Online-Weinproben Wie Sie zu Hause zum Weinkenner werden

Nach dem ersten Lockdown überlegten sich Winzer und Händler, wie sie die Leute daheim erreichen. Sie erfanden die digitale Verkostung – aus der Not wurde eine Tugend. Das Konzept dürfte Corona überleben.
Von Thomas Schmoll

Das Markenzeichen von Frank Krüger ist das, was er selbst »die Nischen« nennt: In den klassischen Anbaugebieten Frankreichs, Deutschlands und Italiens sucht er nach Weinen mit sehr individuellem Charakter. Noch lieber fahndet der Sommelier in Israel, Georgien, Ungarn, Slowenien, Griechenland oder dem Libanon. Anfang 2019 machte sich der Berliner selbstständig. Seinen Laden Edel & Faul – das Wortspiel bezieht sich auf die Herstellung edelsüßer Weine – richtete Krüger auf Kunden aus, »die gern neben der Spur trinken«, wie er seinen Ansatz beschreibt.

Das Geschäft lief gut an. Doch dann kam ihm wie Hunderttausenden anderen Unternehmern der Gastronomie die Corona-Pandemie in die Quere. Krüger entschloss sich, neues Terrain zu betreten. Weinproben hat er in den vergangenen Jahren schon etliche moderiert, aber noch nie online: »Digital war für mich ein eigener Kosmos. Ich hatte keine Ahnung, ob es funktioniert.« Seinem Motto, Exotisches zu vermitteln, blieb er treu – mit Erfolg.

Zur seiner letzten Onlineprobe versammelten sich virtuell rund 50 Leute aus mehreren Bundesländern. Verkostet wurden drei Weine aus Griechenland, die der Sommelier vorab verschickt hatte. Kostenpunkt: 47 Euro. »Wer hat schon mal Retsina getrunken?«, eröffnete Krüger die Runde und bekam zur Antwort fast nur gehobene Hände zu sehen. Griechenland biete weitaus mehr, erklärte Krüger und: »Der Retsina hat marketingmäßig so viel zerstört wie bei uns die Liebfrauenmilch.« Es sind solche Sätze, mit denen Krüger die Barriere zwischen ihm und seinen Gästen überwindet. Er doziert nicht, sondern vermittelt Wissen – und das nie von oben herab.

Höhepunkt war ein Rotwein des mehr als 150 Jahre alten Guts Dalamára, hergestellt aus der Rebsorte Xinomavro. Geschmacklich eine Reise zwischen Burgund, dem Piemont und mediterranen Gefilden. Und mit einem »gigantischen Preis-Leistungs-Verhältnis«, wie ein Gast meinte. Eine weitere Teilnehmerin hatte laut eigener Aussage bis zu dem Termin keine Ahnung von Wein, beschloss aber an dem Abend: »In meinem nächsten Leben werde ich Winzerin.« Ein anderer Gast wollte wissen, ob für die kommende Weinprobe noch Plätze frei seien, und sprach damit einen der zentralen Vorteile der Onlinetastings an: ihre Grenzenlosigkeit. Die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wird höchstens beschränkt durch die Zahl verfügbarer Flaschen.

Vom Sekt bis zum Großen Gewächs ist alles dabei

Das ist mit einer der Hauptgründe, warum Weinhändler und Winzer ihr digitales Angebot auch nach dem Ende der Pandemie aufrechterhalten wollen. »Natürlich ist es viel schöner, wenn die Leute zu uns auf den Hof kommen«; sagt Julia Seyffardt, Chefin des Weinguts Diefenhardt, das zum Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) gehört. »Aber wir werden die Onlinevariante auf alle Fälle auch künftig anbieten, etwa für Firmen mit Mitarbeitern an unterschiedlichen Standorten oder Freundeskreise, die weitläufig verstreut sind.« Der Umsatzanteil durch digitale Tastings sei bisher gering. »Allerdings hat es sich noch gar nicht rumgesprochen, dass wir das überhaupt anbieten.«

Die Winzerin macht zudem beim Weintaxi Wiesbaden mit. Die Idee, Flaschen mit dem Auto direkt zum Kunden zu karren, hatte Stefanie Weidenbach-Preuss, die eigentlich eine Eventagentur betreibt. Doch weil das Geschäft massiv leidet unter der Pandemie, verkauft sie nun via Webshop Produkte Rheingauer Winzer. »Es lag nahe, auch digitale Weinproben anzubieten. Seit April haben wir jedes Wochenende eine mit 40 bis 150 Teilnehmern.«

Vor Ort kosten Diefenhardt-Weinproben 15 Euro je Gast. Das Paket zur Onlinevariante enthält laut Website sechs Flaschen für 70 Euro, ein Querschnitt des Angebots: vom Sekt bis zum Großen Gewächs, also dem Spitzenwein des Gutes. Oder drei Flaschen der Ersten Lage, in der VDP-Klassifizierung eine Stufe unter dem Großen Gewächs, für 40 Euro. Zusätzlich pro Teilnehmer Geld zu verlangen, lehnt Seyffardt ab. »Das würde wahrscheinlich wenig Akzeptanz finden.« Allerdings müssen acht Pakete an verschiedene Haushalte verkauft sein, bevor das Event stattfindet.

Das Problem, dass Kunden mit mehreren angebrochenen Flaschen sitzen bleiben, lösen Seyffardt und andere Anbieter inzwischen dadurch, dass sie Videos bereitstellen, die beliebig gestartet und angehalten werden können.

Angelika Angermeier bei einer ihrer Krimi-Wanderungen

Angelika Angermeier bei einer ihrer Krimi-Wanderungen

Foto: Bennet Waldt

Ein anderes Modell verfolgen Angelika Angermeier und ihr Lebensgefährte, Inhaber des Weinguts Porderhof in Saulheim südlich von Mainz. Die 58-Jährige veranstaltet nach eigenen Angaben seit 2017 Krimi-Wanderungen durch und über Weinberge. In Rastpausen liest die Autorin aus ihren Werken, die – man ahnt es schon – im rheinhessischen Weinanbaugebiet spielen. Zudem wird probiert und etwas Kleines gegessen. Normalerweise. Das Coronavirus legte das Geschäft lahm. Angermeier, die mit Öffentlichkeitsarbeit ein zweites berufliches Standbein hat, verlegte ihr Konzept ins Netz. »Die Zahl der Teilnehmer war überraschend hoch.«

Angermeier dachte eigentlich, »dass das schnell in sich zusammenfällt, weil die Leute nach all den Monaten Homeoffice und Homeschooling keine Lust haben, auch noch in der Freizeit vor dem Computer zu sitzen«. Doch sie lag daneben. Sie und ihr Partner wollten nun technisch aufrüsten: »Wir glauben fest daran, dass die Nachfrage nach dem Ende der Pandemie bestehen bleibt.«