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"Made in North Korea": Alles unter Kontrolle

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Grafikdesign aus Nordkorea Propaganda im Zuckertütchen

Nicholas Bonner sammelt Alltagsgegenstände aus Nordkorea. Was kann die Gestaltung von Kinderspielzeug oder Zigarettenschachteln über ein Land verraten?
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Nicholas Bonner, Jahrgang 1961, dachte nicht, dass er einmal den Großteil seines Arbeitslebens in Nordkorea verbringen würde. Nachdem er eine Zeit lang als Landschaftsarchitekt gearbeitet hatte, führte ihn sein Interesse für Architektur 1993 nach Peking und von hier aus dann bald nach Pjöngjang. Seitdem hat er nicht nur Hunderte Postkarten und Bonbonpapiere, Zigarettenschachteln und Eintrittskarten gesammelt, sondern mit "Comrade Kim Goes Flying" sogar an einer Romantikomödie im sozialistischen Stile mitgewirkt - die erste nordkoreanische Filmproduktion mit westlichen Geldern, die es je gegeben hat. Mit seiner Firma hat er sich auf Reisen nach Nordkorea spezialisiert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bonner, erinnern Sie sich noch an Ihr allererstes Souvenir aus Nordkorea?

Bonner: Ich glaube, es war eine Box mit nordkoreanischen Süßigkeiten. Die Verpackung war großartig und hat, wie jede gute Werbung, ihren Inhalt weit in den Schatten gestellt. Das erste Objekt, das mich wirklich beeindruckt hat, war allerdings ein Zuckertütchen von einem Air-Koryo-Flug.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Bonner: Zunächst einmal ist es sehr selten. In den frühen Neunzigern flog Air Koryo vielleicht 100 Touristen im Jahr. Und dann sein Design: etwas frivol, sehr dekorativ. Diese Schönheit hat mich sofort hingerissen. Gerade weil ich in einem Land, das man niemals mit Leichtsinn, mit Verspieltheit assoziieren würde, ein funktionalistisches Design erwartet hatte. Der Staatsapparat war in den gesamten Gestaltungsprozess eingebunden, und am Ende kommt dieses hübsche kleine Ding heraus.

SPIEGEL ONLINE: Was macht nordkoreanisches Grafikdesign so besonders, auch im Vergleich zum Beispiel mit China, wo Sie seit Anfang der Neunzigerjahre leben?

Bonner: Die Grafiken im Buch sind größtenteils prä-digital und so besonders, weil Design in keinem anderen Land zu diesem Zeitpunkt noch so einfach, so naiv ausschaute. Selbst im Vergleich mit China war das Nordkorea der frühen Neunzigerjahre extrem isoliert vom Rest der Welt. Kein Internetzugang, keine ausländischen Designmagazine. Sehr wenige Designer sind jemals außerhalb des Landes gereist, es gab keinerlei Einflüsse durch Kunstbewegungen, keine abstrakte Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Bonner: Erlaubt waren nur die Chosunhua, wie man die traditionelle Kunst nennt, Propaganda oder sozialistischer Realismus. Doch selbst mit diesen Beschränkungen gab es eine große Vielfalt und viel künstlerisches Talent - man suchte Innovation, während man sich jener traditionellen Ausdrucksformen bediente.

SPIEGEL ONLINE: Die in ihrem Buch "Made in North Korea" präsentierten Grafikdesigns sehen aus, als stammten sie aus einer Zeitkapsel. Welche Trends gibt es aktuell?

Bonner: Die Ära der handgezeichneten nordkoreanischen Grafiken ging mit digitalem Design und neuen Drucktechniken zu Ende, die etwa ab 2000 ins Land kamen. Seit den wirtschaftlichen Veränderungen 2002 kommen mehr ausländische Waren nach Pjöngjang. Plötzlich gab es Wettbewerb, und die lokalen Unternehmen wollten leuchtendes Design und homogene Farbpaletten. Heute ist nordkoreanisches Design insbesondere vom grellen Look chinesischer Billigprodukte beeinflusst.

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"Made in North Korea": Alles unter Kontrolle

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SPIEGEL ONLINE: Politik und Propaganda sind fester Bestandteil der visuellen Kommunikation in Nordkorea, sie formen das ästhetische Ergebnis.

Bonner: Richtig, es gibt immer diese beiden Ebenen: Die erste ist der künstlerische Gehalt des jeweiligen Stücks, zum Beispiel der traditionelle Gebrauch von Zeichenlinie und Farbkontrasten zusammen mit diesem formelleren Propagandastil, wie das Ganze präsentiert wird. Und dann kommt die Interpretation, der Kontext - wie die Neujahrsgrußkarten, die verwendet werden, um die Parteilinie im Sinne von "Military First" zu stärken. Für mich gibt es noch eine weitere Ebene, die damit zu tun hat, wie ich mich mit dem Objekt identifiziere: Fast wie ein Tagebuch, sei es ein Ticket, das ich bei den Arirang Games 2002 mit über 100.000 synchron agierenden Darstellern gefunden habe, oder eine Packung Ginseng-Gesichtspuder, das mir von einem Ladeninhaber an der Ostküste angepriesen wurde: Es sollte meine Frau dauerhaft jung ausschauen lassen.

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Bonner, Nick

Made in North Korea: Graphics from Everyday Life in the DPRK

Verlag: Phaidon Press
Seitenzahl: 240
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SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Jahrzehnten haben Sie das Land Hunderte Male besucht und dabei immer wieder Bonbonpapiere und Postkarten, Zigarettenpackungen, aber auch Propagandamaterial mitgenommen. Wie haben Sie das gemacht? Der Student Otto Warmbier hat die Mitnahme eines politischen Plakats letztlich mit dem Leben bezahlt.

Bonner: Auf einem Nordkorea-Trip wird man viele Dinge wie Museumstickets, touristische Souvenirs und andere Waren finden, die alle aus dem Land mitgenommen werden dürfen. Gleichwohl kann es Probleme geben mit bestimmten Objekten, wie Flaschenbanderolen oder einer Packung lokaler Produkte von bescheidener Qualität, die ein schlechtes Licht auf das Land werfen könnten. Wenn man den Touristenführern sein Interesse am Grafikdesign erklärt, zeigen sie aber schnell Verständnis.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst führen seit vielen Jahren mit Ihrer Reiseagentur Touristen ins Land. Unterstützen Sie damit nicht indirekt das Regime?

Bonner: Nordkorea ist sicher kein normales Urlaubsziel. Aber wer das Land verstehen möchte, sollte dort gewesen sein. Natürlich sieht man nur einen Ausschnitt, aber er kann unser Schwarz-Weiß-Denken durchbrechen. Westliche Medien berichten sicherlich ehrlich über das Land, aber aufgrund der Beschränkungen für Journalisten können sie nur einen Teil der Geschichte erzählen. Die Idee, ein Land zu isolieren, das ohnehin eine Strategie der Isolation verfolgt, hat mich immer überrascht, insbesondere, wenn man beobachtet, was eine abgestimmte und andauernde 'sanfte' Einflussnahme wie im Falle Chinas bewirken könnte.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie tatsächlich an eine langsame Verbesserung?

Bonner: Die kulturellen Projekte, an denen wir in den vergangenen 24 Jahren gearbeitet haben, ob Filme oder Sportleraustauschprogramme, zeigen mir jedenfalls, was möglich ist. Das Problem ist, dass all dies in einem sehr kleinen Maße stattfindet. Trotzdem sehe ich Veränderungen bei den Hunderten von Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten. Sie werden offener für die Welt außerhalb ihrer eigenen Grenzen. Das ist ein direkter Effekt zwischenmenschlicher Begegnungen, der ohne Touristen nicht existieren würde.

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