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Javier Pardina / Stocksy United

Der Wurm drin – die Gartenkolumne Nimm das, du Wurzel!

Gelassenheit gegenüber dem Löwenzahn? Gar nicht so einfach. Noch schwieriger aber ist es, ihn im Garten zu bekämpfen.
Von Barbara Supp

Es geht wieder los. Der Mitgärtner hat diesen flackernden Blick, mit dem er durch den Garten schweift, es wird noch schlimmer werden, wenn die gelbe Phase kommt: wenn der Löwenzahn blüht.

Ich kenne es bei ihm besonders vom vergangenen Frühjahr, ich glaube, er agiert da stellvertretend etwas aus: Da! Nimm das! Ich hab dich! Hat er aber nicht. Das ist ja das Unangenehme am Löwenzahn: Wo man hinkommt, ist er schon da und schlägt Wurzeln und sendet Dinge in die Welt, ein Karl Lauterbach des Gartens, aber bleiben wir botanisch. Also: Beim Löwenzahn sind die Wurzeln an die 40 Zentimeter tief, und aus jedem Stückchen kann, wenn man Pech hat, ein neuer Löwenzahn werden. Nein, es kann nicht werden, es wird, jedenfalls bei uns im Garten. »Wegen einer langen, tief reichenden Pfahlwurzel sehr widerspenstig«, steht in einem meiner Gartenbücher. Er kommt in meinem Buch von 478 Seiten auf einer einzigen Seite vor; das finde ich unangemessen. Er müsste auf jeder dritten Seite sein. »Wurzel mit einem alten Messer, Hohlmesser oder der Pflanzenschaufel möglichst vollständig entfernen«, das ist die Empfehlung. Das sagen die so. Der Löwenzahn hat den Trick raus, sich an Kanten, zwischen Wegsteinen in die Erde zu bohren. »Vollständig entfernen«. Ha.

Es hat ja, ommmm, alles irgendwie seine Berechtigung, die derzeitige Gartenphilosophie setzt eher auf friedliche Koexistenz, also prüfe ich von Zeit zu Zeit, was mit von mir als unangenehm empfundenen Pflanzen angestellt werden kann.

Löwenzahn könne beim Abnehmen helfen, munter machen, würzen, heißt es.

Vor einiger Zeit war ich in Vorpommern, es ging im Gespräch mit einem Regionalpolitiker um die Zukunft der Region, der Regionalpolitiker erzählt von interessanten Plänen: Man wolle Löwenzahn erst versuchs- und dann vielleicht gewerbsmäßig anbauen und eine Art Kautschuk aus dem weißen zähen Saft gewinnen. Für Autoreifen, vielleicht auch für Spielzeug oder Kondome. Ich stellte mir eine Monokultur Löwenzahn vor und mir selbst eine Frage, die sich die Forscher vielleicht nicht als vordringlichste stellen, ich mir aber schon: Was ist mit den Gärtnern drum herum? Luftabwehrmaßnahmen? Der Versuch läuft noch, habe ich gelesen. Ich frage mich, wohin.

Taraxacum officinale heißt der Löwenzahn auf Lateinisch, »officinale« ist eine Adelung und bedeutet »für medizinische Zwecke geeignet«, welche also? »Pissenlit« nennt sie der Franzose, »Bettseicherle« der Schwabe, beide meinen dasselbe, es macht die Pflanze nicht sympathischer.

Er könne beim Abnehmen helfen, munter machen, würzen, heißt es. Und gegen Appetitlosigkeit (habe ich nicht), Frühjahrsmüdigkeit (nein) und gegen andere , viel hässlichere Dinge helfen, die ich hier jetzt nicht erwähnen will.

Löwenzahnsuppe wird empfohlen (man füge Lauch, Tomaten, Karotten hinzu – also geht es auch ohne Löwenzahn), Kaffee aus Löwenzahnwurzeln, wenn die Verzweiflung groß ist. Löwenzahnbutter, empfiehlt meine Schwester: weiche Butter mit Löwenzahnblütenblättern verkneten, Salz dazu, ein paar Veilchenblüten, wenn man mag, kühlen. Gar nicht schlecht.

Intellektuell gesehen sei er gelassen, sagt der Mitgärtner, dem konkreten Löwenzahn gegenüber sei er es dann aber doch nicht.

Meine Schwester ist härter im Nehmen als ich. Neulich, erzählte sie, stand sie und holte ihr Mittagessen – Löwenzahnblätter für den Salat – und ein paar Meter weiter standen die Störche und holten ihr Mittagessen, Würmer, Schnecken, Frösche; da bin ich dann doch eher auf der Seite meiner Schwester. Aber wenn ich Salat mit Löwenzahn  serviere, mault der Mitgärtner. Zu bitter.

Der Mitgärtner sagt neuerdings manchmal Sätze wie: Man müsse den Löwenzahn akzeptieren, und wenn er so etwas sagt, mache ich mir Sorgen, denn: Der Yoga-Typ ist er eher nicht. Dann redet er plötzlich über John Lennon, er hat gerade einen Film über ihn gesehen. Lennon sagte: Intellektuell sei er mit dem besitzorientierten Beziehungssystem nicht einverstanden. Aber dann, im Konkreten, habe er mit Yoko zu tun und liebe sie, da entdecke er in sich den Wunsch, sie zu besitzen. Also nicht einsperren, aber besitzen.

So ähnlich, meinte der Mitgärtner, sei es mit ihm und dem Löwenzahn.

Bitte?

Na ja, intellektuell gesehen sei er gelassen, dem konkreten Löwenzahn gegenüber sei er es dann aber doch nicht. Er hat sich ein spezielles Gartengerät gekauft, diesmal nicht motorisiert, sondern mit Handbetrieb, man bohrt es in die Erde, holt die Löwenzahnwurzel, streift die Erde ab, so stellte sich das in Verkaufsgesprächen dar. Aber es ist nicht so.

Ich habe jetzt doch noch einen Vorschlag gefunden, der ihn vielleicht interessieren könnte: Löwenzahnwein. Es klingt ein bisschen nach alten Damen bei Agatha Christie. Das weiß er aber nicht, weil er Agatha Christie nicht liest.

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