Mode für Kleinwüchsige Ein kleiner Schnitt für die Menschheit

Die Berliner Designerin Sema Gedik entwirft Mode für kleinwüchsige Menschen. Damit protestiert sie auch gegen die Modeindustrie, die fast ausschließlich für Standardmaße produziert - und erschließt einen Millionenmarkt.

Anna Spindelndreier

Von Robert Ackermann


Wenn Sema Gedik die Rückenpartie von Mick mit Nadeln bearbeiten darf, ist sie in ihrem Element. Sie kniet vor einem Spiegel in der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft und steckt ein Hemd von hinten ab. Die Rückenpartie soll enger werden. Ihr Model ist der 23-jährige Mick. Er misst 1,30 Meter. Er ist einer von rund 100.000 Kleinwüchsigen in Deutschland, und wie fast alle hat er Schwierigkeiten, passende Kleidung zu finden.

"Mir geht es darum, dass ich mich mit meinen Kunden austausche: Welche Produkte fehlen? Welche Klamotten müssen geschneidert werden? Und wie begegnen wir uns auf Augenhöhe?", sagt Gedik. "Auf Augenhöhe", das ist auch der Name ihres Modelabels. Dutzende Kleidungsstücke in Sondergrößen hat sie schon entworfen. Sie ist damit eine der ersten Designerinnen weltweit, die sich dieses Themas annimmt. Große Marken produzieren häufig nur Standardgrößen, für Kleinwüchsige ist das ein echter Frustfaktor. Und auch die Kinderabteilung ist für das Klamottenshopping keine Lösung.

"Als Frau kann ich da nicht hin", sagt Model Janina, die heute ebenfalls zur Anprobe da ist, "da stimmen obenrum die Maße nicht, weil es keinen zusätzlichen Platz für die Brust gibt. Das passt mir einfach nicht." Bei den Erwachsenengrößen ist das Einkaufen erst recht eine Tortur: "Die meisten Verkäufer haben auch keine Ahnung von unserem Körperbau", sagt Mick, "die schicken einen dann zum Schneider. Das ist teuer und frustrierend."

Das Problem: Bei den meisten Kleinwuchsformen sind auch die Proportionen des Körpers anders als bei großen Menschen. Die häufigste Form ist die Achondroplasie. Der Po ist bei Betroffenen etwas ausladender, Arme und Beine kürzer als bei Menschen ohne Kleinwuchs. Wenn der Pulli an den Schultern passt, ist er an den Armen oft zu lang. Daran will Gedik etwas ändern. Sie hat eine eigene Konfektionsgrößentabelle für Kleinwüchsige entwickelt und dafür Hunderte Menschen vermessen - von 80 bis 140 Zentimeter Körpergröße.

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Mode für Kleinwüchsige: "Als Frau kann ich da nicht hin"

"Der Körper ist bei kleinwüchsigen Menschen insgesamt runder und verkürzt. Deswegen platziere ich Falten, Abnäher und die Schnittführung anders", sagt Gedik. "Ich musste auch erst einmal herausfinden, welche Schnitte und Styles wirklich gut aussehen. Low-Waist-Hosen und Oversize-Kleidung, aber auch Volant-Blusen oder wadenlange Mäntel sind zum Beispiel eher unvorteilhaft."

In Zukunft will sie ihre Models systematisch scannen und mit 3D-Avataren arbeiten. Spezielle Schuhe für kleine Menschen sind in Planung, und eine eigene Schneiderpuppe hat Gedik auch schon im Atelier.

Angefangen hat alles mit einem Hochschulprojekt und ihrer Cousine Funda, die ebenfalls kleinwüchsig ist. "Sie war meine Inspiration", sagt die Designerin. Inzwischen hat sie ihre Mode sogar schon auf der Berliner Fashion Week präsentiert. Die Modenschau war auch ein Protest. "Ich wollte der Modeindustrie zeigen: Ihr habt hier etwas komplett verpasst! Schaut euch diese wunderschönen Menschen an, die sich hier professionell präsentieren. Denen geben wir hier eine Stimme."

Der Aufruf zu mehr Diversität in der Mode zeigt Wirkung: Der Modekonzern Tommy Hilfiger unterstützt Gediks Arbeit mittlerweile finanziell und durch Coachings. Zwei ehemalige Kommilitoninnen helfen bei der Vermarktung. Verkauft wird die Kollektion bisher zwar nur über eine Website und auf Bestellung. Aber Gedik glaubt fest daran, dass Auf Augenhöhe noch größer werden kann. Ihr Ziel: gelebte Inklusion bei Haute Couture und Mainstreammode: "Jedem kann es passieren, dass er oder sie morgen eine Behinderung hat. Und mein Traum ist es, allen Menschen zu ermöglichen, dass sie 'normal' sein können, auch außerhalb des Standards."

Auch große Labels starten mittlerweile erste Versuche mit sogenannter adaptive fashion, Mode für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Das britische Label Asos hat beispielsweise mit der paralympischen Athletin Chloe Ball-Hopkins einen Rollstuhl-freundlichen Overall auf den Markt gebracht. Der amerikanische Modehändler Zappos hat eine ganze Linie leicht zu öffnender Klamotten mit im Angebot. Und in Deutschland verkauft das Label Rollimoden Kleidungsstücke, die speziell auf die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern ausgelegt sind: Die Designer vermeiden unter anderem Taschen, Nieten und Lederetiketten, die zu Druckstellen führen können.

Der potenzielle Markt für solche Produkte ist laut der amerikanischen Unternehmensberatung Coherent Market Insights Hunderte Millionen schwer. Auf Augenhöhe könnte also erst der Anfang eines großen Trends sein.

Passgenaue Mode mit Stil statt Micky-Maus- und Batman-Pullis. Für Mick und Janina sind die Entwürfe von Gedik schon jetzt ein Glücksfall: "Das gibt mir viel mehr Selbstbewusstsein und eine bessere Selbstwahrnehmung", sagt Janina. Sie trägt heute eine dunkelgrüne Culottehose aus Semas neuer Kollektion. Dazu ein gestreiftes Top.

Gedik ist sichtlich stolz. Gerade hat sie ihre Kollektion auf den ersten "Diversity Fashion Days" in Hamburg gezeigt. Sie ist überzeugt: Größe, Gewicht, Hautfarbe - das alles spielt in der Mode künftig keine Rolle mehr.



insgesamt 9 Beiträge
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remedias.cortes 28.10.2019
1. Cool,
sehr viele Menschen haben Probleme mit der Standardkleidung: Zu groß, zu klein, zu breit, zu dünn, zu großbusig, zu breithüftig und...und...und.... Ich hoffe, dass bald der 3D- Scanner kommt, in den man sich einscannt und jedes Modell passgenau ausdrucken kann. Fast wie in früheren Zeiten beim Damenschneider. oder Herrenschneider. Und das gleiche für Schuhe!
surgeon84 28.10.2019
2. zu groß
Ich bin 1.60m und damit zu groß für diese Mode. Denn habe ich auch ständig Prpbleme beim Einkauf, der mir überhaupt keinen Spaß macht und den ich deshalb stark einschränke. 1-2 Kleidungsstücke pro Jahr! Die Branche könnte ihren Absatz auch schon dadurch steigern wenn sie auch an kleinere Menschen denken würde und nicht nur an das sog. Mittelmaß!
dasfred 28.10.2019
3. Super Idee
Statt jeder Woche tausende neue Klamotten in Standartgrößen auf den Markt zu werfen, endlich modischen Kleidung in Sondergrößen zu entwickeln bringt schon einen echten Mehrwert. Eine Bekannte, sehr klein und schlank, findet fast nur noch bei Jungenkleidung halbwegs passende Garderobe. In jeder größeren Stadt sollte ein Klamottenladen zumindest eine Zusammenarbeit anbieten.
Stereo_MCs 28.10.2019
4.
Wie bitte muss ich den Umstand noch formulieren, dass ich die konkrete Überschrift über diesem Artikel kreativ und grandios finde, dass es endlich veröffentlicht wird? Ich verstoße weder gegen: - fairer und sachlicher Ton - hat mit dem Thema zu tun usw. usw.
noch_ein_forenposter 28.10.2019
5.
Ich bin knapp 1,50m, also innerhalb der (deutschen) Definition von Kleinwüchsigkeit. Die meisten Kleidungsstücke sind kein Problem (Hemden, T-Shirts, Unterwäsche, Hosen (müssen halt immer gekürzt werden), ...), aber bei Schuhen fängt es schon an, nervig zu werden, abgesehen von Turnschuhen natürlich. Richtig blöd wird es bei Anzügen, aber die brauche ich nur alle 10 Jahre im Schnitt. Jacken sind auch schwierig, da muss man Glück haben. Bis jetzt habe ich aber immer etwas gefunden. In dem Größenbereich geht es auch als Mann noch einigermaßen gut, mittlerweile vor allem dank Internet. Wenn man aber noch deutlich kleiner ist, wird das bestimmt übel teuer. Leider konzentriert sich die Mode nur massiv auf die Übergrößen. OK, der Markt für Kleinwüchsige ist eben - klein. Zum Glück interessiert mich die Mode an sich nicht. Ich ziehe an, was mir gefällt, und das hält auch in der Regel lange.
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