Private Handybilder von Jens Riewa "Der perfekte Hinterkopf"

Viele von uns haben unzählige Fotos auf ihrem Telefon gespeichert; aber eines ist das wichtigste. In unserer neuen Reihe "Eins aus tausend" erzählen Handybesitzer die Geschichte ihres Lieblingsbildes - dieses Mal: Jens Riewa.
Jens Riewa in seiner Garderobe beim NDR

Jens Riewa in seiner Garderobe beim NDR

Foto: Anne Backhaus
Zur Person

Jens Riewa, 51, ist Sprecher der ARD-Tagesschau und seit zwei Jahren auch Moderator des NDR-Hamburg Journal. Außerdem hat Riewa aus seiner Leidenschaft für zivile Flug-Drohnen ein Unternehmen  gemacht und liefert damit professionelle Live-Luftaufnahmen, unter anderem für das Fernsehen. Der ehemalige Fluglotse liebt es zu fotografieren und hat zur Zeit 5767 Bilder auf seinem Handy. "Die meisten sind von anderen Menschen oder schönen Gebäuden", sagt er. "Meine Selfies werden meist nichts." Sein liebstes Foto ist erst wenige Wochen alt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Riewa, ihr Lieblingsbild zeigt einen jungen Mann in festlichem Anzug mit klassischem Zylinder. Eine kleine Überraschung.

Riewa: Ein Foto aus einem sogenannten Lookbook, so werden neueste Mode-Kollektionen präsentiert. Händler haben dadurch eine Orientierung. Da kommt man als Normalsterblicher kaum ran.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihnen das Bild?

Riewa: Nun, vor allem werden Erinnerungen wach. Ich kenne den Mann auf dem Foto gut. Sein Name ist Aleksandar Rusic, er hat mir dieses Foto geschickt. Die Vorgeschichte: Vor zwei Jahren saß ich im halbdunklen Cinemaxx-Kino am Hamburger Dammtor. Ich wollte "Prometheus - Dunkle Zeichen" sehen. Jedenfalls lief der Film noch nicht und ich saß da, Zeitung lesend am äußersten Rand. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass plötzlich viele Menschen in meine Richtung schauten.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden erkannt?

Riewa: Dachte ich zuerst auch. Meist junge Mädchen schauten rüber. Ihr Blick galt jedoch einer kleinen Besuchergruppe, unter ihnen ein junger Mann in sommerlichen Shorts und schwarzem Tank Top. Er hatte ziemlich sportliche Oberarme. Mir fiel das Profil seines Kopfes auf. Der perfekte Hinterkopf! Sie müssen wissen, in den Neunzigern habe ich unter anderem einige Jahre als Model-Scout gearbeitet, da erfasst man das in Sekunden, auch im Halbdunkel. Während des Films grübelte ich dann darüber, wie ich ihn ansprechen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Und was haben Sie sich einfallen lassen?

Riewa: Ich wollte ihn nicht vor seinen Freunden in Verlegenheit bringen. Ihn vor anderen auf das Thema Modeln anzusprechen, das kommt nicht so gut. Nach dem Film folgte ich der Gruppe also in ein Restaurant, dort gab ich ihm eine kleine, dahingekritzelte Notiz mit meinem Anliegen und eine Rückrufnummer.

SPIEGEL ONLINE: Hat er sich gemeldet?

Riewa: Er rief eine Woche später an und sagte: "Ich interessiere mich nicht für Mode, ich spiele viel lieber Fußball. Aber meine Freundin meint, ich soll mir das mal anschauen."

SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie ihn vermitteln?

Riewa: Natürlich. Doch vorher kommen die Tests. Tatsächlich folgten zig Probe-Fotos nach dem Telefonat, um zu sehen, wie er sich anstellt. Ich wusste, aus dem kann man was machen. Die ersten Aufnahmen entstanden übrigens hier im NDR, in diesem Raum, in dem wir jetzt gerade das Interview führen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es dann weiter?

Riewa: Er stand kurz vor dem Abitur. Wenn er Zeit hatte, übten wir lässig gehen und den gewissen Blick. Die besten Testfotos schickte ich dann an mir gut bekannte Agenturen. Ich hatte den Plan, für ihn eine besondere Agentur zu finden, mit Kontakten bis in die USA. Schließlich fand ich sie hier in Hamburg, die Mega Model Agency. Beide Inhaber waren sofort begeistert von Aleksandar. Sie sahen in ihm ebenfalls internationales Potenzial und da der Junge mir vertraute, handelte ich über drei Stunden einen maßgeschneiderten Vertrag für ihn aus. Wir haben viel gelacht, es ging zu wie auf dem Basar und manchmal habe ich auch gespielt empört gebrüllt. Beim Rausgehen nach Unterzeichnung des Vertrages kniff mich der Chef Ted Linow kräftig in den Po. So nach dem Motto: Ich hab Dich! Aber das dachte ich auch. Nur kniff ich nicht zurück. Er ist schließlich ein Jahr älter. Ungefähr.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie angetrieben?

Riewa: Ich hoffte, dass Aleksandar es einmal bis zu Giorgio Armani oder Karl Lagerfeld vor die Linse schafft.

SPIEGEL ONLINE: Hat das geklappt?

Fotostrecke

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Foto: Robin Fuchs

Riewa: Seinen ersten Job hatte er in New York, danach lief er exklusiv für Calvin Klein. Höher kann man kaum einsteigen. Dann kamen die Fashion Weeks in London und Paris. Bei der letzten in Mailand vor ein paar Wochen lief er, wie schon im Vorjahr, für Giorgio Armani. Fünf Weltagenturen haben ihn mittlerweile gelistet. Seit einer Woche gehört sein Gesicht zur Armani-Jeans-Werbung 2015. Mein Bauchgefühl sagt mir, da geht noch was.

SPIEGEL ONLINE: Herzlichen Glückwunsch.

Riewa: Danke. Ich bin wirklich stolz auf ihn. Und dieses wunderbare Team von Mega Model, das all das in Ruhe gemeinsam mit mir aufgebaut hat. Hinter meinem Lieblingsbild stehen zwei Jahre harte Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie strahlen ja richtig!

Riewa: Es ist ein schönes Gefühl, einen jungen Menschen auf den Weg zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat denn Aleksandars Familie reagiert?

Riewa: Sie haben sich gefreut. So etwas wie Sorgen hatten wir nur wegen der Jungs im Dorf. Er spielt beim VFL Jesteburg II im offensiven Mittelfeld. Bring da mal deinen Fußballfreunden bei, dass du jetzt modelst! Aber sie stehen voll hinter ihm, freuen sich mit und finden seine Fotos gut. Er ist der alte geblieben, hebt nicht ab. Das Training mit seinen Jungs ist ihm sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind ja auch dafür bekannt, in Sachen Mode gern zu experimentieren.

Riewa: Liegt vielleicht an der DDR, ich wuchs in einer einfachen Arbeiterfamilie auf, schöne Klamotten gab es nicht. Als ich mit 27 nach Westdeutschland kam, habe ich alles auf einmal nachgeholt. Manche hier beim NDR erinnern sich noch immer voller Begeisterung an meine schwarz-weiß karierten Schuhe.

SPIEGEL ONLINE: Oder Ihre Glanzjeans...

Riewa: Sorry! Frühe Neunzigerjahre halt. Im Übrigen eine Lederjeans von Thierry Mugler, die überhaupt nicht geglänzt hat. Aber diese Weihnachtsbaumphase ist lange vorbei. Inzwischen lege ich Wert auf gute Basics und gute Schuhe. Das liegt sicher daran, dass ich mich im Sender jeden Tag mehrfach umziehen muss.

SPIEGEL ONLINE: Als liebstes Foto haben Sie keine Armani-Aufnahme ausgesucht. Hat Ihre Wahl vielleicht mit dem Outfit zu tun?

Riewa: Und wie! Das ist schließlich ein Hochzeitsfrack von Carlo Pignatelli, feinste italienische Schneiderkunst. Erstens finde ich das Foto besonders schön. Es hat die Anmutung eines Ölgemäldes in der Tradition alter Meister wie Rembrandt und Dürer. Aber am besten gefällt mir dieser burgunderfarbene Zylinder und auch die majestätische Körperhaltung von Aleksandar.

SPIEGEL ONLINE: Diese Kollektion trägt den schönen Namen Rockmantico.

Riewa: Da wären wir bei Punkt zwei: Sollte ich jemals heiraten, dieses Outfit könnte es sein.

Zur Autorin
Foto: Anne Backhaus

Anne Backhaus, Jahrgang 1982, bekam die Idee für "Eins aus tausend", als sich auf ihrem Handy 3574 Fotos angesammelt hatten und sie aus Speichermangel löschen musste. Das ging viel leichter als befürchtet. Backhaus lebt in Hamburg, im Anschluss an ihr Volontariat bei SPIEGEL ONLINE arbeitete sie als Video-Reporterin für die Redaktion. Heute reist sie als Autorin und Filmemacherin um die ganze Welt. Von den Menschen, die sie unterwegs trifft, finden sich einige mit ihrer Foto-Geschichte hier wieder.

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