Zum Tod Luigi Colanis Der Mann im Morgen

Luigi Colani war ein Mann mit Ecken und Kanten - als Designer machte er alles rund. Er träumte groß und lag manchmal komplett daneben. Doch ob Flop oder Hit, eines waren seine Entwürfe immer: visionär.

Horst Ossinger/ DPA

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Als Kind bekam Luigi Colani kein Spielzeug, sondern ein Bastelzimmer. Wenn er seine eigenen Spielsachen entwerfen müsste, so der Gedanke der Eltern, würde ihr Sohn zu besonderer Kreativität erzogen. Der Plan ging auf. Nicht nur konnte Colani bereits mit vier Jahren löten, er bastelte auch Autos, Flugzeuge und Schiffe. Daraus sollte sich im Laufe seines Lebens eine große Designerkarriere entwickeln, die von Berlin über Frankreich bis nach China führte.

Die in seinem Kinderzimmer erworbenen Talente erweiterte Colani durch ein Studium in Malerei und Bildhauerei an der Kunstakademie in Berlin, das er nach zwei Jahren eintauschte gegen Vorlesungen über Aerodynamik an der Pariser Sorbonne. Dieses Wissen bescherte ihm bald einen Job im Institut des Flugzeugbauers Marcel Dassault, aber auch bei namhaften Autoherstellern. Jahrelang entwarf er Kunststoffkarosserien für VW, Fiat und Alfa Romeo.

Die erste Idee, mit der es Colani in die Schlagzeilen schaffte, war ein Sportwagen aus Kunststoff. Der Clou: Das Fahrzeug war ein Bausatz. Gegen den Preis von mageren 5000 Mark wurden die Einzelteile ausgeliefert und mussten dann selbst zusammengeschraubt werden. Nach vier Jahren, 1968, wurde die Produktion eingestellt. Der flache Colani GT, auch bekannt als Polyesterflunder, wurde nur ein paar Hundert Mal verkauft. Doch das Design war ikonisch.

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Luigi Colani: Seine aufregendsten Designs

Bemerkenswert war auch damals schon Colanis Großspurigkeit. Der Porsche war für ihn nur ein "Kohlenkasten mit Schlafaugen", im legendären Karosseriedesigner Pininfarina sah er einen "Totengräber des Automobil-Designs".

In diesen Provokationen lag aber mindestens so viel Leidenschaft wie Kalkül, und so attestierte DER SPIEGEL dem Designer bereits 1978 "die perfekte, mediengerechte Design-Show".

Colani, stets in Weiß gekleidet, war zu dieser Zeit längst so erfolgreich, dass ihm derartige Urteile egal gewesen sein können. In den Siebzigern war er Deutschlands meistgefragter Designer, der vollkommen branchenunüblich nur noch gegen Vorkasse zum Zeichenstift griff - und auch das erst ab 100.000 Mark aufwärts.

Rekordbrechende Designs und grandiose Flops

Auch wenn nicht alles, was er sich ausgedacht hatte, in Serie ging: Von Design verstand Colani unzweifelhaft etwas: Die für Kusch & Co entworfene Liege TV Relax steht heute in der Pinakothek der Moderne in München, ein Paar Kopfhörer für Sony gehört zur Sammlung des Museum of Modern Art in New York.

Technisch waren seine Designs oft hervorragend. Einige seiner Auto- und Flugzeugprototypen brachen im Windkanal Rekorde. Und oft waren sie auch zukunftsweisend wie ein 2009 auf der Hannover Messe vorgestelltes Elektroauto oder sein Konzept für eine Stadt, die ohne fossile Energien auskommt (Eco-City). Die Gegenwart, so schien es manchmal, war für ihn Vergangenheit. Colani lebte in der Zukunft. Sein Denken, so sagte er, sei stets auf das Morgen zugegangen.

Manchmal galoppierten ihm seine Gedanken dabei vielleicht auch davon. Denn einige seiner Ideen überstanden nicht mal den Praxistest und waren grandiose Flops. So zum Beispiel Colanis für Deutschland entworfener Olympia-Achter. Kaum zu Wasser gelassen, versank das Ruderboot vor der versammelten Presse und den Honoratioren des Ulmer Rudervereins.

Er hasste alles Eckige

So unterschiedlich die von ihm gestalteten Produkte waren - von der futuristischen Kocheinheit über einen Sarg bis zum Hochgeschwindigkeitszug war eigentlich alles dabei - so einheitlich war Colanis Formensprache. Er hasste alles Eckige und Geradlinige. Für ihn mussten die Dinge geschwungen sein und aerodynamisch. Egal ob es Waschbecken für Villeroy & Boch waren, Badarmaturen für Grohe oder Porzellan für Rosenthal.

In einem Werbeprospekt für seine Brillenkollektion erklärte er seine Designphilosophie so: "Nimm einen Stein und wirf ihn ins Wasser, der Stein ist rund, die Flugbahn ist rund, die Kreise im Wasser sind rund, unsere Welt ist rund und bewegt sich mit Milliarden von anderen, runden Himmelskörpern in Harmonie auf runden Bahnen."

Damit lief es auch wirtschaftlich rund für ihn. Irgendwann hatte er so viel Geld verdient, dass es für ein Schloss in Westfalen reichte, Wohnort und Sitz seiner "Designfabrik". Später, als er und seine Ideen in Deutschland nicht mehr so angesagt waren, zog es ihn ins Ausland.

Zunächst ging er nach Japan, weil er genug hatte vom "Mittelmaß und Kriechertum" in seinem Heimatland. In Fernost machte er unter anderem Damenmode und beeinflusste die dortige Automobilbranche. Sein nächster großer Wurf war aber die weiche "Canon-Linie", angefangen mit der Spiegelreflexkamera T90.

Ende der Achtziger kam er dann wieder zurück nach Europa und siedelte sich zunächst in der Schweiz an. Später pendelte er zwischen Karlsruhe und Shanghai, wo er eine Gastprofessur für Urbanistik und Architektur hatte. In China arbeitete er auch an seinem "Lebenswerk und Vermächtnis": der bereits erwähnten Eco-City. Letzten Endes wurde die dem Vorbild eines auf dem Rücken liegenden menschlichen Körpers nachempfundene Stadt aber nie gebaut.

Sein Traum vom Colani-Museum wurde auch nicht Wirklichkeit. Also trommelte Colani selbst weiter für sich und seine Arbeit. "Ich wurde kopiert, kopiert, kopiert", sagte er der Deutschen Presse-Agentur noch bei einem Treffen im Juli 2018. Und: "Sie können zurückgehen auf das, was ich vor 20, 25 Jahren gesagt habe - das ist heute neu, neu, neu!"

Luigi Colani wurde 91 Jahre alt. Er starb am Montag an einer schweren Krankheit in Karlsruhe.

Mit Material von dpa

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
gammoncrack 16.09.2019
1. Ich hatte 1996 die Gelegenheit, Colani
näher kennen zu lernen. Ein gemeinsames Mittagessen und eine geschäftliche Besprechung. Das ist schon ein Typ. Ich habe noch nie einen Menschen kennengelernt, der so von sich überzeugt war. Und egal, was ich angesprochen habe, irgendwie kam immer von ihm: "Da war ich auch dabei". An den ICE kann ich mich noch erinnern. Und natürlich habe ich auch die Colani-Maus angesprochen, die damals über mein Pad rollte. Ein sehr interessanter und bei allem auch lockerer Mensch. Ich bin schon stolz, ihn einmal näher gekannt zu haben. R.I.P. Luigi Colani
faltradler 16.09.2019
2. Eigentlich "Lutz"
Das erste Mal las ich etwas von Colani in einer alten "Gute Fahrt" (die Zeitung für den VW Fahrer). Dort ging es um eine (weitere) Sonderkarosserie für das Fahrgestell des VW 1200. Damals hieß er allerdings noch Lutz Colani.
Papazaca 16.09.2019
3. Ein verrückter Designer: Von spektakulär bis komisch
Nachdem ich mir die Fotos seiner Entwürfe angesehen habe muß ich schon sagen: Sehr beeindruckend. Damit meine ich auch den Sarg, an dessen Reling sich der Tote festhalten kann. Kleiner Spass .... Ja, Colani hat mich beeindruckt, auch wenn er designmäßig nicht immer mein Fall war. Aber er hat wirklich spektakuläre Entwürfe gemacht. Nur eines empfand ich nicht nur etwas komisch: Seine weiße Kleidung. Sah zum Teil aus, als wenn er einen mittelmäßigen Tennis-Laden geplündert hätte. Aber ich hoffe, er verzeiht mir den kleinen Spass. Ob da, wo er jetzt ist, auch rundes Design vorherrscht? Wenn wir alle einiges Tages im schwarzen Loch verschwinden, hätte Colani zum guten Schluß doch recht behalten......
zbv10 16.09.2019
4. Die Canon T90
war wohl sein nachhaltigstes Design. Vorher hatten Kameras keinen Griff, heute undenkbar.
Boris_bombastik 16.09.2019
5. Alles aerodynamisch
Bei Luigi war wirklich alles aerodynamisch, Teekannen , Särge Klaviere und die Küchen. In Deutschland war er bei der Industrie nicht ganz so beliebt, jedenfalls fiel er bei der kommerziellen Betrachtung oft durch. Ein cooler Typ, ein echter authentischer Designer gegen den Mainstream. Ich werde Colani vermissen.
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