grusel-Konditorin Annabel de Vetten Isst ja scheußlich

Die deutsche Torten-Künstlerin Annabel de Vetten formt aus Kuchenteig und Zuckerguss täuschend echte Horror-Skulpturen. Nur vor rosaroten Cupcakes schreckt sie zurück.

Annabel de Vetten

Ein Interview von


Zur Person
  • Sharon Cooper
    Eine der bekanntesten Horror-Konditorinnen der Welt, Annabel de Vetten, Jahrgang 1971, wuchs in Bad Homburg auf. Mit 17 zog sie nach Großbritannien und studierte Bildhauerei. Sie arbeitete als Malerin, Tierpräparatorin und Requisiteurin für Horrorfilme. Seit 2008 ist sie Konditorin und Food-Artistin in Birmingham. Seit 2010 ist sie mit dem Zauberer Thom Peterson verheiratet. Nach ihrem Umzug in die USA will de Vetten im Januar ihre Konditorei im Großraum Los Angeles eröffnen.

SPIEGEL: Ihre Kuchen sind essbare Albträume. Wie morbide muss man sein, um Totenschädel aus Schokolade zu backen oder Augäpfel aus Zucker?

De Vetten (lacht): Sehr morbide! Ich habe eine besondere Vorliebe für alles, was sich um Verfall, Tod und Untergang dreht. Der Tod gehört zum Leben, und er ist ja auch eines der wichtigsten Themen in der Kunst. Er hat Künstler schon immer in seinen Bann gezogen - und mich eben ganz besonders. Das heißt aber nicht, dass ich ein trübsinniger, trauriger Mensch bin. Ganz im Gegenteil.

SPIEGEL: Aber müssen es denn Eingeweide mit Zitronengeschmack sein?

De Vetten: Es ist ein großes Vergnügen, so etwas herzustellen - und ein noch größeres, das Produkt zu essen. Ich bin eine Bildhauerin, nur dass ich statt Marmor Marzipan und Zucker verwende. Ich lasse mich inspirieren von Horrorfilmen, Gemälden in Museen, Darstellungen in alten Büchern. Am meisten mag ich es, wenn mich jemand kontaktiert und so beginnt: "Das mag jetzt etwas merkwürdig klingen, aber...". Dann entwickle ich mit dem Kunden ein paar Ideen und wir sind beide happy.

SPIEGEL: Gibt es denn auch Aufträge, die selbst Ihnen zu widerlich sind?

De Vetten: Was heißt widerlich? Das ist sehr relativ. Ich kann auch Abgründiges oder Ungewöhnliches - wie zum Beispiel ein seziertes Ferkel, einen Rabenschädel oder einen halboffenen menschlichen Kopf - so backen, dass es ästhetisch aussieht, und vor allem prima schmeckt. Es gibt allerdings Sachen, die ich nicht backe: Genitalien zum Beispiel oder rosarote Cupcakes. Das sollen andere machen.

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Fotostrecke: Mmmhhh, morbide!

SPIEGEL: Sie haben als Bildhauerin gearbeitet, als Tierpräparatorin und als Requisiteurin bei Horrorfilmen. Scheint so, als hätten Sie sich Ihr Leben lang auf Ihren jetzigen Beruf vorbereitet.

De Vetten: Ich bin in Bad Homburg aufgewachsen und habe schon als Kind gerne und gut gebacken. Ich hatte schon immer eine Neigung zum Morbiden, hatte als Teenagerin eine Goth-Phase und bin schwarz gekleidet mit schwarzen Lippen auf Friedhöfen rumgelaufen. Die Kombination aus Präparatorin und Bildhauerin hat mir tatsächlich die Augen geöffnet für Formen, Körper, deren magische Schönheit, ihre Zusammensetzung und Bestandteile. So richtig habe ich aber erst mit dem Backen begonnen, als ich vor neun Jahren meine eigene Hochzeitstorte gebacken habe. Immer mehr Freunde wollten dann, dass ich auch für sie Kuchen mache. Ich habe die Bilder ins Netz gestellt, seitdem geht die Nachfrage durch die Decke.

SPIEGEL: Jetzt, zu Halloween, ist wahrscheinlich Ihre stressigste Zeit?

De Vetten: Das stimmt, aber bei mir ist jeden Tag Halloween. Ich brauche kein bestimmtes Datum, um Morbides zu kreieren. Ich arbeite ohnehin das ganze Jahr an ähnlichen Themen. Viele Torten sind Auftragsarbeiten für Hochzeiten, besondere Geschenke, Promotion-Aktivitäten für Firmen. Ehrlich gesagt, finde ich den Sommer anstrengender. Ich muss teilweise vier Ventilatoren gleichzeitig laufen lassen, damit nichts schmilzt, es ist immer ein Rennen gegen die Zeit. Vor ein paar Jahren habe ich eine Torte für die Produzenten der Fernsehserie Dexter gebacken, es war ein 1,80 Meter langer Kuchen in der Form des Hauptdarstellers. Daran habe ich mehr als hundert Stunden gearbeitet. Die Zutatenliste habe ich noch: 240 Eier, 55 Pfund Mehl, 44 Pfund Zucker.

Konditorin de Vetten: "Was heißt widerlich?"
Sharon Cooper

Konditorin de Vetten: "Was heißt widerlich?"

SPIEGEL: Warum, glauben Sie, essen Menschen gerne Kuchen, die gruselig aussehen?

De Vetten: Gerade dieser Kontrast zieht meine Kunden an. Dass etwas, das auf den ersten Blick abstoßend aussieht, richtig lecker ist und man schließlich kaum genug davon bekommen kann. Es ist etwas Besonderes, ein Körperteil zu zerschneiden und dafür mit etwas Süßem belohnt zu werden. Es ist ein bisschen unanständig. Wenn ich dann meinen Kunden ins Gesicht schaue, während sie einen Finger oder ein Ohr essen, sehe ich, dass sie irgendwie zerrissen sind: "Das sollte mir nicht gefallen, aber ich liebe es."

SPIEGEL: Was kostet mich eine Ihrer Schöpfungen?

De Vetten: Das ist extrem unterschiedlich, da gebe ich ungerne Preise an. Manche Kuchen sind riesig - eine verwesende Frauenleiche in Lebensgröße zwischen Farnpflanzen etwa -, andere extrem kompliziert, wie zum Beispiel eine Skeletthand. Für etwas Schwierigeres kommen wir schon mal gut in einen vierstelligen Eurobereich.

SPIEGEL: Werden Sie wegen Ihrer Backwerke auch angefeindet?

De Vetten: Sie wissen ja, wie das Internet so ist. Es gibt immer welche, die das pervers finden oder schockierend. Ich habe ganz gut gelernt, das zu ignorieren und sehe es eher als Kompliment. Es ist schließlich eines der Ziele von Kunst, starke Emotionen zu wecken. Schließlich backe ich auch nicht wirklich für Kindergeburtstage. Für mich ist es viel wichtiger, dass ich bisher noch keinen unzufriedenen Kunden hatte. Nicht einen. Das ist für mich der Maßstab!

SPIEGEL: Ich erwische Sie gerade beim Möbelpacken. Sie ziehen um?

De Vetten: Ja, nach dreißig Jahren in Großbritannien geht es in ein paar Wochen in die USA. Mein Mann ist Amerikaner. Er arbeitet als Zauberer, ich mache meine Kuchenkunst, da gibt es wohl wenige Orte auf der Welt, an denen man sich besser beruflich verwirklichen kann als Los Angeles und Hollywood.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Michael von D. 31.10.2019
1. Richtig cool!!!
Haben will :)))
Aberlour A ' Bunadh 31.10.2019
2. "Torture Porn" beim Kuchenbacken!
Man fasst es nicht. Aber so wie die Filme von Hostel-Regisseur Eli Roth keine Kunst sind, so ist es auch hier. Bei der Kunst muss man schon in der Lage sein, etwas in einen "höheren Zusammenhang" zu stellen. Den kann ich hier leider beim besten Willen nicht erkennen. Ich schaue auch Horrorfilme, dennoch habe ich keine "Vorliebe für alles, was sich um Verfall, Tod und Untergang dreht". Wenn das britischer Humor sein soll, na ja. Aber immerhin ist der Lebenslauf vom Friedhof-Abhängen bist zur Backkunst-Ikone konsistent.
sonjasonderbar 31.10.2019
3. Wahnsinn
ich ziehe meinen Hut vor so viel Handwerkskunst... eigentlich zu schade zum essen
Fuscipes 31.10.2019
4.
"...essen Menschen gerne Kuchen, die gruselig aussehen? Nur wenn sie nicht so schmecken.
Fuscipes 31.10.2019
5.
Echtes Kompliment an Annabels Kunst, besser als jede sonstige Fettecke. Was ist genialer als es im Kuchen zu versuchen, esse keinen.
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