Luxusuhren zum Brexit Schöne Komplikationen

Yes or No, Hard oder Soft Brexit, 12. April oder 22. Mai? Ticken die Briten noch richtig? Auf jeden Fall! Es gibt etliche Uhren, die ohne die Engländer nicht existierten. Selbst die Queen hat einen Uhren-Spleen.

Graham

Von nicht nehmen


Das muss man den Briten schon lassen - sie besitzen wohl den berühmtesten Glockenschlag der Welt. "The Voice of Britain" erschallt stündlich vom Turm des Westminster Palace. Also dort, wo das Parlament seit Monaten für das Brexit-Chaos sorgt. Kaum bekannt ist jedoch, dass die Londoner Familie Dent um 1854 die Uhr fertigstellte und heutzutage ein gleichnamiges Uhrenlabel existiert. Ein Blick auf das Modell "Parliament" verrät, wie die Marke tickt. Das Zifferblatt des Big Ben ist darauf im Miniformat kopiert, umrandet von massivem Gold. Kostenpunkt: mehr als 20.000 Euro.

Typisch Londoner Preise, doch die lassen sich locker toppen. Etwa wenn der Big Ben nicht optisch, sondern akustisch nachgeahmt wird. Denn nur wenige Manufakturen beherrschen die Königsdisziplin, ein mechanisches Läutwerk auf Handgelenkgröße zu schrumpfen. Kenner bezeichnen solche Komplikationen als Minutenrepetitionen. Jaeger-LeCoultre präsentierte jüngst auf der Genfer Uhrenmesse SIHH (Salon de la Haute Horlogerie) ein Westminster-Glockenspiel. Eine knappe Million Euro kostet das Upperclass-Faktotum.

In der Uppermostclass sind hingegen andere Statussymbole gefragt. 2004 wandte sich das Britische Königshaus an Patek Philippe. Bestellt wurde ein Unikat, das optisch mit diversen Preziosen der Queen harmoniert. Nachdem die ersten Entwürfe persönlich von Elizabeth II. abgesegnet waren, tüftelten die Genfer zwei Jahre lang an der Schmuckuhr. Sie ist oval, mit Brillanten bestückt und wird an einem Perlen-Armband getragen. Erstmals öffentlich ausgestellt wurde das Geschmeide 2015. Die Queen war aber nur bereit, ihren Zeitmesser zu zeigen, wenn daneben die Patek ihrer Uhruhrgroßmutter gezeigt wird. Denn schon Queen Victoria war ein Fan.

Darüber, dass die Schweiz den Luxusuhrenmarkt beherrscht, sind einige Briten not amused. Schließlich waren es englische Uhrmacher, deren geniale Erfindungen in der Epoche des Empire die Zeitmessungen voranbrachten. Diese Tradition pflegt authentisch nur noch Roger W. Smith. Auf der Isle of Man fertigt er pro Jahr nur zehn tickende Meisterwerke nahezu komplett von Hand. Vor so viel Berufsethos haben selbst Schweizer Kollegen höchste Ehrfurcht. Von Prinz Charles gab es dafür im November 2018 einen Ritterorden.

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Fotostrecke: Brit-Chic-Tick

Statement-Dressing lässt sich am einfachsten in Nationalfarben zelebrieren. Manche Hersteller verbauen aber zusätzlich Codes. Darunter Graham, das sich auf den britischen Uhrmacher George Graham beruft, aber in der Schweiz sitzt. Demonstrativ wird das Zifferblatt der neuen Fliegeruhr mit dem Union Jack beflaggt, darauf steht "Brexit?". Um die Botschaft zu untermauern, ist der Chronograf mit einem patriotischen Patent bestückt. Es sieht wie ein Überrollbügel aus, dient als Drücker für die Stoppuhr und wurde im Zweiten Weltkrieg für britische Bomberpiloten erfunden.

Die Briten sind stolz auf ihr Militär, aber auch auf Kultbands wie die Rolling Stones. Die wiederum finden angeblich die Marke Zenith gut und erlaubten ihr deshalb 2016, die Stones-Zunge zu verwenden. In der Fan-Uhr dreht sich ein Gyroskop-Mechanismus ständig um die eigene Achse, fast wie bei den Brexit-Verhandlungen. Nur fünf Exemplare für steinreiche Rocker wurden gefertigt. Sie waren sofort ausverkauft - trotz der mehr als 220.000 Euro pro Stück.

Getunte Rolex für Londoner Rich Kids

Großbritanniens berühmteste Komikertruppe ist nicht das Kabinett, sondern Monty Python. Deren "Ministry of Silly Walks" lieferte die Vorlage für die wohl symbolträchtigste Brexit Watch. Ihr dient ein Paar Beine als Zeiger, was bisweilen zu absurden Verrenkungen führt, ganz im Sinne des Ministeriums für alberne Gänge eben.

Es geht aber noch schriller. George Bamford hatte 2003 die Idee, Luxusuhren nach Kundenwünschen aufzumotzen. Seine Rolex mit Comicfiguren wie Popeye, Snoopy und Flash Gordon sorgten für einen Hype bei Londons Rich Kids und Dandys. Heute zählt das Bamford Watch Department zu den berühmtesten Uhren-Tunern weltweit und steht unter Vertrag beim Luxuskonzern LVMH. Bamford veredelt seitdem nur noch Zenith, Bulgari und Tag Heuer.

Andere englische Uhrenliebhaber starteten gleich eigene Marken. Allen voran die Gebrüder English. 2002 gründeten sie Bremont, heute eine der größten Uhrenmarken der Insel. Die Englishs schmeicheln Britannia mit Kreationen, die Ikonen wie der British Armed Forces oder Jaguar huldigen. Bei den Uhrwerken endet jedoch der Patriotismus - sie stammen fast ausschließlich aus der Schweiz.

Genau wie bei der Youngster-Marke IWI, die mit martialischen Hinguckern auf Motorsport setzt. Die Designkonzeption und die Gehäusefertigung finden jedoch auf der Insel statt, um die Uhren als "Luxury Watches Manufactured in England" bewerben zu können.

Uhrmacher mit Anti-Brexit-Konzept

Für Giles Ellis ist das "Made in England" vieler Uhrmacher-Kollegen ein plumper Marketing-Bluff. Sein Motto bei Schofield: Design mit Bauhaus-Charakter gepaart mit fairen Preisen und ein Anti-Brexit-Konzept. Verbaut werden Technik und Komponenten der besten Zulieferer Europas. Das kommt vor allem bei Jung-Kreativen und der Avantgarde unter den Uhrenfans an, und zwar weltweit.

Bleibt den Briten nur zu wünschen, dass sich mit dem Brexit nicht eine Geschichte wiederholt wie die jener Uhrenmarke, welche 1905 der deutsche Geschäftsmann Hans Wilsdorf in London gegründet hatte: Die Firma "Wilsdorf & Davis" ließ Uhren in der Schweiz herstellen, um sie im britischen Empire zu vertreiben. Als die Briten im Ersten Weltkrieg protektionistisch die Importzölle erhöhten, ging Wilsdorf 1919 samt Firma in die Schweiz. Heute entstehen dort jährlich knapp eine Million Uhren und ein geschätzter Umsatz von 4,5 Milliarden Euro. Die Marke heißt Rolex.



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