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Pandemie-Anschaffungen: Top oder Flop? Unser neuer Mitbewohner, das Rudergerät

Sie hat den Ankauf nicht gewollt, er hat gesagt, es müsse sein: Seit einigen Wochen steht ein sperriges Rudergerät mitten im Wohnzimmer unserer Autorin – und sorgt für Rower's Highs und partnerschaftliche Lows.
Von Eva Lehnen

»Oh! Wie? Du bist schon fertig?«, frage ich meinen Mann. Atemlos steht er in seinen blauen Shorts vor mir, das weiße T-Shirt ist verschwitzt. Die morgendliche Trainingseinheit auf »Concept2 RowErg«, unserem neuen Mitbewohner, ist beendet. 30:07 Minuten, 7069 Meter. Eigentlich nicht schlecht für einen, der sich aus Sport nicht allzu viel macht und früh am Morgen eigentlich lieber mit einem Kaffeebecher in der Hand vor sich hinstarrt, als fokussiert nach dem Handgriff eines Kettenzugs zu greifen.

Wäre ich ein besserer Mensch, ich würde ihn loben für seine Disziplin, sich zwei- bis dreimal die Woche auf das Rudergerät zu setzen. Stattdessen verderbe ich meinem Mann mit meiner pseudoverwunderten Frage die Laune. »Hör auf, mir im Nacken zu sitzen. Ständig guckst du auf die Uhr, wie lange ich gerudert bin oder wann ich wieder aufs Gerät steige. Was soll das?«, fragt er mich gereizt und verschwindet im Bad. Duschen.

Ein optischer Super-GAU. Und eine Stolperfalle.

Ich verstehe seine Wut. Aber für meine Gereiztheit gibt es auch einen guten Grund: Das Ding steht mitten in unserem Wohnzimmer. Ein knapp 2,50 Meter langes und 61 Zentimeter breites Bollwerk gegen den körperlichen Verfall im Lockdown. Eine Pandemie-Anschaffung, die in unserer Etagenwohnung nur zwischen Couchtisch und Bücherwand Platz findet. Ein optischer Super-GAU. Und eine Stolperfalle: Will ich an unser Festnetztelefon oder an ein Buch, muss ich erst die Monoschiene übersteigen. Will ich an unsere Spielesammlung, muss ich dem wuchtigen Windradkorpus ausweichen.

Stünde mein Mann gerade nicht beleidigt unter der Dusche, er würde meine Tirade unterbrechen: »Wer ruft uns schon auf dem Festnetz an?« Oder: »Wann, bitte, hattest du zuletzt Zeit für ein Buch?« Zugegeben: Der letzte »Risiko«-Abend mit Freunden ist auch schon sehr lange her. Eigentlich nutzen wir unser Wohnzimmer seit Monaten kaum noch.

Zum gemütlichen Loungen fehlt uns seit Corona die Muße. Wir haben zwei kleine Kinder und zwei Jobs. Abends sitzen wir statt auf der Couch meist entweder in unserer zum Homeoffice umfunktionierten Vier-Quadratmeter-Abstellkammer am Schreibtisch oder sind damit beschäftigt, zwischen Kinderzimmer und Küche die Trümmer des Tages zu beseitigen. Ist alles geschafft, wanken wir müde, müde, müde von allem ins Bett. Im Wohnzimmer haben wir gefühlt seit Monaten nicht gesessen. Warum könnte dort also nicht ein Rudergerät stehen, das uns bei all dem Irrsinn wenigstens hilft, körperlich einigermaßen fit zu bleiben? Mein Mann will vor allem etwas für seine Hüfte tun. Sein Fitnessstudio hat seit Monaten geschlossen. Joggen? Ist nichts für ihn.

»Das Rudergerät soll ja nicht für immer bleiben. Wenn das alles hier vorbei ist, verkaufen wir es sofort wieder«, sprach mein Mann beruhigend, als er zu Jahresbeginn anfing, immer mehr Zeit auf Ebay Kleinanzeigen zu verbringen, um – wie er es nannte – »ein Gefühl für den Rudergerätemarkt« zu bekommen. Ein Freund, der sich in der Materie auskennt, hatte ihm zur Marke Concept2 geraten.

Die Causa Rudergerät sorgt tatsächlich für ein völlig neues Aktivitätslevel in unserem Leben.

Wir lernten, dass man dieser Tage ziemlich entschlossen vorgehen muss, wenn man so ein Gerät ergattern will. Auf dem Gebrauchtmarkt geht es äußerst fiebrig zu. Kaum ist ein Gerät inseriert, ist es auch schon wieder weg.

Ich erinnere mich an Wochenenden, an denen geplante Familienausflüge kurzfristig abgeblasen wurden, weil mein Mann plötzlich rief: »Ich muss nach Norderney! Am besten heute Nachmittag, sonst ist es zu spät.« Nach Norderney! Von Hamburg aus sind das knapp 300 Kilometer hin – und wieder zurück. Das letzte Stück muss man mit dem Schiff fahren. Für ein Rudergerät? Zum Glück war in diesem Fall ein anderer Bieter schneller – und wir konnten doch noch in den Wildpark fahren. Der Deal mit einem Inserenten aus dem Raum Hannover platzte kurzfristig, weil der sich »emotional« doch nicht von seinem Rudergerät trennen konnte.

Ständig starrte mein Mann nun auf die Kleinanzeigen-App. Und gestand eines Abends, dass er leider seine Kinder-ins-Bett-bring-Schicht nicht antreten könne, da er zur Polizei müsse. Seine neueste Ebay-Bekanntschaft hatte sich leider als nicht besonders vertrauenswürdig erwiesen.

Schreiben Sie uns!

Auch wenn Sie vielleicht nicht Ihr Wohnzimmer in ein Trainingsstudio verwandelt oder – je nach Sichtweise – verschandelt haben: Welche Pandemie-Anschaffung hat sich für Sie als Volltreffer erwiesen? Oder umgekehrt: Welchen Kauf hätten Sie sich besser sparen sollen? Mailen Sie uns gern  ein Foto Ihres persönlichen Tops oder Flops und ein paar Sätze dazu. Eine Auswahl der Einsendungen fassen wir in einem Artikel zusammen. Redaktionelle Kürzungen und leichte Redigaturen behalten wir uns vor. Mit der Einsendung erklären Sie sich mit der Veröffentlichung von Text und Bild unter Nennung Ihres Namens einverstanden.

1000 Euro hatte mein Mann einem Händler aus Nordrhein-Westfalen per PayPal überwiesen – doch die DHL-Lieferung mit dem Rudergerät ist bis heute nicht eingetroffen. Einen dreiseitigen Bericht hat mein Mann bis in die Nacht hinein über den Betrug verfasst, samt Chat-Screenshots und PDFs divergierender Sendungsverläufe – für den Beamten auf dem Polizeirevier, der die Strafanzeige aufnahm.

Ob wir unser Geld jemals wiedersehen? PayPal hat den Antrag auf Rückzahlung im Rahmen des Käuferschutzes abgelehnt. Begründung: Der Händler habe Trackingdaten geliefert, die belegten, dass die Ware geliefert worden sei. Dass das nicht stimmt, scheint PayPal nicht zu interessieren. Wir haben nun einen Anwalt eingeschaltet. Die Causa Rudergerät sorgt tatsächlich für ein völlig neues Aktivitätslevel in unserem Leben.

Was ein Wahnsinn! Dieses Gerät und alles, was damit zu tun hat.

Immerhin ein gerätetechnisches Happy End gibt es mittlerweile zu vermelden: Wenige Tage nach dem Desaster ging eine andere RowErg-Anzeige online. Im Nachbarviertel. Selbstabholung. No risk, nur viel Geschleppe. Bei uns im Wohnzimmer steht nun ein Modell E statt des ursprünglich angepeilten Modell D. Was vor allem bedeutet: Das beschaffte hat höhere Beine und wirkt dadurch noch etwas wuchtiger. Allerdings ist es hellgrau lackiert, nicht schwarz, wie ursprünglich gedacht. Mein Mann wertet das als Zugeständnis an mein ästhetisches Empfinden. Den höheren Sitz findet er sehr angenehm zum Auf- und Absteigen.

Die Nachbarin unter uns trägt die Ruderei netterweise mit Fassung (zum Abdämpfen haben wir inzwischen eine dicke Gummimatte unter das Gerät gelegt). Nur ich kann nicht aus meiner Haut: Jeden Tag starre ich auf das Riesenteil im Herzen der Wohnung und denke: »Was für ein Wahnsinn! Dieses Gerät und alles, was damit zu tun hat!« Daher rührt wahrscheinlich auch meine Erwartungshaltung: Wehe, es wird jetzt nicht regelmäßig – am besten natürlich täglich – gerudert, damit sich diese raumgreifende, nervenaufreibende Anschaffung in einer Zeit, in der aller Nerven ohnehin reichlich dünn gescheuert sind, schnellstmöglich amortisiert.

Gestern Abend wollte ich selbst rauf aufs Gerät, um meine Toleranzmuskeln zu trainieren. Vorsicht, rief mein Mann, gerade als ich auf den Sitz sinken wollte. »Nur, dass du Bescheid weißt: Der Sitz ist ein bisschen wackelig. Leider fehlt mir der passende Inbus.«

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