Skorts (eine Mischung aus Rock und Shorts) von Prada, gerade präsentiert in Mailand
Skorts (eine Mischung aus Rock und Shorts) von Prada, gerade präsentiert in Mailand
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Männermode aus Mailand Absolute Beinfreiheit

Männer in kurzen Hosen sind so eine Sache, aber modisch sicher kein Sündenfall mehr. Wenn Mann ein paar Regeln beachtet, kann er sogar die neuesten Modelle von den Mailänder Laufstegen tragen. Ein Stilguide.
Von Philipp Löwe

Die Homeoffice-Zeit nähert sich ihrem Ende. Zeit, sich wieder Gedanken zu machen, was man unterhalb des Kameraausschnitts trägt. Geht es nach den Designern, die gerade in Mailand die kommende Sommermode für Herren vorstellen, dann gehören dazu jede Menge knappe Hosen und Höschen.

Nun sind Männer in kurzen Hosen so eine Sache. Geht gar nicht, sagen konservative Stilverfechter; Karl Lagerfeld etwa befand einmal im »Zeit«-Interview: Kurze Hosen seien »erniedrigend« und nur »etwas für dumme Jungs«. Es ist sicher zu kurz gedacht, die Länge des Hosenbeins als Maßstab für Intelligenz zu nehmen. Mit dem Verweis auf »Jungs« bewies Monsieur aber einmal mehr Traditionsbewusstsein. Früher durften nur Kinder Bein zeigen.

Wie die Bibelfesten unter uns wissen, sind der Mensch und seine nackte Haut schon seit Adam und Eva eine komplizierte Geschichte, weswegen sie laut moralapostolischer Lehre sicherheitshalber immer zu verdecken sei. Denn »die Erfahrung lehrt, dass ohne Beinkleid am meisten gesündigt wird«, wie der Schriftsteller Ludwig Thoma einst erkannte.

Von so viel Aufklärung noch weit entfernt, hatten die Herren am französischen Hofe immer artig Kniestrümpfe zu ihren Kniebundhosen getragen, bis das aufkommende Bürgertum die Aristokraten mitsamt ihren Culottes alt aussehen ließ. Auch lange vor der Französischen Revolution und bevor eine scheinheilige Sexualmoral alles Fleisch aus dem Blick verbannte, trugen Männer gern kurz. Von den Ägyptern über die Maya bis hin zu den Griechen und Römern: Alle wussten die Vorzüge von Schurzen und Shorts zu schätzen.

Vielleicht waren es ja sogar jene Hochkulturen, die Miuccia Prada und Raf Simons beim Entwerfen ihrer neuen Mode vor Augen hatten. Denn eines der auffälligsten Teile ihrer Kollektion ist eine Mischung aus kurzer Hose und Rock, von der Fachpresse längst »Skort« getauft, wegen der englischen Worte »skirt« und »shorts«. Vermutlich haben die ultrakurzen Hosen ihren Ursprung aber in den Achtzigern, als es freizügiger und zugiger zuging.

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Kurz und knapp: Shorts von der Mailänder Fashion Week

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Hierzulande gilt eine lange Hose immer noch als Ausweis von Seriosität. Deswegen dürfte Mann sich in naher Zukunft weder in Skorts ins Büro wagen noch in den knallbunten Exemplaren des Mailänder Labels MSGM oder den pastelligen Beinschmeichlern, die Silvia Fendi gemacht hat. Auch die weiten, fast rockartig geschnittenen Modelle von Ermenegildo Zegna sind sicher nicht jedermanns Geschmack.

Shorts tragen, aber richtig

Doch ob in der Freizeit oder in der Firma, ob in Prada oder C&A – alle Menschen sollen sich wohlfühlen, und das machen einem kurze Hosen im Sommer deutlich leichter. Damit aber der Rest der Menschheit gleichfalls zu seinem Glück kommt, abschließend noch ein paar Bemerkungen zum Tragen einer kurzen Hose.

Prinzipiell gilt auch hier: Context is king! Soll heißen: Am Grill, am Beckenrand, am Strand oder an Bord einer Jacht sind Männerbeine in kurzen Hosen problemlos (das gilt auch für Flipflops). Anders sieht es aus im Boardroom, also dem Vorstandszimmer. Hier sollte sich niemand die Blöße geben. Nicht gern gesehen sind sie auch nach wie vor in vielen Restaurants, Hotels wie dem legendären Plaza in New York oder konservativen Einrichtungen wie dem Princeton Club und dem Harvard Club.

Dann kommt es natürlich auf die Hose an. Stoff, Farbe, Länge und Schnitt – zwar ist heute eigentlich alles erlaubt, aber das sind auch viele Steuersparmodelle der Superreichen . Wer alles nutzt, was da ist, macht sich nicht unbedingt beliebt. Deswegen sollte alles ungetragen bleiben, was aus Sweat oder Jersey besteht. Das fühlt sich jenseits der 25 Grad ohnehin nicht gut an auf der Haut.

Weit macht breit und lang macht kurz

Für die Passform gilt: Schmale Hosen schmeicheln der Körperform, wohingegen weit geschnittene, schlabbernde Modelle ihre Träger optisch verbreitern. Allerdings nicht im positiven Sinne. Die in Mailand gezeigten Hosen mit ausgestellten Beinen – etwa von Zegna oder Fendi – sehen deshalb mehr als akzeptabel aus, weil die Models allesamt Gardemaß haben.

Außerdem sollten die Hosen immer über dem Knie enden. Alles, was darüber hinausragt, staucht optisch und lässt Mann praktisch schrumpfen. Das gilt, nebenbei bemerkt, genauso für Badehosen: Kurz und knapp ist immer besser als knietief und extraweit. Egal ob auf Usedom oder am Strand von Malibu. Je länger die Hosen, desto kleiner auch die Waden. Einigen Männern soll deren Anblick ja wichtig sein, verzwergen Sie sie daher nicht unnötig!

Damit scheiden Cargoshorts, abzippbare Trekkinghosen und Dreiviertelhosen schon einmal aus. Punkt.

Im Zweifel lieber zu kurz

Bleiben eigentlich nur Bermudashorts oder ihnen nachempfundene Modelle wie die aus Mailand. Echte Bermudas enden mindestens einen Zoll, also rund 2,5 Zentimeter, über dem Knie. Sie haben Gürtelschlaufen und sind aus leichter Baumwolle oder einem Wollgemisch. Auf den gleichnamigen Inseln gehören sie zur Geschäftskleidung, entstanden sind sie aber in England, als die Royal Navy luftige Hosen brauchte für den Einsatz ihrer Männer in tropischen Gebieten. Später trugen sie dann auch die Landstreitkräfte, und von den Soldaten schwappte der Brauch über in die Zivilkleidung – so wie übrigens bei vielen Kleidungsstücken, auch den bereits erwähnten Cargohosen.

Viele der in Mailand gezeigten Modelle sind noch um einiges kürzer als Bermudashorts und damit eher Microshorts oder »Short Shorts«. Die entsprechende Statur und hier besonders die Beinmuskulatur vorausgesetzt, können auch die einen Mann kleiden. Sehr viel knapper sollte es dann aber nicht mehr werden. Die Freiheit beginnt zwar da, wo die Socken aufhören (ja, die gehen zu den neuen Hosen, auch in Sandalen). Sie endet aber auch da, wo die der Mitmenschen beginnt. Und dazu gehört für viele, vom Anblick von allzu viel Haut verschont zu bleiben.