But first, coffee: Pulverkaffee steigt auf
But first, coffee: Pulverkaffee steigt auf
Foto: Thomas Degen / plainpicture

Neue Instantkaffees Liebe Kaffee-Nerds, ihr müsst jetzt stark sein

Schnell aufgegossen, schnell runtergekippt: Löslicher Kaffee genießt nicht den besten Ruf. Doch der Absatz wächst – und auch die Zahl der kleinen Unternehmen mehrt sich, die mitmischen.
Von Jochen Overbeck

Das Erste, was auffällt: Die neuen Instantkaffees sind schick. Die kleinen Portionsbeutel erinnern an Zuckertütchen. Sie stecken in schmucken Kartons in der Größe einer Zigarettenschachtel. Das Zweite: Die Konsistenz ist eine andere, als man das von den herkömmlichen Produkten auf dem Markt kennt. Statt Granulat rieselt ein feines Pulver aus dem Beutel. Wenn man es aufgießt, fällt eine dritte Sache auf: Der klassische Instant-Geruch fehlt, der sich über Jahre in das Gehirn eingebrannt hat.

Löslicher Kaffee genießt in Deutschland nicht den besten Ruf. Er gilt als Notnagel und Verlegenheitslösung. Das Pulver steht in der Büroküche herum, ziemlich weit hinten im Schrank, vielleicht auch im Atelier oder in der Vorratskiste des Camping-Busses. Die Trends, die die Kaffeewelt in den vergangenen Jahren prägten, gingen an ihm meist vorbei.

Dabei neigt der Deutsche durchaus zu dem Sofortgetränk: Jede zwölfte getrunkene Tasse Kaffee, so teilt der Deutsche Kaffeeverband auf Anfrage mit, wird mit dem Pulver aufgebrüht.

Der Mangel als Ideengeber 

Edgar Kirst und Luis Herget wollen von Hamburg aus den schlechten Ruf des Getränks verbessern. Die beiden lernten sich im Studium in Kopenhagen kennen – eine Stadt, die dank zahlreicher Röster eigentlich ein ziemlich guter Ort ist für Kaffeeliebhaber. Bis in ihre Seminarräume schlugen derlei Qualitäten aber nicht durch: »Wir saßen gern in diesen Läden – der Kaffee in der Uni war hingegen furchtbar«, sagt Kirst. Teuer war er zudem, stolze drei Euro kostete ein Becher der Plörre.

Mit ihrer Firma Blaek möchten sie es besser machen. Für sie ist Instantkaffee ein Produkt mit zahlreichen Vorteilen. »Er hat einfach eine unglaubliche Praktikabilität. Du brauchst keine Maschine, er ist lange haltbar«, sagt Kirst. Das Problem, sagt Herget, sei die Qualität: »Das, was man im Supermarkt kaufen kann, schmeckt eben meist ziemlich höllisch.«

Die Herstellung klingt zunächst recht simpel: Die Bohnen werden geröstet und gemahlen, anschließend mit Wasser aufgekocht – fast so, wie man das auch zu Hause macht. Dieses Wasser wird schließlich aber wieder entzogen, aus dem Aufguss gewissermaßen ein Konzentrat hergestellt. Dieses Konzentrat wird schließlich gefriergetrocknet.

Die wichtigste Frage bei ihren verschiedensten Versuchen: Welches Grundprodukt sollten sie verwenden? Sie versuchten es anfangs mit Röstungen in den hellen, fruchtigen Geschmacksnoten, die sie aus ihren Lieblingscafés kannten; das Feedback ihrer Tester war jedoch eindeutig: Die wollten ihren Kaffee eher dunkel und klassisch. »Deswegen haben wir uns für eine Röstung entschieden, in der dieses Specialty-Coffee-Ding drin ist, die aber eher schokoladig ist.«

Specialty Coffee meint in dem Fall hochwertige Kaffees aus speziellen Anbaugebieten, mit besonderen Geschmacksprofilen. Dieser Rohstoff unterscheidet sie von den Platzhirschen aus dem Supermarkt: Blaek verwendet Single-Origin-Bohnen aus dem kolumbianischen Hochland, die auf der Skala  der Specialty Coffee Association mit mehr als 80 Punkten bewertet werden. Bisher kann man ihre Produkte nur online bestellen. »Unser langfristiger Plan ist der Weg in den Einzelhandel«, sagt Kirst.

Das Tütchen für die Konferenz

Das hat Ralf Rüller nicht vor, er ist der CEO von The Barn Coffee Roasters. Die Berliner gehören in Deutschland zu den Pionieren in Sachen Specialty Coffee. Sie versorgen seit zehn Jahren die Hauptstadt mit ihrem Kaffee – was mit einem kleinen Laden in Berlin-Mitte begann, wurde zu einer Kette mit mittlerweile zehn Filialen und einem Onlinegeschäft, das in die ganze Welt liefert. Verkauft werden sortenreine Röstungen und absolute Transparenz, was die Herkunft der Bohnen und die Zusammenarbeit mit den Farmern angeht. Dazu kommt ein gewisses Sendungsbewusstsein: Wer bei Rüller einkehrt, kann viel über Kaffee lernen.

Auch The Barn hat seit einiger Zeit Instantkaffee im Angebot. Rüller schickt dafür seine Bohnen nach Amerika zu Voila. Die Firma aus Portland, Oregon, ist seit 2017 auf genau dieses Produkt spezialisiert: Der Kaffee wird aufgebrüht, dann gefriergetrocknet und anschließend langsam wieder erwärmt. »Aber nicht über null Grad«, sagt Rüller, »dann hat man am Ende einfach das pure Kaffeepulver«.

Ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen mag

Er beobachtet in der Szene der unabhängigen Röster schon seit einer Weile ein wachsendes Interesse an Convenience-Produkten. »Das fing mit Kollegen an, die sagten: Wenn doch so viele Leute Kapseln verwenden, warum geben wir denen keine guten Kapseln?« Das hat ihn aber nie überzeugt. Er findet Kapselkaffee schmeckt »immer gleich – und immer schlecht.« Bei Instantkaffee habe man weniger Qualitätsverluste.

Seine Zielgruppe: »Alle, die Specialty Coffee verstehen«, sich aber in Situationen wiederfinden, in der sie sich selbst schlecht eine Tasse davon aufbrühen können. Im Flugzeug, im Zug, oder, wichtig, in der Firma. »Wir haben viele Kunden, die sagen: Das, was ich bei Meetings vorgesetzt bekomme, kann ich nicht trinken. Da nehme ich lieber das Teewasser und gieße mir da so ein Tütchen rein.« Auch an erste Hotels liefert er.

Geschmacklich sind die beiden Kaffees durchaus unterschiedlich: Wo Blaek mit seinem recht klassischen Profil eine hochwertigere Alternative zu den bestehenden Produkten werden könnte, ist der Kaffee von The Barn erstaunlich komplex und eher eine Ergänzung für all die Kaffee-Geeks, die helle Röstungen mögen und löslichen Kaffee eigentlich nicht anrühren würden.

Ein Notnagel sind die beiden Produkte sicher nicht. Eher ein Hinweis auf das, was noch kommen mag. In den USA gibt es bereits eine Vielzahl an jungen Instantanbietern. Die Begehrlichkeiten scheinen auch hierzulande vorhanden zu sein: Der Absatz an der löslichen Variante, so der Deutsche Kaffeeverband, ist seit 2009 um 15 Prozent gestiegen.

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