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Messners Felsenhaus: (K)eine hohle Idee

Foto: Rene Riller

Felsenhaus der Familie Messner Höhlenbewohner

Lange strebte Reinhold Messner in extreme Höhen. Sein Felsenhaus in Südtirol versteckt sich dagegen in der Tiefe des Berges. Den "unmöglichen" Plan umzusetzen, war Aufgabe des Architekten Werner Tscholl.
Von Franziska Horn

"In den Felsen hineinzubauen, das war schon vor 40 Jahren so eine Spinnerei von mir", sagt Reinhold Messner, der im September 75 wird. "Warum nicht einfach einen Hohlraum in den Stein graben und Fensterlöcher ausschneiden? So war die ursprüngliche Idee."

In Höhlen zu leben und diese weiter auszubauen - ein Gedanke, alt wie die Menschheit: Man denke an die Höhlensiedlungen in Matera. "Und an Pakistan, an Nepal und die Höhlen der Nomaden in der Wüste Wadi Rum in Jordanien. Sie bleiben immer wohnlich kühl. Das ist wohl die sauberste Art, zu bauen. Und die Landschaft wird nicht verstellt", sagt Messner, der jahrelang für die Grünen kandidierte.

Als Schlossherr von Burg Juval und Erfinder der inzwischen sechs Messner Mountain Museen (MMM) beschäftigt sich der Südtiroler Spitzenbergsteiger seit Jahrzehnten intensiv mit Architektur - auch auf seinen zahlreichen Reisen in ferne Länder und Gebirge der Erde.

Als Messner mit seiner Felsenhaus-Idee zu Architekt Werner Tscholl kam, meinte der erstmal: "Unmöglich!" Tscholl erklärt: "Aber da dieses Wort für Reinhold Messner nicht existiert, habe ich es auch aus meinem Wortschatz entfernt." Man muss wissen: Werner Tscholl ist jener Baukünstler und Streitgenosse, mit dem der Bergsteiger 2006 das zentrale MMM Firmian realisierte: den schwierigen Umbau von Schloss Sigmundskron bei Bozen.

Tscholl, Jahrgang 1955, stammt aus dem Vinschgau und machte sich mit sensiblen Revitalisierungen alter Bausubstanz von Klöstern und Burgen ebenso einen Namen wie mit kühnen Neubauten wie für den Verlag Mondadori. Errichtet aus Glas, Stahl und Beton, lässt letzterer eine gestalterische Verwandtschaft zu Tscholls Privathaus erahnen, das seit zwei Jahren wie ein rundum verglastes Sandwich zehn Kilometer von Juval entfernt über den Vinschger Apfelgärten thront.

Ein Jahr plante Tscholl das Felsenhaus, zwei weitere Jahre Bauzeit folgten - fertig war die Fallstudie: "Ist es möglich, ohne Kubatur zu bauen, ohne etwas in die Landschaft zu stellen?", formuliert Messner, der einst Vermessungskunde in Padua studierte. "Aber aus der anfänglichen Idee des Aushöhlens wurde ein Einschneiden und Draufsetzen." Am exponierten Standort auf rund 900 Metern Höhe, unterhalb seiner denkmalgeschützten Burg Juval, wurde eine blockförmige Grube in den Gneis des Bergrückens gehauen, um das Haus darin zu versenken.

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Messners Felsenhaus: (K)eine hohle Idee

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Ein modelliertes Betondach schließt bündig mit der umgebenden Gesteinsoberfläche ab. Zur Tageslichtlenkung und für die Ausblicke durchbrechen drei Torbögen den Stein Richtung Süden, einer geht nach Norden. Deren Ausrichtung ist durchdacht: So soll im Winter, wenn die Sonne tiefer steht und die Strahlen den richtigen Einfallswinkel haben, eine maximale Zahl an Sonnenstunden für die Innenräume generiert werden. Im Sommer dagegen will man mit dem Öffnen von Glasfenstern und Türen einen Düseneffekt bewirken, der das Haus kühlt. Hat der Plan hingehauen? "Im Winter ist es überraschend warm. Es im Sommer zu kühlen, hat sich als die größere Herausforderung rausgestellt", sagt Messner.

Bezogen wurde das Haus vor knapp zwei Jahren. Es gehört Sohn Simon, aktuell wohnt Tochter Magdalena mit Familie darin. Simon ist auch Besitzer des Weinhofes, auf dessen Grund das Felsenhaus liegt. Tscholl erklärt: "Es wurde an einer für die Landwirtschaft niemals nutzbaren Stelle gebaut. Dieser Gedanke liegt auch vielen Hofgründungen in der Geschichte zugrunde, denn der Bauer hat stets einen zwar sicheren, aber nicht den besten Landwirtschaftsgrund für die Erstellung der Gebäude verwendet." Um Ressourcen zu schonen, wurde das mit dem Felsaushub entnommene Gestein zermahlen und für den Sichtbeton verwendet.

Ausklappbarer Balkon über 100 Meter Steilwand

Eine langgezogene Glasfront öffnet den tiefergelegten Bau in Richtung Tal und zu den drei loggiaartigen Balkonen hin, von denen einer zusätzlich ausklappbar ist. Darunter fällt die Steilwand 100 Meter ab. "Die Ausblicke gehen völlig frei ins Etschtal, in die Natur und auf die Berge", sagt Messner. Auch zur Bergseite hin trennen Glaswände den Wohnraum ab und zeigen das beinah lebendig wirkende Gestein mit seinen vielfarbigen Schichten und Maserungen, feinkörniger Paragneis, zum Teil Augengneis in Rötlich-Grau. Wie ein natürliches Kunstwerk wirkt der Stein. "Das ist ein Blick auf die ganze Erdgeschichte. Darum dürfen innen auch keine Bilder hängen", findet Messner. Der Stein ist hier quasi alles in einem: Bausubstanz, Mörtel und Dekor.

Das Innere des Felsenhauses zeigt sich minimalistisch-modern. Hier wurde die gesamte Betonstruktur mit einer strukturierten Holzschalung gegossen und farblich an die bestehenden Felswände angepasst. Die Ausbauten, Maßmöbel und Böden bestehen aus Eiche natur geölt. "Von außen nimmt ein Hubschrauber das Felsenhaus gar nicht wahr, weil es sich seiner Umgebung anpasst. Und der Steinbrech wächst auch wieder oben auf der Dachabdeckung aus Beton", erklärt Messner.

In den Felsen zu bauen, das hat Messner schon zuvor in Sulden geübt, mit dem "MMM Ortles" und Architekt Arnold Gapp. Auch für Zaha Hadids "MMM Corones" auf dem Kronplatz lieferte Messner die Grundidee. Dabei entspricht das unterirdische Bauen ja ebenso einem Eingriff in die Natur, möchte man dagegenhalten. "Stimmt schon!", sagt Messner. "Wenn der Mensch eingreift, entsteht aus der Veränderung aber immer auch Kultur." Sein Architekt Tscholl sagt: "Natürlich ist jeder Bau ein Eingriff in die Natur. Aber es gibt Situationen, wie hier beim Felsenhaus, wo es besser ist, sich zu 'verstecken', um nicht eine großartige gewachsene Landschaft zu kompromittieren."

Im Video: Reinhold Messner - Ein Leben zwischen Höhen und Tiefen

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