Scheidende First Lady Es war schön, Michelle

Mit Michelle Obama tritt eine besondere First Lady ab, klug, authentisch, beliebt. Sie setzte Maßstäbe - mit ihren Reden, ihrem Charisma, ihrem Stil.

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"When they go low, we go high!" Mit diesem Satz aus ihrer furiosen Wahlkampfrede für Hillary Clinton und vor allem gegen Donald Trump unterstrich Michelle Obama, was ihre leibliche und ihre politische Familie vom künftigen US-Präsidenten und seiner Truppe unterscheidet: Wir haben Anstand und Klasse. Diese Erhabenheit dürfte sich auch bei der Inauguration zeigen, wenn die scheidende First Lady dabei zusehen muss, wie Trump und seine dritte Ehefrau Melania ihrer Familie ins Weiße Haus nachfolgen werden.

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Wahrscheinlich wird sie gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn sie vor den Stufen des Washingtoner Kapitols zur Amtsübergabe auf den Mann trifft, dessen Anhänger sie noch vor kurzem als "Affe in Stöckelschuhen" beschimpft hatten. Denn sie weiß: Ihre Stöckelschuhe hinterlassen große Fußstapfen. Im Gegensatz zum umstrittenen Unternehmer-Präsidenten hat sie Heimspiel in der Hauptstadt.

In den acht Jahren Präsidentschaft ihres Mannes ist sie über das "Gefängnis mit eigenem Küchenchef" hinausgewachsen, als das sie das Weiße Haus zu Beginn laut eigener Aussage empfand. Sie wurde selbst zur Küchenchefin - für das Land und vor allem für dessen übergewichtigen Nachwuchs. Sie ließ nichts unversucht, um Amerikas Jugend einen gesunden Lebensstil vorzuleben. Gefeierte Fernsehauftritte der "Mom in Chief" taten ein Übriges.

Keine Frage, Michelle Obama hat die Rolle der First Lady geprägt. In Umfragen war sie stets beliebter als ihr Mann. Obwohl der selbst mit sehr viel mehr als der Mindestportion Charisma gesegnet ist, die so ein Posten normalerweise verlangt - und obendrein ein gutaussehender Friedensnobelpreisträger. Es gibt nicht wenige, die sich die Obamas zurück ins Weiße Haus wünschen, mit Michelle Obama auf dem Chefsessel. Die künftige Ex-FLOTUS als zukünftige POTUS sozusagen. Sie selbst hat Ambitionen zurückgewiesen. Barack Obama sagt: "Michelle fehlen die Geduld und das Verlangen."

Mit ihrer liebenswürdigen, offenen Art gewann Michelle Obama die Herzen der US-Amerikaner. Ihre Garderobe - und das Talent ihrer Stylistin Meredith Koop - bescherten ihr die Zuneigung der Modebranche. Dreimal zierte sie das Titelblatt der US-Ausgabe der "Vogue", ihr Styling zu offiziellen Auftritten sorgte sogar im Ausland regelmäßig für positive Schlagzeilen. Dass sie manche Outfits mehrmals trug, wurde als Bodenständigkeit gewertet und nicht als Nachlässigkeit.

Zusätzliche Sympathiepunkte brachte Obama ihr Mix aus Kleidung vom Couturier und von der Stange. Wer ihren Stil nachahmen wollte, musste nicht unbedingt mehrere tausend Dollar ausgeben. 93,34 reichten mitunter. Soviel kostete das rotweiß-karierte Asos-Kleid, in dem sie im August 2012 aus der Air Force One stieg. Die dreiteilige Kombination aus Bleistiftrock, Cardigan und Top , mit der sie bei Talkmaster Jay Leno glänzte, gab es für knapp 340 Dollar. Beide Angebote waren innerhalb kurzer Zeit vergriffen.

Michelle, die Nahbare

Das politische Signal: Michelle, die Nahbare, das Mittelklasse-Mädchen aus Chicago. Die Harvard-Absolventin wirkte in diesen Outfits für die meisten Beobachter nicht anbiedernd, sondern authentisch. Eine Aufsteigerin. Die 53-Jährige ist nämlich keinesfalls mit dem goldenen Löffel im Mund aufgewachsen wie manche ihrer Vorgängerinnen, sondern in einer durchschnittlichen Wohnung. Von den allermeisten der bislang insgesamt 46 Präsidentengattinnen unterscheidet sie außerdem ihr postgraduales Studium. Einen zweiten akademischen Grad haben ansonsten nur Pat Nixon, Laura Bush und Hillary Clinton.

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Stilkunde mit Michelle Obama: Sieht die wieder gut aus!

Bei allem Lob aus Fachkreisen und Wahlkreisen lag Obama in der Kleiderfrage natürlich auch mal daneben. Das schwarz-rote Dress von Narciso Rodriguez, in dem sie sich am Tag nach dem ersten Wahlsieg ihres Mannes der Welt zeigte, war zwar ein Hingucker, aber nicht, weil es so schön war, sondern eben sehr schwarz und rot. Immerhin war es von einem New Yorker Nachwuchsdesigner. So hatten die Kritiker wenigstens etwas zu loben.

Denn der Griff in den Kleiderschrank war bei Michelle Obama immer auch Wirtschaftsförderung. Der Wert einer Modemarke stieg im Schnitt um 14 Millionen Dollar, nachdem Obama in einem Teil des Hauses aufgetreten war, berechnete der New Yorker Ökonom David Yermack 2010. Meist fiel die Wahl auf Designer aus den USA. Newcomern wie Jason Wu, der das Kleid für den ersten Inauguration-Ball schneiderte, verhalf sie gar zum Durchbruch.

Für ihren letzten Auftritt als First Lady konnte Michelle Obama sicher wieder zwischen den Angeboten zahlreicher Designer wählen. Ihre Nachfolgerin Melania Trump hat es da schon schwerer. Viele namhafte Designer weigern sich, sie einzukleiden. Dabei wäre sie als ehemaliges Model prädestiniert. Doch das Image ihres Mannes ist zu schlecht, seine Aussagen zu krass. Dass die 46-Jährige mit ihren seltenen Wortmeldungen ebenfalls eher für Entsetzen sorgt, hat die Sache nicht besser gemacht. Die einzige Rede, mit der sie Aufsehen erregte war, passagenweise abgeschrieben - bei Michelle Obama.



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