Muslimische Frauen über Mode: "Viele Menschen denken, dass eine Frau durch das Kopftuch entwürdigt und unterdrückt wird"
Muslimische Frauen über Mode: "Viele Menschen denken, dass eine Frau durch das Kopftuch entwürdigt und unterdrückt wird"
Foto: Louisa Heerde

Mode muslimischer Frauen "All meine Kleidungsstücke haben einen Wert für mich"

"Für mich ist Mode ein Ausdruck der Persönlichkeit": Sechs muslimische Frauen erzählen, warum sie Spaß an gutem Stil haben. Was Mode ihnen bedeutet – und inwiefern Rassismus ihr Outfit beeinflusst.
Von Hatice Kahraman (Fotos: Louisa Heerde)

Kleidungsstücke werden normalerweise in Modezeitschriften abgebildet und diskutiert – außer das Kopftuch, das findet auch im Politik-Teil statt. Dazu hat jeder eine Meinung.

Auch wenn es weltweit natürlich Frauen und Mädchen gibt, die es nicht tragen wollen, sondern müssen: In erster Linie ist das Kopftuch nicht Zündstoff für Diskussionen, sondern in erster Linie ein religiöses Identifikationsmerkmal für muslimische Frauen. Ein Accessoire, das zu ihrem Stil dazugehört. Das es im Frühjahr 2018 immerhin auf das Cover der britischen "Vogue" geschafft hat.

Wir haben sechs muslimische Frauen, die Spaß an Mode haben, in ihren Lieblingsoutfits fotografiert. Sie haben erzählt, was Mode ihnen bedeutet. Was sie inspiriert. Und inwiefern Rassismus ihren Kleidungsstil beeinflusst.

Sima Hakim, 51, arbeitet in Bonn in der Tagespflege

Sima Hakim: "In letzter Zeit habe ich aber auch große Angst mit meinem Kopftuch"

Sima Hakim: "In letzter Zeit habe ich aber auch große Angst mit meinem Kopftuch"

Foto: Louisa Heerde

Wenn meine Nichten zu mir kommen, machen sie immer meinen Kleiderschrank auf: So viele Kleidungsstücke in verschiedenen Farben, das fühlt sich an wie im Kaufhaus, sagen sie.

Ich liebe es, wenn ich farblich passend angezogen bin und alles miteinander harmoniert. Wenn ich mir etwas Neues kaufe, dann liegt das manchmal monatelang im Kleiderschrank, bis ich das passende Kopftuch dazu gekauft habe. Ich würde niemals aus dem Haus gehen, wenn ich nicht richtig angezogen bin – selbst, wenn ich nur kurz zum Supermarkt gehe.

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Muslimische Frauen über Mode: Niemals verkriechen

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Louisa Heerde

Ich war schon immer ein sehr lebensfroher Mensch, der gerne alles ordentlich hat. Das war schon als Kind so: Ich komme aus Afghanistan, dort sucht man sich zuerst die Stoffe aus, aus denen dann Schneider Kleider nähen. Meine Mutter hat immer die Stoffe meiner Geschwister ausgesucht - aber nie meine, da sie wusste, dass ich einen ganz eigenen Stil habe.

In letzter Zeit habe ich aber auch große Angst mit meinem Kopftuch. Das, was in Hanau passiert ist, hat mich sehr verunsichert. Ich habe selbst Kinder und ahne, wie es den Müttern gehen muss, die ihre Kinder bei dem Anschlag verloren haben. Ich bin aus Afghanistan geflüchtet, weil es dort unsicher war. Verbale Beleidigungen gegenüber Migranten und muslimischen Frauen war ich schon immer gewohnt. Aber dass Menschen sterben, macht mir große Angst.

Salma Loukili, 22, kommt aus der Nähe von Köln und studiert Medizinökonomie

Salma Loukili: "Vor allem trage ich gern Kleidungsstücke, die mich an meine marokkanischen Wurzeln erinnern"

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Foto: Louisa Heerde

Mein Kopftuch gibt mir Halt, Selbstbewusstsein und es ist ein Gottesdienst für mich. Ich mache mir nie Gedanken darüber, ob es zur Kleidung passt. Stattdessen habe ich das Gefühl, dass es mit der Kleidung verschmilzt. So, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.

Durch meine Kleidung drücke ich meine Gefühle an dem Tag aus: Wenn ich mich zum Beispiel gut fühle, ziehe ich mich im Streetstyle an und kombiniere mein Outfit mit Sneakern. Ich lasse mich auch stark durch Kunst inspirieren. Ich male gerne und besuche Ausstellungen, vor allem auf Reisen muss ich immer mindestens eine Kunstaustellung besuchen. Besonders interessiert mich japanische Kunst, deswegen ziehe ich auch gerne Kimonos an.

Vor allem trage ich gern Kleidungsstücke, die mich an meine marokkanischen Wurzeln erinnern, sie sind Teil meiner Identität: Ich trage gern Henna an meinen Händen, im typischen marokkanischen Stil, also vor allem gerade, symmetrische Linien. Und ich habe zum Beispiel eine Kette mit Anhänger, auf dem Afrika abgebildet ist. Daran habe ich auch eine Brosche gehängt, die früher Frauen in Nordafrika getragen haben, um ihre Kleider zusammenzuhalten. Dazu trage ich gern große Ohrringe, Ringe und eine Armbanduhr. Ohne den Schmuck würde ich mich nackt fühlen.

Müzeyyen Bek, 34, kommt aus Dortmund und arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin

Müzeyyen Bek: "Ich würde niemals auf den Gedanken kommen, dieses Land zu verlassen oder mich zu verkriechen"

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Foto: Louisa Heerde

Einmal fragte mich eine deutsche Freundin, ob sie mich porträtieren darf. "Wieso ausgerechnet ich", frage ich. "Du strahlst Würde aus", sagte sie. Das gefiel mir.

Mein Modestil ist meist eher schick und elegant. Mir ist wichtig, dass meine Kleidung ästhetisch aussieht, dass alles harmoniert. Aber es muss auch bequem sein, ich kann nichts anziehen, worin ich mich nicht wohlfühle.

Für mich ist Mode ein Ausdruck der Persönlichkeit. Deswegen soll auch mein Kopftuch zu meinem Stil passen, es gehört schließlich zu mir. Ich trage es oft elegant, in einem Turbanstyle, allerdings so, dass man meinen Hals nicht sieht. Unter dem Kopftuch trage ich zwei Untertücher, damit meine Haare und das Kopftuch nicht verrutschen. Ich variiere auch das Kopftuch je nach Anlass, mal schicker, mal gelassener.

Viele Menschen denken, dass eine Frau durch das Kopftuch entwürdigt und unterdrückt wird. Dabei ist eine muslimische Frau nicht entwürdigt, solange sie sich freiwillig für ein Kopftuch entscheidet. Das ist sehr wichtig, denn die Würde des Menschen ist unantastbar, so steht es im Grundgesetz.

Trotzdem erleben muslimische Frauen immer wieder Rassismus und Diskriminierung. Das macht mich sehr traurig. Gerade die letzten Ereignisse, vor allem in Hanau, haben mich zutiefst erschüttert. Ich hoffe, dass die Politik endlich reagiert, denn solche Taten verursachen eine große Angst unter Muslimen. Aber ich würde niemals auf den Gedanken kommen, dieses Land zu verlassen oder mich zu verkriechen. Das hier ist meine Heimat und das wird es auch bleiben.

Ayfer Candan, 46, lebt in Gladbeck und arbeitet als Therapeutin mit Paaren und Familien

Ayfer Candan: "Für traditionell-muslimisch Orientierte ist es eher eine Ausnahme, dass eine muslimische Frau mit ihrem Modestil auffällt"

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Foto: Louisa Heerde

Ich liebe alle möglichen Farben, große Knöpfe, Ballon-Kleider und vor allem große Ringe mit bunten Steinen. Ich kaufe nicht einfach so einen Ring, ohne zu überlegen, wie ich diesen kombinieren könnte. Mir ist wichtig, dass der Ring zu mir passt.

All meine Kleidungsstücke haben einen Wert für mich, ich baue eine Beziehung zu ihnen auf, ich pflege sie und fühle mich darin wohl. Deswegen habe ich teilweise noch sehr alte Stücke in meinem Kleiderschrank, zum Beispiel seidene Kopftücher, die mehr als 20 Jahre alt sind.

Früher habe ich mich eher eintönig und langweilig angezogen. Aber je älter ich wurde, desto mehr habe ich gemerkt: Das bin ich nicht. Heute kombiniere ich oft Klassisches mit Ausgefallenem, ein schwarzes Kleid mit buntem Überwurf zum Beispiel. Manchmal fragen mich Passanten, woher ich meine Kleidung habe. Für traditionell-muslimisch Orientierte ist es eher eine Ausnahme, dass eine muslimische Frau mit ihrem Modestil auffällt.

Der Islam empfiehlt das Kopftuch und sagt, dass man als Frau weniger die Weiblichkeit zeigen sollte. Das heißt aber nicht, dass man sich komplett schwarz anziehen muss und sich nicht für Mode interessieren darf. Die muslimische Frau ist völlig freigestellt, was Stil, Farbe und Kleiderauswahl angeht.

Farida Moayed, 33, lebt in Essen und arbeitet als Masseurin und Kosmetikerin

Farida Moayed: "In der Schulzeit haben andere Schüler versucht, mir das Tuch vom Kopf zu reißen"

Farida Moayed: "In der Schulzeit haben andere Schüler versucht, mir das Tuch vom Kopf zu reißen"

Foto: Louisa Heerde

Ich lebe seit etwa 20 Jahren in Deutschland und habe in meiner Jugend sehr schlechte Erfahrungen aufgrund meines Kopftuches gemacht: In der Schulzeit haben andere Schüler versucht, mir das Tuch vom Kopf zu reißen. Einmal hat mich ein Mann mit einem Messer verfolgt. Das hat mich und vor allem meinen Modestil stark geprägt.

Ich verzichte seitdem auf dunkle Kleidung, Röcke und bodenlange Kleider. Wenn eine muslimische Frau komplett schwarz gekleidet ist, fällt sie negativ auf. Das möchte ich nicht.

Deswegen ziehe ich mich schick und einfach an. Ich mag Blusen in Pastellfarben. Darin fühle ich mich wohler - und auch sicherer. Ich bin mit meiner Kleidung nicht auffällig, aber ich bin auch nicht unscheinbar. Mir ist sehr wichtig, dass ich gut aussehe und dass ich einen eigenen Stil habe. Ich liebe es, shoppen zu gehen und mich nach verschiedenen Farben umzusehen. Es macht mich glücklich.

Man sagt, Kleider machen Leute. Leider stimmt das in dieser Gesellschaft. Denn nur, wer entsprechend angezogen ist, gehört dazu. Obdachlose zum Beispiel werden komisch angeschaut. Und auch Frauen, die sich sehr orientalisch kleiden. Ich bin zum Beispiel halb Perserin und halb Irakerin. Ich würde aber meine Wurzeln nicht durch meine Kleidung zeigen. Eigentlich sehr schade, denn sie sind ein Teil von mir.

Jutta Sleiman, 58, arbeitet in Münster in der Pflegeberatung und -begleitung

Foto: Louisa Heerde

Ich liebe Sport. Ich jogge viel, fahre Fahrrad und mache Gymnastik. Früher habe ich auch Tae Bo gemacht. Deswegen muss meine Kleidung sportlich und bequem sein. Auch, weil ich in Münster lebe und hier nur mit dem Fahrrad unterwegs bin. Im Fitness-Studio ziehe ich mich zum Beispiel sportlich, aber trotzdem bedeckt hat. Ich trage weiterhin mein Kopftuch und bekomme auch manchmal dafür positive Kommentare, weil ich das Kopftuch mit der sportlichen Kleidung kombiniere.

Mir ist wichtig, dass ich mich in meiner Kleidung wohlfühle und mich gut bewegen kann – gleichzeitig möchte ich mich elegant und feminin kleiden. Ich liebe es, im Winter über dem Kopftuch eine Mütze zu tragen oder eine Bikerjacke anzuziehen. Früher war es etwas schwieriger, passende Looks zu finden, da habe ich nicht immer langärmlige Kleidung gefunden.

Mode macht mir Spaß. Ich interessiere mich für die neusten Looks und tausche mich viel mit meinen drei Töchtern aus. Wir gehen zusammen shoppen und beraten uns gegenseitig und da wir dieselben Größen tragen, tauschen wir auch schon mal die Kleidung.

Ich bin vor rund 30 Jahren zum Islam konvertiert und war im katholisch geprägten Münster eine Ausnahme mit meinem Kopftuch. Ich wurde oft komisch angeguckt und als etwas Exotisches wahrgenommen. Jetzt ist es etwas entspannter. Frauen mit Kopftüchern sind normal geworden.

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