Ausstellung "No Name Design" Kleine Dinge, große Liebe

So schön können Rasierpinsel, Sonnenbrillen, Hämmer aussehen: Franco Clivio liebt Alltagsgegenstände und sammelt sie mit Leidenschaft. Nun zeigt der Schweizer Designer, was er zusammengetragen hat.
Von Claudio Rizzello

Die Klingen der Scheren glänzen in der schiefen Glasvitrine. Sie liegen akkurat angeordnet auf grauem Grund und wirken fast bedrohlich. Ihre Spitzen sind auf eine wenig entfernte Schere gerichtet, die allein und quer vor den anderen liegt. Diese eine Schere wirkt friedlicher als die anderen: Sie ist das Original, alle anderen sind nur Fälschungen.

Der Schweizer Dozent und Designer Franco Clivio hat die Scheren gesammelt. Sie gehören wie mehr als 1000 andere Alltagsgegenstände zur Ausstellung "No Name Design", die seit Freitag im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen ist. In der Schau werden einfache Objekte gezeigt, Gegenstände, die man oft nutzt oder denen man ständig begegnet. Gegenstände, die man dennoch nie wirklich wahrnimmt.

Am Donnerstag ist Clivio ins Museum gekommen, um seinen Gästen zu erklären, warum er Alltagsobjekte wie Scheren, Brillen, Taschenmesser, Fäden oder Rasierpinsel sammelt und ausstellt. Er läuft mit den Gästen an etlichen Glaskästen vorbei, in denen seine gesammelten Objekte liegen. Dabei schiebt er ein Wägelchen vor sich her, aus dem er ab und zu einen neuen Gegenstand herausholt und den Gästen erzählt, was so besonders daran ist. Eine Schminkbrille zum Beispiel. "Die hat nur ein Glas, das man, je nachdem welches Auge man schminkt, umklappen kann", sagt er.

"Ich wollte diese Dinge besitzen, sie begreifen."

Der Produktgestalter ist begeistert von seinen Objekten. Immer wieder fragt er Museumsbesucher: "Wissen Sie was das ist?" Oder er sagt: "Kommen Sie mal näher ran jetzt!" Er macht die Gäste zu seinen Studenten, um ihnen das Design einzelner Objekte ans Herz zu legen und um mit ihnen die eigene Leidenschaft für Gegenstände zu teilen. Clivio erzählt von den Öffnungsmechanismen eines Taschenmessers, den zusammenklappbaren und unzerstörbaren Brillengestellen, dem Bambusholz aus Asien und dem Holzstäbchen aus dem Erzgebirge. "Ich wollte diese Dinge besitzen", sagt er, "sie begreifen."

Dafür hat er sie zunächst gesammelt. Über Jahrzehnte klaubte Clivio Altes und Neues zusammen - ein Tonbandgerät aus den Zwanzigerjahren, Füllfederhalter aus den Vierzigerjahren und einen antiken und martialisch anmutenden "Achselhöhlenrasierapparat für die Dame". Dinge, die nicht unbedingt für ihr außergewöhnliches Design bekannt sind und doch Dinge, die faszinieren können. "Meine Eltern haben auch schon so viele Sachen gesammelt", sagt der 73-Jährige, "vielleicht liegt es ja in den Genen." Von den wenigsten Objekten weiß man, wer sie erfunden oder entworfen hat. Die Menschen haben auch nie danach gefragt, weil sie die Ästhetik der Dinge nie gesehen, sondern nur deren Funktionalität geschätzt haben.

Clivio hat die Objekte gemeinsam mit dem Fotografen Hans Hansen in 29 Kapiteln aufbereitet. Jedes Kapitel steht für eine andere Art der Herstellung, Funktionalität oder des Materials. Zum Beispiel zeigt er in einer Vitrine Objekte aus Naturmaterialien wie etwa einen Rasierpinsel. In einem anderen Glaskasten gibt es nur Dinge, die sich aufklappen lassen wie zum Beispiel ein Kinderwagen oder Campingstuhl. Clivio ist der Jäger und Sammler, Hansen der Dramaturg. Der Fotograf war es auch, der die Objekte akribisch genau aufeinander abgestimmt und geordnet hat.

Undurchschaubares Sammelsurium

Hansen hat mit seinem Gespür für Gestaltung die Gegenstände nach Themen gelegt: Holz, Papier und Blech, die Häkelnadel, das gefaltete Blatt und die Drahtbürste. Minutiös und millimetergenau musste er arbeiten, um jedes Stück an die passende Stelle zu legen. Funktionales und Ästhetisches wirken dabei zusammen, damit es "lebendig bleibt und nie langweilig wird", wie er sagt.

Beide, Clivio und Hansen, eint die Leidenschaft, unscheinbare Alltagsgegenstände aus dem Schatten der Anonymität zu ziehen. Sie schaffen es, den Betrachter über Scheren, Fäden nachdenken zu lassen - über Baugelenke oder Drähte. Die Gegenstände, die sie präsentieren, stammen von Flohmärkten, aus Trödelläden, verstaubten Dachböden und vergessenen Kisten. Sie bilden ein undurchschaubares Sammelsurium an Objekten, die man zwar kennt und mitunter doch nicht benennen könnte.

Die Ausstellung "No Name Design" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe will eine Wunderkammer sein, sie will die Geschichten hinter den Gegenständen erzählen - zum Stutzen, Rätseln und Schwärmen anregen. Mancher Blick mag an ihnen hängen bleiben, wie an der Armada aus billig kopierten Scheren, die das Original zu bedrohen scheint. Doch viele Gegenstände, man muss es einfach so sagen, bleiben gewöhnliche Alltagsgegenstände. Sie schaffen es wohl nur, die Aufmerksamkeit von Designern und Liebhabern auf sich zu ziehen. Clivio und Hansen sind beides.

Zur Person
Foto: MKG Hamburg

Der Schweizer Franco Clivio (*1942) arbeitet als Produktgestalter und Dozent. Nach seinem Studium an der Hochschule in Ulm in den 1960er Jahren entwickelte er Produkte wie Gartengeräte, Lampen und Schreibwaren für Firmen wie Gardena, ERCO und Lamy.


"No Name Design". Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, bis 3. April 2016

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