Moderne Badkeramik Das schlaue Örtchen

Auf dem Weg, das Badezimmer zum Mini-Spa umzurüsten, haben Badhersteller nun die Toilette entdeckt. Sie wird zum Hightech- und Designerprodukt mit eingebautem Bidet, beheiztem Sitz und Dunstabzug.

TMN/ Villeroy & Boch

Die Badezimmer der westlichen Welt, monierte schon in den Sechzigerjahren der New Yorker Architekturprofessor Alexander Kira, seien um vierzig Jahre hinter dem Standard des Raketenzeitalters zurück. Von den vollautomatischen Toiletten mit Radio und farbiger Beleuchtung, wie es sie in manchen asiatischen Ländern gibt, sind wir zwar immer noch weit entfernt. Einfach so erledigt sich das Geschäft aber auch nicht mehr, zumindest wenn es nach den Herstellern von Badkeramik geht. Mit dem WC haben sie ein neues Lieblingsobjekt ausgemacht. Die einfache Schüssel, bei der man selbst noch den Deckel schließen musste, ist längst zum schlauen Örtchen mit Spa-Gefühl geworden.

Auf der Sanitärmesse ISH zeigten auffallend viele Aussteller Dusch-WCs. Was für viele Deutsche und ihre europäischen Nachbarn noch immer befremdlich klingt, ist in anderen Kulturkreisen, insbesondere in Japan, längst der Standard. Die auch als Washlets bekannten Modelle sind eine Mischung aus Toilette und Bidet. Richtung, Stärke, sogar Massage-Art und Temperatur des Wasserstrahls lassen sich oft individuell regeln und in Nutzerprofilen speichern. Anschließend wird noch warm geföhnt.

Seit einigen Jahren schon versuchen die Hersteller, auch Europa mit Dusch-WCs auszustatten - langsam mit Erfolg. "Dusch-WCs werden gekauft wie verrückt", sagt Dennis Jäger, Chefredakteur der Fachzeitschrift "SBZ Sanitär.Heizung.Klima". Wobei er einschränkt, dass es sich hier um Steigerungen der Verkaufszahlen auf relativ niedrigem Ausgangsniveau handelt.

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Geholfen dabei hat eine Rückbesinnung auf europäisches Design. Statt klobiger Kästen gibt es inzwischen unauffällige Dusch-WCs, deren technischer Inhalt nicht von außen oder beim Blick ins Innere zu erahnen ist. So fahren sich Wasserhahn und Föhn nur bei Bedarf aus. "Es gibt keine Kompromisse mehr beim Design", sagt Frank Richter, CEO von Duravit. "Die Technik ist versteckt."

Doch auch wenn die Technik nicht sichtbar ist, mit solchen Systemen ausgerüstete Toiletten brauchen auch eine gewisse Infrastruktur: Die Dusch-WCs benötigen einen eigenen Wasseranschluss, für die elektrischen Funktionen müssen Leitungen gelegt werden.

Gesteuert werden die Funktionen per Fernbedienung oder über eine App auf dem Smartphone. "Natürlich fragen sich die Menschen, muss man mit einer App aufs Klo gehen", sagt Richter. Aber statt Zeitungen dort zu lesen, nehmen heute ja eh viele das Smartphone mit.

Steuerung per App oder Bewegungsmelder

Selbst wer keine Spa-Toilette möchte, wird sich beim nächsten Kauf im Handel mit Neuerungen auseinandersetzen müssen. In den vergangenen 20 Jahren - unrenovierte Badezimmer sind im Schnitt so alt - hat sich einiges getan beim Toilettendesign. Statt Hebel oder großer Tasten finden sich für die Spülung häufig schon Selbstauslöser oder Bewegungsmelder, wie man das etwa aus öffentlichen Gebäuden kennt. Wasser-Spartasten sind Standard.

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Moderne Schüsseln sind außerdem sauberer: Sie haben eine Flächenspülung und ihnen fehlt meist der übliche Spülrand, sodass sich vergleichsweise wenig Ablagerungen, Keime und Bakterien ansiedeln. Oder die Glasuren sind besonders glatt mit entsprechender Wirkung. Und nicht zuletzt kann der Siphon unten breiter gestaltet sein, was dort die Wasserfläche erhöht und dadurch weniger Verschmutzung ermöglicht.

Alle Ideen - ob das Dusch-WC oder Modelle mit Heizung und Hydraulikdeckel - haben eines gemeinsam: "Der wahre Durchbruch an dieser Stelle ist, dass man die Technologie der Toilette nicht sieht", findet Harald Gründl vom Designstudio Eoos. Am Ende bleibt es optisch betrachtet also weiterhin bei der guten alten Schüssel. Nur weiß ist sie nicht mehr unbedingt - denn aktuell kommen schwarze Keramiken in Mode.

löw / Simone A. Mayer, dpa



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