Frank Patalong

Alter! – Die Midlife-Kolumne Man muss auch gönnen können

Unser Umgang miteinander, findet unser Kolumnist Frank Patalong, ist verbesserungsfähig. Das fängt beim Trinkgeld an – denn da geht es um viel mehr als um Geld.
Kolumnist Frank Patalong

Kolumnist Frank Patalong

Foto: Victoria Jung/ DER SPIEGEL

Die Frau ist um die 50, sie atmet nicht nur wegen des warmen Wetters schwer. Die Atemmaske nimmt ihr die Luft, wie sie da zwischen Küche, Theke und rund einem Dutzend Tischen pendelt: immer schnell, immer freundlich. Teller, Gläser, Tabletts, Rechnungen.

Für einen Tisch rennt sie mitunter zehnmal und mehr: Sie bringt die Karten, nimmt die Getränkebestellung auf, danach die Essensbestellung. Sie bringt passendes Besteck, dann die Vorspeise, räumt alles wieder ab. Bringt die Hauptspeise, räumt auch die ab: "Darf es noch etwas zu trinken sein?". Wenn ja, bringt sie Getränke, einmal, vielleicht sogar zweimal. "Noch einen Kaffee vielleicht?", schließlich die Rechnung. 

Wir sitzen am Rand der Außengastronomie, jeder Weg sind satt 30 Meter. Da alles ein Hin und Her ist, macht das zehnmal 60, wenn nicht mehr. Im Schnitt macht sie vielleicht drei-, vierhundert Meter pro Tisch und Mahlzeit, zwölf Tische hat sie. Wie oft an diesem Tag? Fünfmal, sechsmal pro Tisch? Der Laden brummt, die Kellnerin kassiert ihr Kilometergeld in Mindestlohnhöhe.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Publikum und Bedienung sind ungefähr im gleichen Alter, wir sind in einer Weingaststätte an der Mosel. Neben uns sitzt ein Pärchen, offenbar sehr gut situiert, er mag Ende 50 sein, sie etwas jünger. Alles an seinem Körper ist Marke, im Fahrradständer steht kein Billig-Pedelec, sondern ein edles Stück Hightech in der Preisklasse eines kleinen Gebrauchtwagens. Mit Strom bewältigt auch der untrainierte Gutsituierte locker 50 Kilometer am Tag. Die erbrachte Leistung macht stolz, Wein und gutes Essen machen zufrieden. Alles ist gut.  

Ich fürchte, dass meine Frau gleich etwas sagt

Sie plaudern in aufgeräumter Stimmung, Wortfetzen wehen herüber. 

"Du", sagt die Frau, "bist schon eine Seele von Mensch."

Die Seele von Mensch sitzt genüsslich in ihren Stuhl gegossen, das Gesicht leicht zur Sonne erhoben.

"Ihre Rechnung", sagt die Kellnerin, die plötzlich dort steht, "war denn alles zu Ihrer Zufriedenheit?"

"Ja, sehr lecker, sehr schön!", sagt die Frau, und auch ihr Mann lächelt huldvoll.

"Wie viel ist es denn?", fragt er freundlich.

"56,40", sagt die Kellnerin.

"Machen Sie 57", sagt der Mann.

Die Kellnerin fragt nach: "57?"

"Genau."

Ich sehe, wie meine Frau versteinert und fürchte einen Augenblick, dass sie etwas sagt. 

Mr. Northface-Jack-Wolfskin-Mammut-Wasauchimmer steht umständlich auf und kündigt an, sich vor Abfahrt noch mal die Nase zu pudern. Seine Frau schleppt derweil "das Equipment" zu den Fahrzeugen.

Meine Frau beobachtet den Abgang und sagt: "Und jetzt geht er pinkeln und legt 20 Cent auf den Teller."

Freigiebig sein ist kein Teil unserer Kultur

Ich bezweifle das sehr: Wer nie gelernt hat, die Arbeit anderer Menschen zu erkennen und zu würdigen, der lässt auch der "Klofrau" nichts auf dem Teller, wenn er unbeobachtet ist, nicht einmal 20 Cent. Wissen Sie, dass wir Deutsche dafür berüchtigt sind?

Das ist so. Wir sind nicht höflich oder freundlich, schon gar nicht freigiebig, es ist kein Teil unserer Kultur. Die meisten von uns wachsen damit nicht auf, wir müssen es lernen. Da klemmt was in uns. Ich schließe mich da selbst ein und habe mich lange damit schwergetan. Trinkgelder zu geben bedeutet für viele "Aufrunden", und sehr viele von uns glauben, damit sei der nächste volle Euro gemeint.

Aber es geht mir nicht nur um Trinkgelder: Es geht um eine generelle Haltung, die nicht schön ist. Die man sich aber abtrainieren kann.  

"Man muss auch gönne könne" sagt man in Köln, es ist eines der "kölschen zehn Gebote", vor allem aber ein frommer Wunsch: Wir sind nicht gut darin, anderen etwas zu gönnen. "Geiz ist geil" heißt es ja, und wenn es um Preise bei vergleichbarer Qualität geht, bin ich dabei. Wenn es aber um Menschen geht, ist Geiz ungemein peinlich, insbesondere bei - sagen wir mal – hierarchischen Interaktionen.

Trinkgeld ist eine Anerkennung, mithin ein Achtungserweis. Der deutschen Seele liegt die stets aufwärts orientierte Ehrfurcht leider näher als die Achtung, die prinzipiell in alle Richtungen funktionieren sollte. Wir grüßen den Chef meist freundlicher als die Putzfrau. Sie hat das nicht verdient und - mit Verlaub - er schon gar nicht.

Ich habe lang gebraucht, das zu verinnerlichen und mich weitgehend davon zu lösen. Auch mein Vater hätte früher 56,40 auf 57 aufgerundet.

Was daran schlecht ist? Wer einer Kellnerin das Trinkgeld nicht gönnt, gönnt ihr damit auch die Freude darüber nicht: Freundlich, zugewandt, offen, kommunikativ, mit jedem auf Augenhöhe zu sein bedeutet aber, dem Tag den Ärger zu nehmen. Wenn das jeder macht, haben wir alle weniger davon. Also Ärger. Man kann das mit Trinkgeld tun oder dadurch, dass man Leute anspricht, statt stumm wie ein Stockfisch irgendwo zu sitzen (beim Arzt, in der Straßenbahn, auf der Parkbank). 

Manchmal reicht schon ein kurzes freundliches Nicken: Als meine Frau - sie ist Irin - vor 34 Jahren nach Deutschland zog, brauchte sie mehr als zwei Jahre, es sich abzugewöhnen, jeden zu grüßen, den sie traf. Die Reaktionen - besser: meist die absoluten Nicht-Reaktionen - haben sie anfänglich irritiert, traurig gemacht, deprimiert. Sie hat darunter gelitten, Deutschland als sozial kalt empfunden. 

Ich kann das verstehen und nachfühlen. Man muss unsere ungemütliche Mentalität aber auch nicht akzeptieren: Man kann sie stückchenweise ändern. Inzwischen grüßen wir auf der Straße jeden, der uns in die Augen sieht, nicht wegschaut und dabei nicht unfreundlich aussieht. Wissen Sie was? Manche freuen sich darüber.

Probieren Sie so was doch mal aus. Es verändert die Welt.

P.S.: 56,40 macht mindestens 60. Und ein Lächeln.