Designerin Marina Hoermanseder Raus aus dem Korsett

Korsetts aus Leder, Röcke wie Prothesen: Marina Hoermanseder wurde durch Orthopädie-Mode bekannt. Damit kommt sie zwar ins Museum, Geld verdient sie aber nicht. Deswegen macht die 29-Jährige jetzt auch graue Pullis. Und Accessoires für den Sexshop.

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"Jetzt gibt es kein Zurück mehr", sagt Marina Hoermanseder und streicht über das Tattoo auf ihrem linken Unterarm. Dort steht seit wenigen Wochen ihr Firmenlogo: "mh". Es gehe inzwischen nicht mehr bloß darum, irgendwie die nächste Fashion Week zu überstehen, sagt die Wienerin. Sondern darum, ihre Marke zu etablieren und endlich Geld zu verdienen. "Die Maschinerie läuft."

In Betrieb ging sie im November 2013. Hoermanseder hatte gerade ihr Studium an der Berliner Modeschule Esmod beendet, und ihre Abschlusskollektion kam so gut an, dass sie die Entwürfe während der Berliner Fashion Week zeigen durfte.

Die waren kein bisschen alltagstauglich, dafür umso auffälliger: Als Inspiration dienten Hoermanseder medizinische Apparate, orthopädische Korsetts und Korsagen. Viel Leder und Metall, eine Mischung aus Gruselkabinett und Fetisch. Kurz: Etwas, das man so im Berliner Modezelt noch nicht gesehen hatte.

Beim Aufbau ihres Labels haben auch die großen Namen geholfen. Da ist zunächst Alexander McQueen: In dem legendären Modehaus hat Hoermanseder ein viermonatiges Praktikum absolviert. Noch wichtiger ist allerdings der Name Lady Gaga. Es gibt keinen Bericht über Hoermanseder, in dem nicht erwähnt wird, dass bei ihr eine Bestellung vom Stylisten der weltbekannten Sängerin einging.

Es gibt zwar kein einziges Foto von Lady Gaga in den Outfits von Hoermanseder. Aber die Geschichte "Weltstar bestellt bei Nachwuchsdesignerin in Berlin" war zu gut, um sie nicht zu erzählen. "Ein wahnsinniger Push", so nennt es Hoermanseder.

Aufmerksamkeit zahlt keine Miete

Die Aufmerksamkeit hatte Hoermanseder. Leben konnte sie davon nicht. Im New Yorker Museum des Fashion Institute of Technology steht zum Beispiel ein Entwurf aus ihrer ersten Kollektion. Das ist gut fürs Image. Aber das Kleid musste Hoermanseder dem Museum schenken. Umso härter arbeitet sie jetzt an der Balance zwischen Kunst und Kommerz.

"Ich habe Wirtschaft studiert, natürlich will ich schwarze Zahlen schreiben", sagt Hoermanseder. Doch noch ist es nicht so weit. Das Wirtschaftsstudium in Wien und auf Hawaii geht auf einen Deal mit ihrem Vater zurück: Erst solle sie "was Vernünftiges" machen, dann könne sie sich der Mode widmen.

Die 17 Looks ihrer ersten Kollektion nach dem Studium hat Hoermanseder noch in ihrer Berliner Wohnung mit Hilfe von Freunden zusammengeschustert. In der aktuellen Kollektion gibt es 25 Looks, Hoermanseder hat sie mit 16 Mitarbeitern in ihrem Atelier in Berlin-Mitte fertiggestellt. In denselben Räumen arbeitete das Designer-Duo Achtland, bevor es im Sommer 2014 nach London zog.

Es droht die Beliebigkeit

Hoermanseder ist inzwischen nicht mehr bloß die Korsett-Designerin. Sie hat mit Nike zusammengearbeitet, mit einem Wodka-Hersteller, sie entwirft die Uniformen für Mitarbeiter der Fluglinie Austrian Airlines und war kürzlich in einem Video des deutschen YouTube-Stars daaruum zu sehen.

Auch ihre Kollektionen haben sich geändert. Mit einem bestimmten Ziel: "Die Leute sollen Marina Hoermanseder nicht nur anschauen, sondern auch anziehen wollen", sagt die Designerin. Sie will beweisen, dass sie nicht nur Kunst, sondern auch Mode kann. Deshalb gibt es zusätzlich zu den auffälligen Show-Stücken nun immer mehr tragbare Modelle. Graue Jerseypullis zum Beispiel oder Seidenblusen.

Hat sie bei all den Kooperationen keine Sorge, beliebig zu werden? Oder langweilig?

Nein, sagt Hoermanseder. Selbst bei Pullis und Blusen achtet sie darauf, ihre Markenzeichen unterzubringen: die Lederschnalle und ihr Logo. "Schöne Blusen verkauft auch Zara", sagt sie. "Also muss ich den Leuten einen Grund geben, mehr Geld für eine Hoermanseder-Bluse auszugeben."

Inzwischen weiß sie, dass Omnipräsenz schaden kann - und leistet sich den Luxus, Nein zu sagen. Wenn Magazine oder Prominente sich ihre Outfits ausleihen wollen (meist umsonst) müssen sie nun den Umweg über eine PR-Agentur gehen. Und dort wird vieles abgelehnt.

"Es muss schwer sein, ein Hoermanseder-Teil zu bekommen", sagt sie selbst. Sie will auch nicht jeden Prominenten ausstatten, "wir nehmen nur noch die Top-Top-Leute". Neulich trug die Musikerin FKA Twigs bei US-Talker Jimmy Fallon einen Entwurf von Hoermanseder, das geht in Ordnung. Bei Conchita Wurst hat die Designerin kurz überlegt - doch die Reichweite, die sie mitbringt, überzeugte.

Gibt es jemanden, den sie besonders gerne einkleiden würde? Hoermanseder überlegt kurz, dann nennt sie zwei Frauen: Michelle Obama und Herzogin Kate. Und zwar aus demselben Grund. "Was die beiden tragen, ist weltweit ausverkauft", sagt sie. "Das ist ein messbarer Wert für Erfolg."



insgesamt 5 Beiträge
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steffen.ganzmann 10.07.2015
1.
So ziemlich alles in ähnlicher Form trug "Emma Peel" aus der Serie "Mit Schirm, Charme und Melone" - allerdings schon in der Mitte der 1960er ...
Holzbeinschnitzer 10.07.2015
2.
.... und in der Orthopädietechnik sieht es Gott sei dank seit den 60er Jahren auch nicht mehr so aus.
Abel Frühstück 10.07.2015
3. @Holzbeinschnitzer
".... und in der Orthopädietechnik sieht es Gott sei dank seit den 60er Jahren auch nicht mehr so aus." Wobei es auch dafür einen (kleinen) Markt gibt. Ich finde es z.B. schade, dass Hilfsmittel immer weniger aussehen wie Hilfsmittel oder meditisniche Geräte, dafür mehr und mehr wie bunte, glitzernde Kinderspielzeuge. Der erste Insulinpen z.B. war schlicht, simpel, wunderschön verchromt und sah aus wie ein guter Füllfederhalter. Heute sind das auffällige, quietschbunte Plastikbomber.
steffen.ganzmann 10.07.2015
4. Ich gestehe, ...
... ich war einer der Ersten, der ein farbiges "Littmann Classic II"-Stethoskop kaufte. Es gab sie - ausser im üblichen Schwarz - in Blaumetallic, Grau, Knallrot und Weinrot, das ich dann auch kaufte. Unser Professor foppte mich deshalb mit: "Ah, ein wirklich schönes Damenmodell" ...
gemihaus 11.07.2015
5. olala,
Orthopäd.Technik als Modekunst. Demnächst kommen andre, sujetfremde Industriezweige wie die von Auto, Verpackung etc. auch noch auf eine modische Idee weiterer Fremdverwertung, sofern der Markt und Konsument mitspielt. Toll!
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