Blick in einen Kleiderschrank: Für die Produktion zum Beispiel einer herkömmlichen Jeans werden im Schnitt rund 8000 Liter Wasser verbraucht
Blick in einen Kleiderschrank: Für die Produktion zum Beispiel einer herkömmlichen Jeans werden im Schnitt rund 8000 Liter Wasser verbraucht
Foto: snorkulencija/ iStockphoto/ Getty Images

Tipps für nachhaltige Mode Mein umweltfreundlicher Kleiderschrank

Früher war sie ein "Fashion Victim". Heute engagiert sich Jana Braumüller für faire Mode und hat ein Buch darüber geschrieben. Im Interview erklärt sie, wie die Umstellung von Fast auf Fair Fashion gelingt.
Von Petra Maier

SPIEGEL: Frau Braumüller, was macht einen nachhaltigen Kleiderschrank aus?

Braumüller: Darunter versteht jeder etwas anderes. Für mich bedeutet es, Kleidung möglichst ressourcenschonend zu konsumieren: Sie lange zu tragen, Secondhand zu erwerben und Textilien zu wählen, die unter umweltverträglichen und ethischen Bedingungen gefertigt wurden. 

SPIEGEL: Womit fange ich am besten an? 

Braumüller: Bei sich selbst. Man sollte nicht sofort wieder shoppen gehen. Sondern lieber erst schauen, was man überhaupt hat - eine Art Kleiderschrank-Check: Warum habe ich welche Kleidung? Wann ziehe ich was an? Was mag ich, was nicht? 

SPIEGEL: Ich trage Jeans. Für die Produktion eines Paars werden im Schnitt rund 8000 Liter Wasser verbraucht. Sollte ich also besser keine Jeans mehr kaufen?

Braumüller: Bei der herkömmlichen Herstellung von Denim werden tatsächlich viele Ressourcen verbraucht. Allerdings gibt es auch Unternehmen, die Wasser sparen und keine Chemikalien verwenden. Sie könnten also schauen, wo die Jeans genau herkommt, wie sie gemacht wurde - und sie möglichst lange tragen.

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Braumüller, Jana, Jäckle, Vreni, Lorenzen, Nina

Fashion Changers - Wie wir mit fairer Mode die Welt verändern können

Verlag: Knesebeck
Seitenzahl: 256
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SPIEGEL: Das mit dem langen Tragen gilt für alle Kleidung, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie sorgen Sie dafür, dass Ihre Klamotten lange gut aussehen?

Braumüller: Das beginnt bei der richtigen Pflege. Wir sollten Kleidung schonend waschen: bei niedriger Temperatur und mit natürlichem Waschmittel - und sie danach nicht in den Trockner werfen und möglichst aufs Bügeln verzichten. Manche Kleidungsstücke müssen normalerweise auch nur sehr selten gewaschen werden, Jeans zum Beispiel, oder Fleecejacken und Wollpullover. Da reicht es oft, sie zu lüften. Kleidung, die ein Loch oder eine offene Naht hat, lässt sich reparieren. Wer selbst nicht Nähen kann, bringt sie in eine Schneiderei.

SPIEGEL: Wenn ich doch mal neue Teile brauche, welche Materialien sollte ich besser vermeiden? 

Braumüller: Ein absolutes No-Go für mich sind sogenannte Virgin-Polyester - also komplett neue Kunstfasern aus Plastik. Sie werden aus Erdöl gemacht und bringen sowohl bei der Herstellung als auch der Entsorgung massive Probleme mit sich. Stattdessen setze ich auf natürliche Materialien in Bioqualität. Ansonsten helfen auch Textilsiegel - wie eine Zertifizierung mit dem Global Organic Textile Standard (GOTS) oder der Fair Wear Foundation. 

SPIEGEL: In den vergangenen Monaten haben viele Menschen ihren Schrank ausgemistet. Wie kann ich aussortierte Stücke im Kreislauf behalten?

Braumüller: Zunächst könnte man schauen, ob jemand anderes mit der Kleidung noch glücklich wird - und sie verschenken. Mit Freunden Kleider zu tauschen, ist auch eine schöne Möglichkeit. Ansonsten freuen sich auch gemeinnützige Institutionen wie Frauenhäuser oder Geflüchtetenheime über Spenden. Allerdings sollte man sich vorher erkundigen, was gebraucht wird - und nur funktionsfähige Kleidung abgeben. Zudem sollte man nachfragen, was mit der Kleidung passiert: Geht sie an bedürftige Menschen - oder machen profitorientierte Unternehmen mit den Kleiderspenden Gewinn? Auch ausgewählte Secondhand-Läden sind eine Option.

SPIEGEL: Sollte man überhaupt noch Fast Fashion kaufen? 

Braumüller: Man sollte niemanden dafür verteufeln. Denn das ist eine Frage der Privilegien: Habe ich überhaupt die Zeit und das Geld, mich mit nachhaltiger Mode zu befassen - und dafür zu entscheiden? Viele haben diese Möglichkeit nicht. Aber ich wünsche mir, dass mehr Menschen darüber nachdenken, was sie kaufen. Die Entscheidung hängt aber nicht am Einzelnen allein: Politik und Wirtschaft sollten mit Gesetzen und Regulierungen dafür sorgen, dass umweltschädliche Kleidung gar nicht erst im Umlauf ist. Die Unternehmen sollten mehr in der Pflicht sein - so wie es das Lieferkettengesetz vorsieht, das hoffentlich bald kommt. 

SPIEGEL: Was raten Sie den Menschen, die nicht das Geld haben für nachhaltige Mode? 

Braumüller: Besonders Basics wie T-Shirts und Socken bekommt man inzwischen bei vielen Anbietern zu günstigen Preisen und trotzdem vertretbar produziert. Wer mag, findet gebraucht viel. Bei besonderen Anlässen wie Hochzeiten oder Geburtstagen leihe ich mir auch gern etwas von Freundinnen. So habe ich etwas für mich Neues, muss aber nichts kaufen.

SPIEGEL: Die Deutschen tragen laut einer Greenpeace-Studie im Schnitt 40 Prozent ihrer Kleidung gar nicht. Wie stoppt man den Überkonsum?

Braumüller: Ich selbst war früher ein absolutes Fashion Victim, bin sehr oft shoppen gegangen und irgendwelchen Trends hinterhergerannt. Es hilft, sein Konsumverhalten zu hinterfragen: Warum kaufe ich wann was? Viele überdecken mit dem Shoppen Emotionen - sei es, weil sie traurig oder enttäuscht sind. Oder sie kaufen, um sich zu belohnen. Dieser Effekt hält aber nicht lange an. Das zu begreifen, hat mir damals geholfen. Danach habe ich eine Zeit lang gar nichts mehr gekauft. Das war wie ein kalter Entzug.

"Kleidung, die man liebt, ist nachhaltig."

SPIEGEL: Hilft es, seinen eigenen Stil zu kennen?

Braumüller: Unbedingt! Mir hat der Shopping-Bann dabei geholfen. Ich musste erst mal mit dem klarkommen, was ich hatte. So habe ich gemerkt, was ich gern trage, welche Farben mir gefallen und was zu mir passt. Außerdem einfach ausprobieren: Was lässt sich kombinieren, welche Materialien fühlen sich gut an? Vielleicht eine Checkliste mit solchen Fragen erstellen - und dann überprüfen, was bereits im Schrank hängt und was fehlt. So findet man, was einem gefällt - unabhängig von Trends. Das ist wiederum nachhaltig, weil man diese Kleidung lieben wird - und lange trägt. 

SPIEGEL: Beim Ansatz "Capsule Wardrobe" reduziert man die Anzahl der Kleidungsstücke auf das Minimum. Was denken Sie darüber?

Braumüller: Das Prinzip finde ich total gut. Mit einer begrenzten Anzahl an Teilen findet man gut zu seinem Stil und entdeckt Kombinationsmöglichkeiten. Für mich ist das aber eher nichts - ich brauche mehr Abwechslung. Das ist auch okay. Es geht nicht darum, sich alles zu verbieten. Sondern darum, Gefallen an seiner Kleidung zu finden. 

SPIEGEL: Sie und Ihre beiden Mitstreiterinnen Vreni Jäckle und Nina Lorenzen, mit denen Sie auch das Buch geschrieben haben, nennen sich "Fashion Changers". Was würden Sie an Ihrem eigenen Konsumverhalten gern noch ändern?

Braumüller: Bei Schmuck tue ich mich noch schwer; fair hergestelltes Silber oder Gold kann ich mir nicht immer leisten. Stattdessen greife ich auf Selbstgemachtes zurück - da schaue ich weniger aufs Material, sondern wer es gefertigt hat. Ich bin insgesamt kein Material-Nerd. Ich kaufe manchmal auch Secondhand-Kleidung aus Polyester oder Mischgeweben - oder gebrauchte Fast Fashion. Das kann ich mit mir vereinbaren, weil ich ja nichts Neues kaufe.

SPIEGEL: Auf Ihrer Website empfehlen Sie auch Marken. Regen Sie damit nicht zu mehr Konsum an? 

Braumüller: Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat, dessen sind wir uns bewusst. Wir sind aber kein klassisches Lifestyle-Magazin, sondern thematisieren auch viele Dinge jenseits von Konsum. Wir sprechen auch darüber, was Konsum eigentlich bedeutet. Das ist für uns kein Widerspruch. Wir finden es wichtig zu zeigen, dass es inzwischen viele nachhaltige Alternativen zu Fast Fashion gibt, dass Kleidung klimafreundlich und ressourcenschonend sein kann. Konsumverzicht ist die oberste Prämisse - aber dauerhaft kaum umsetzbar.